Troll Attack!

Aus gegebenem Anlass hier nochmal ein altes Stück Clubvolt, vom 25. Dezember 2003, das bei der Migrationspanne verschüttet wurde:

Das ist doch mal was: Geert Lovink, Grandseigneur der europäischen Netztheorie, lässt sich in die Niederungen des alltäglichen Grauens herab. Ausgerechnet für Lettre, nicht gerade New Media, kommentiert Lovink die jüngsten Stinkbomben-Attacken der Stammtrolle in der Mailingliste „Rohrpost“ und die hilflosen Reaktionen der übrigen Teilnehmer und Moderatoren. Nicht ohne Höheres im Blick zu behalten, versteht sich: „Rohrpost im Herbst. Oder das Schweigen der Medientheoretiker“ lautet der Titel. Da schwingen unheilverkündend gleich die großen Glocken RAF, BKA und Hannibal Lecter im Konnotationsraum mit.

Naja, sehen wir es ihm nach, auch ein Altmeister muss seine Produkte verkaufen. Vergnüglich ist, wenn Lovink in extenso die polternden Reaktionen der empörten Betroffenen zitiert und damit zeigt, dass nicht nur die eigentlichen Trolle, sondern auch die angeblich so hochkarätigen übrigen Teilnehmer des medientheoretischen Netzwerks „Rohrpost“ es deutlich an sozialer Kompetenz missen lassen.

Denn darum geht es natürlich bei der ganzen Sache, um soziale Kompetenz. Das Problem der Inbesitznahme durch Soziopathen torpediert seit Anbeginn nicht nur die einzelnen virtuellen Gemeinschaften, es hat auch insgesamt die euphorischen Erwartungen an offene Kommunikationsschnittstellen im Internet, deren Loblied Howard Rheingold noch vor zehn Jahren sang, deutlich gedämpft – zumindest bei uns allen, die wir uns einmal praktisch an solchen Experimenten versucht haben (wie der Autor dieser Zeilen jahrelang in den Webforen von SPIEGEL und ZEIT).

Was haben wir daraus gelernt? Der Netzdiskurs ist ohne soziale Kontrolle nicht denkbar, soviel ist klar. Ein guter und klarer Weg ist die Transformation des offenen Diskussionsgeschehens in ein redaktionelles Produkt, wie es hart moderierte Foren praktizieren, in denen kein Beitrag erscheint, der nicht den kritischen Blick des Redakteurs, i.e. Moderators, passiert hat. (Beispiel: die von Lovink und Pit Schulz gegründete Mailingliste „nettime“) – Nur Idioten schreien hier sofort „Zensur!“.

Doch der Teufel steckt im Detail: Wo zieht man denn nun die Grenzen des Erträglichen? Viel Erfahrung, Augenmaß und Souveränität sind erforderlich, und im Alltagsbetrieb ein gutes Maß dezisionistischer Willkür.

Es ist also nicht nur Idealismus, was andere davon abhält, diesem Beispiel zu folgen. Natürlich träumen wir alle den Traum vom ungefilterten Diskurs. Aber es macht einfach auch unglaublich viel Arbeit, in einem funktionierenden Diskussionszusammenhang von mehreren Hundert aktiven Teilnehmern jeden Beitrag lesen und bewerten – und sich dann dem geballten Zorn der geprellten Minderheiten aussetzen zu müssen.

Der Gegenentwurf zum redaktionellen Filter heißt daher meistens schlicht laisser-faire. Wohin das führt, haben nicht nur die Teilnehmer und Moderatoren von „Rohrpost“ erlebt. Es ist nicht das vielzitierte Rauschen, das den Diskurs offener Foren über kurz oder lang beherrscht, es sind einzelne, sehr artikulierte Großmäuler, die das Revier kontrollieren wie Schlägerbanden, ehe das Gespräch endgültig zum Erliegen kommt.

Gibt es ein Patentrezept zwischen den beiden Extremen redaktioneller Kontrolle und völliger Offenheit? Einzelne Teilnehmer haben auf die Möglichkeit verwiesen, störende Inhalte von Seiten der Teilnehmer automatisiert wegzufiltern. Von der Ur-Community „The Well“ stammt der Begriff des „bozo filtering“ (Bozo heißt der unangenehme Clown einer US-amerikanischen Fernsehserie). Eine individuell angepasste Filterliste macht es in zentralisierten Online-Foren möglich, die Beiträge einzelner nervender Teilnehmer auszublenden. Bei Mailinglisten können dies individuelle Filtermechanismen des Mailprogramms übernehmen, die die Troll-Beiträge ‚/dev/null‘ zuleiten, dem sprichwörtlichen digitalen Nirvana. Für dieses Verfahren spricht, dass es normalerweise keinen klaren Gruppenkonsens darüber gibt, wer als Troll anzusehen ist und wer nicht. So kann jeder seine Grenze selber ziehen.

So stark dieses Argument klingt, das Verfahren hat auch seine Schwächen: Zum Einen ist es technisch oft nicht ganz einfach, entsprechende Filter zu bedienen, und manche Teilnehmer scheitern am nötigen Können oder Aufwand. Das und die schiere Streitlust anderer Teilnehmer führen dazu, dass die Troll-Attacken auch dann den Diskussionsverlauf beeinträchtigen, wenn man die Beiträge der eigentlichen Störenfriede gar nicht mehr sieht: Andere reagieren darauf, und die Attacken wirken genauso gut ex negativo. „Don’t feed the trolls!“, lautet eine kluge Maxime der Netz-Weisen. Kaum eine wird häufiger missachtet.

Aber es gibt noch einen anderen Grund, es nicht allein bei dezentralen Maßnahmen zu belassen, und der ist psychologischer Natur: Ein gutes Diskussionsklima bedarf identitätsstiftender Mechanismen. Die Ortsmetapher bei den verschiedenen „Foren“ oder „Salons“ des Internet kommt nicht von ungefähr. Mailinglisten haben sich wahrscheinlich von allen Online-Diskussionsformaten am weitesten von dieser Kaminfeuerromantik emanzipiert. Aber auch wenn ich in meinem Mail-Programm den Ordner „Rohrpost“ öffne, betrete ich gewissermaßen einen Ort, und es begleitet mich ein Set eingespielter Erwartungen über das, was mich dort erwartet: die Informationen, die ich dort erhalte, die Stimmen, die mir dort begegnen. Ob ich mich am Gespräch beteilige, und wie ich es tue, wird davon abhängen, ob ich mich mit diesem Ort zu identifizieren vermag oder nicht.

Die ganzen albernen ‚post-humanistischen‘ oder post-irgendwas Diskurse und Theorien, denen gerade die Teilnehmer von Rohrpost und nettime gern anheim fallen, leugnen immer wieder diesen simplen common sense, vielleicht, weil er sich im Vollzug dann als so unendlich schwierig erweist: Menschen sind Menschen, sie brauchen Vertrauen, um sich zu öffnen. Sie wollen sich wohl und sicher fühlen, sie wollen nicht angepöbelt oder an den Rand gedrängt werden.

Identitätsstiftende Maßnahmen, darauf läuft es hinaus: Türen, die geöffnet und geschlossen werden, freundliche Grußworte der Gastgeber, bestimmte Worte, wenn sich jemand im Ton vergreift, auch mal ein Rauswurf und ein Hausverbot. Ein ausgefeiltes, zugleich flexibles Regelsystem muss her (vgl. die Spielregeln der ZEIT-Debatte), und es muss durchgesetzt werden. Oh Weh, Anmaßung. Der ratlos anti-autoritäre Habitus der Nachkriegsgenerationen überlagert hier immer wieder den gewachsenen liberalen Geist der europäischen Aufklärung und behindert diesen, statt ihm seine Hochachtung zu zollen.

Patentrezepte im Umgang mit Trollen und Störenfrieden gibt es nicht. Will man ihnen jedoch nicht die Macht im gemeinsamen Raum überlassen, bleibt keine andere Wahl, als die Verantwortung für das Geschehen in die eigene Hand zu nehmen und Macht auszuüben. Im sozialen Gefüge muss der Respekt gegenüber Mehrheiten und Minderheiten immer aufs Neue abgewogen werden. Dies zu tun, ist ein Job sozialer Eliten, die in der besten aller möglichen Welten ihren Rang ihrer sozialen Kompetenz verdanken und nichts anderem. In der wirklichen Welt ist es oft der Zufall, der jemanden unvermittelt zum Moderator eines Online-Forums macht und damit in die Verantwortung zwingt. Nützt ja nix: Shit or get off the pot.

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