Zombie-Ameisen

Wie viele andere beschäftigt mich zurzeit ein Gebräu miteinander zusammenhängender Probleme und Fragen rund um die Themen Populismus und politische Vernunft. In dieser Form begonnen hat es in den letzten Monaten von Donald Trumps Präsidentschaftswahlkampf, mit seinem Wahlsieg als vorläufigem traurigen Höhepunkt. Parallel dazu die deprimierenden Entwicklungen in der Türkei, in Ungarn und Polen, die Selbstentlarvung der AfD als Partei buchstäblich fahnenschwenkender Neonazis. Wochen- nein: monatelang habe ich obsessiv viele Nachtstunden auf Twitter verbracht, weil ich mir schlicht nicht vorstellen konnte, dass das Immunsystem der USA sich der schädlichen Trumpisierung nicht unmittelbar entledigen würde. Inzwischen ist mein medizinisches Bild – dort wie hier in Europa – eher an Krebs als an viraler Infektion orientiert: es geht nicht primär um die parasitäre Übernahme eines Gastkörpers, sondern um einen zutiefst destruktiven internen Vorgang, dessen Ursprung und Wirkprinzipien wir noch nicht annähernd verstanden haben.

Als Philosoph interessiert mich die Aufkündigung eines vermeintlich sicheren Konsenses von Grundwerten, aber mehr noch die zunehmende Abkehr von Grundprinzipien der Rationalität, wie der Faktenbasiertheit praktischer (und damit auch: politischer) Entscheidungen. Wir alle – auch die tumbesten AfD-Anhänger – wissen in unserem Alltag um die ’normative Kraft des Faktischen‘. Wüssten wir es nicht, würden wir ständig gegen Glastüren laufen, unsere Züge verpassen und versuchen, im Baumarkt Gemüse zu kaufen.

Die Projektion dieser alltäglichen Evidenzbasiertheit unseres Handelns auf Lebensbereiche, die sich unserer eigenen unmittelbaren Verifikation entziehen, und die im Sinne gesellschaftlicher Arbeitsteilung von anderen, meist von Experten, verwaltet werden, hatte ich naiver Weise für gesichert gehalten. Beunruhigend ist ja nicht nur der Vertrauensverlust gegenüber diesen Experten und Eliten – das wäre ein Problem, das sich mit ein bisschen besserer Vermittlungsleistung beheben ließe. Das Schockierende ist, dass selbst dort, wo hinreichende Evidenz bereit gestellt wird, die Bereitschaft da ist, diese zu leugnen, den Tribalismus der Fundamentalopposition vor die (mögliche) Einsicht zu stellen.

Foto: (c) CC BY 2.5 David P. Hughes, Maj-Britt Pontoppidan

Um die Metaphorik des Krankheitsbildes auf die Füße zu stellen: Es scheint, als ob sich der beschriebene raumgreifende Prozess ganz real der Hirnzellen der Betroffenen bemächtigen und ihre synaptischen Verschaltungen und biochemischen Steuerungsvorgänge kontrollieren würde – wie es gewisse parasitäre Pilze mit Ameisen tun, um sie für ihre Fortpflanzungszwecke zu missbrauchen.

Als politisch denkender Journalist und Bürger schließlich erbost mich die Art und Weise, wie professionelle Kommunikatoren – von politischen Akteuren (FSB, Republikanische Partei, Tories …) über staatlich kontrollierte Medien (China Daily, Russia Today, …) bis hin zu privaten Medienhäusern (Rupert Murdoch, …) – diese psychologisch fundierte Systemschwäche befördern und für eigene destruktive Zwecke nutzen – im vollen Bewusstsein der Tat, ja sogar begründet in taktischer und strategischer Absicht. Der kognitiven Ohnmacht breiter Bevölkerungsschichten tritt hier charakterliche Niedertracht von Teilen der Eliten zur Seite.

Das also ist die Gemengelage, die nicht nur meine nächtlichen Befindlichkeiten, sondern auch meine tägliche Arbeit mehr und mehr bestimmt. Dazu gehört das schon erwähnte bevorstehende Seminar über Redefreiheit, aber auch die Fortsetzung meines Einsatzes für die öffentlich-rechtlichen Medien (ich sehe Spuren der oben beschriebenen Niedertracht in diesem Zusammenhang auch hierzulande in den Kampagnen privater Medienanbieter wie Axel Springer oder FAZ). Auf theoretischer Ebene begegnet mir das Problem in der weiterhin nur leicht gebrochenen Dominanz relativistischer Erkenntnis- und Wissenschaftstheorien (Stichwort: radikaler Konstruktivismus), die ich immer schon für eine Ausgeburt von Denkfaulheit gehalten habe, und die ich vor dem Hintergrund der gegenwärtigen politischen Entwicklungen als eine Art philosophischen Populismus identifiziere.


Postscriptum: Die Kategorie „Earthly Powers“, unter der dieser Eintrag erscheint, dient mir immer schon für die Einordnung von Werken des Bösen, sei es jenseits unserer Kontrolle, sei es unter tätiger Mitwirkung menschlicher Akteure. Das geht zurück auf Anthony Burgess‘ grandiosen Roman gleichen Namens, der eine Art ‚Teufelsbeweis‘ führt.