Ins Getümmel!

Nach den erfolgreich abgeschlossenen Datenjournalismus-Projekten in diesem Semester habe ich mir vorgenommen, im Wintersemester ein weiteres aktuelles Buzzword aufzugreifen und ein Projekt zum Thema Prozessjournalismus anzubieten.

Was ist Prozessjournalismus? Jeff Jarvis hat den Begriff vor ungefähr zwei Jahren in die Diskussion gebracht, aber die zugrundeliegende Idee ist weit älter. Das Internet unterläuft eines der Paradigmen des klassischen Journalismus: den Primat des einzelnen Beitrags, der einen wohlgesetzten Ort innerhalb eines journalistischen Produktes hat und einen in sich geschlossenen Spannungsbogen aufweist.

Zunächst reißt das Internet den einzelnen journalistischen Beitrag aus seinem Produktzusammenhang und entlässt ihn ganz auf sich gestellt der großen bösen Welt darwinistischer Suchmaschinen. Dort, und im etwas humaneren Gefüge internetgestützter Diskussionen und Empfehlungsprozeduren wird er in neue, ständig wechselnde Kontexte gestellt. Er wird neben die Beiträge anderer, konkurrierender Medien gehalten, er wird analysiert, verglichen und bewertet.

Diese Re-Kontextualisierung findet auch in zeitlicher Hinsicht statt: der einzelne Beitrag ist nicht mehr einfach ein abgeschlossenes mediales Statement aus berufenem Munde, er erweist sich als Antwort auf frühere Beiträge, als Fortsetzung eines Diskurses, als ein kleiner, fragmentarischer Strang in einem Geflecht aufeinander bezogener Äußerungen und Stimmen, das mit unserem betrachteten Beitrag natürlich nicht endet, sondern an dessen Fortsetzung, während wir den Beitrag lesen, hören oder sehen, schon gearbeitet wird.

Dies alles ist natürlich auch früher schon der Fall gewesen, aber das Internet macht es gnadenlos sichtbar, es hebt das einzelne Werkstück von seinem Sockel und wirft es auf den Marktplatz, wo es sich gegen Seinesgleichen behaupten muss, und der Rezipient darf sehen, wie er sich in dem Geschrei zurechtfindet.

Wer in dieses Chaos Ordnung bringen will, der tut, so Jarvis, gut daran, sich nicht mehr an der Geschlossenheit des journalistischen Produktes oder des einzelnen Beitrags festzuhalten, er sollte sich vielmehr an der fokussierenden Kraft von Themen orientieren. Themen sind der wahre Kern des Journalismus, mit der Themenfindung beginnt die Recherche, Themen schaffen und lenken Aufmerksamkeit, sie entwickeln, entfalten und wandeln sich in der Zeit.

Und genau hier muss nun eine neue Verantwortung der Journalisten liegen: den öffentlichen und medialen Diskurs entlang solcher Themen zu orchestrieren, einzelne Stimmen, die es verdienen, hervorzuheben, Zusammenhänge hörbar und sichtbar zu machen, die eigene Stimme dort (und nur dort) einzubringen, wo ein eigener Beitrag sinnvoll erscheint und einen Mehrwert erbringt.

Dieses Sich-Zurücknehmen, auf Andere eingehen, ihnen Raum gewähren, dabei Position beziehen, aber auch bereit sein, sich bei Bedarf zu korrigieren – diese aufmerksame Bescheidenheit ist bislang Sache des Journalismus kaum gewesen, und die Herausforderung künftiger Journalistengenerationen besteht darin, dieses Handwerk demütiger Gestaltung zu lernen und darin richtig gut zu werden – besser als andere, denn der Wettbewerb hört natürlich nicht auf und es geht ums Überleben.

Beispiele für einen Journalismus, der wirklich so funktioniert, gibt es bislang nicht viele. Die klassische Form der Presseschau liefert ein Vorbild. Eher noch kann man sich aber an dem mittlerweile mehr als zehn Jahre gewachsenen und gereiften Modell der Blogosphäre orientieren, wo die Miszelle zur eigenen Form erhoben wurde und Anknüpfung, Verlinkung und Dialog zum Prinzip. So sind es denn auch eher bloghafte journalistische Produkte, die als Beispiele für Prozessjournalismus herhalten müssen: die Huffington Post oder das von mir schon häufiger erwähnte Talking Points Memo. In Deutschland? Eher Fehlanzeige. (Gegenbeispiele sind willkommen!)

Das also sollen die Drittsemester des Studiengangs Online-Journalismus im Winter ausprobieren. Entlang einer Reihe von Themen sollen sie journalistische Artikel, Blogbeiträge, Videos und Tweets sammeln, auswählen, einordnen, und im Kontext präsentieren. Sie sollen eigene Beiträge produzieren und in den erarbeiteten Zusammenhang einflechten. Wir werden auf bestehende Werkzeuge wie das glorreich wieder auferstandene Rivva zurückgreifen. Wir werden mit verschiedenen Präsentationsformen experimentieren. Wir werden Tumblr-Blogs, Storify und Wikis einsetzen und herauszufinden versuchen, welche dieser Plattformen aus Sicht der Produktion und welche aus Sicht der Leser/Teilnehmer am besten funktionieren. Ich freue mich darauf.

3 Kommentare

  1. Als deutsches Beispiel wäre mir am ehesten die Berichterstattung der ARD über die Proteste und den Umsturz in Ägypten eingefallen, unter Berufung auf Tweets, Youtube-Videos und Bilder aus lokalen Fernsehstationen. Im Vergleich beispielsweise mit der Berichterstattung der BBC war das natürlich allenfalls Flickwerk. Aber vielleicht taugt es dennoch als (eben nicht ganz gelungenes) Beispiel.

    Hierzu: http://networkedblogs.com/dGs18

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