Mit angezogener Handbremse

Alle (fünf) Jahre wieder: Eine kurze Einschätzung des aktuellen Stands im Online-Journalismus hat der Kollege Thomas Mrazek von mir erfragt. Das Interview wird in der Neuauflage der netzwerk recherche-Werkstatt „Online-Journalismus“ Ende November 2010 erscheinen.

Thomas Mrazek / netzwerk recherche: Sie bezeichnen sich selbst als „typischer Purist eines ‚besseren‘ Online-Journalismus“: Wie sehen Sie den aktuellen Zustand des Online-Journalismus in Deutschland, was läuft gut, was läuft weniger gut?

Lorenz Lorenz-Meyer: Der Online-Journalismus in Deutschland fährt immer noch mit angezogener Handbremse. Solange Verleger und Altjournalisten in Abwehrhaltung gegenüber den digitalen Medien erstarrt bleiben, und solange falsche Erfolgskriterien wie möglichst große Reichweiten oder Geschwindigkeit vorherrschen, wird sich das auch nicht ändern. Wir brauchen viel, viel mutigere Produkt- und Formatentwicklungen, die dann mit einem deutlich längerem Atem betrieben werden müssen. Natürlich beherrschen Online-Redaktionen wie die der Welt oder der Zeit mittlerweile recht gut ihr Handwerk, aber die meisten Produkte sind weiterhin viel zu sehr am Paradigma des schnellen Nachrichtenjournalismus orientiert und fallen damit der Redundanz und Beliebigkeit anheim. Und sie bewegen sich einfach zu wenig.

Dann wird das Potential des Online-Journalismus in Deutschland nach Ihrer Einschätzung nicht ausgeschöpft?

Natürlich nicht. Man muss sich nur mal die Preisträger US-amerikanischer Online-Journalismus Awards anschauen, um zu ermessen, wie mittelmäßig das Niveau der meisten hiesigen Anbieter ist. Den Luxus multimedialer Formate erlauben sich eigentlich nur die Öffentlich-Rechtlichen, obwohl der Aufwand gar nicht einmal so groß sein müsste, wenn man nicht seine ganzen Ressourcen in den schwachsinnigen Wettlauf um die schnellste DPA-Meldung stecken würde. Natürlich gibt es immer wieder mal Anstrengungen, wie jetzt gerade im Umfeld der Wikileaks-Veröffentlichungen zum Thema Afghanistan und Irak einen plötzlichen Boom des Datenjournalismus, mit entsprechenden Blogs bei Zeit und taz. Das ist lobenswert, wird aber vermutlich auch wieder schnell einschlafen.

Welche journalistischen Impulse gehen nach Ihren Beobachtungen von deutschen Blogs aus; haben Blogs das Medienspektrum nun tatsächlich bereichert, gibt es Beispiele, die das belegen …?

Es gibt ein paar wirklich gute Blogs, die als Impulsgeber funktionieren könnten. Ich nenne mal ein etwas ungewöhnliches Beispiel: Der TV-Moderator Cherno Jobatey betreibt ein zu Unrecht kaum bekanntes Blog, auf dem er sein Team jeden Morgen eine umfangreiche, exzellente Kommentarpresseschau zusammenstellen lässt. Das ist einfach ein „Abfallprodukt“ des Frühstücksfernsehens. Dabei sind, wie wir von den Perlentauchern wissen, Presseschauen doch eines der Dinge, für die das Internet wie gemacht ist! Ich ziehe meinen Hut vor Herrn Jobatey, dass er das erkannt hat, und dass er sowas einfach umsetzt.

Die Welt hatte mit der „WeltLage“ bis vor kurzem auch einen sehr schönen Presseschau-Newsletter. Aber sie haben ihn nicht nur viel zu wenig beworben, sie haben darüber hinaus den Fehler wiederholt, den die Zeit mit einem ganz ähnlichen Format vor zehn Jahren gemacht hat: Er ist hinter einer Paywall verschwunden und dort, vollkommen vorhersehbar, innerhalb weniger Wochen krepiert.

Die spannendste Neugründung der letzten Zeit ist sicher Robin Meyer-Luchts Carta. Dort entsteht eine neue Form politischen Journalismus, und Robin und seine Truppe haben es endlich geschafft, internetbezogene Themen in einen weiteren medienpolitischen Rahmen einzubinden und somit die übliche Nabelschau der Szene zu überwinden.

Aber die guten Impulse werden nicht wirklich angenommen und von finanzkräftigen Partnern ausgebaut, wie man es sich wünschen würde. Im Gegenteil, man hat den Eindruck, dass die Betreiber qualitativ hochwertiger Ansätze von den großen Anbietern im Stich gelassen werden, nicht nur im Bereich der Blogs. Ein Beispiel, das ich besonders krass und unverständlich finde, ist Rivva. Dass es Frank Westphal bis heute – trotz klarer Bemühungen – nicht gelungen ist, diesen phantastischen Dienst bei einem großen, leistungsstarken Anbieter unterzubringen, zeigt einfach, wie gering die Spielräume für Innovationen in der deutschen Medienlandschaft de facto sind, und wie wenig Kompetenz und Urteilssicherheit letztlich vorhanden sind. Wer das Potenzial von einem Dienst wie Rivva nicht sieht, kann vom Potenzial digitaler Medien insgesamt nicht viel verstanden haben, trotz regelmäßiger gemeinsamer Podien mit Alan Rusbridger, Jeff Jarvis oder Marissa Meyer …

In der 2005 erschienen Werkstatt „Online-Journalismus“ haben Sie gefordert, dass Journalisten die Blogosphäre umarmen, sich über diese neu entstandene „Echo Chamber“ freuen sollen. Wie beurteilen Sie heute den Umgang von Journalisten mit Blogs; haben sich nicht einige wenig gut gedeihende Blog-Projekte bei Medien wie etwa bei FAZ.NET entwickelt?

Naja, immerhin: Ein paar von denen sind in ihren Nischen ganz gut und erfolgreich. Ihr Problem besteht vor allem darin, dass sie von ihren Redaktionen schlecht positioniert werden. Schon mit der Bezeichnung „Blog“ ist in Deutschland eine Stigmatisierung verbunden. Wenn man seine Blogs bekannt machen will, darf man nicht schüchtern herumdrucksen: „Guckt mal hier, wir haben jetzt auch Weblogs!“. Man muss laut und deutlich bekannt machen, dass man wirklich gute Autoren hat und spannende Inhalte produziert – das muss im Vordergrund stehen! Wenn uns von den Berliner Bussen zum ersten Mal auf einer Werbefläche das Konterfei eines Zeit-Bloggers entgegenlächelt wie einst Carrie Bradshaw in „Sex and the City“ von den New Yorker Bussen, – dann schöpfe ich Hoffnung. (Das Bild mit der Umarmung der Blogosphäre stammt übrigens von Jochen Wegner.)

2005 haben Sie auch gesagt gesagt: „Es kann eigentlich keine bessere Zeit für journalistische Initiativgründungen geben als jetzt.“ Wie sehen Sie das heute? Jochen Wegner, bis vor kurzem Chefredakteur von Focus Online, sagt ja, dass Journalisten künftig Unternehmer werden müssen. Wie reagieren Sie in Ihrem Studiengang auf diese Herausforderungen?

Wir bieten im Studiengang Online-Journalismus mehrere Veranstaltungen zur Medienökonomie an, die sich auch mit ganz praktischen Aspekten wie der Selbstvermarktung freier Journalisten, den verschiedenen Erlösquellen im Online-Journalismus, dem redaktionellen Marketing oder der Mechanik einer kleinen Geschäftsgründung beschäftigen. Die Studenten sollen begreifen, dass journalistische Arbeit eingebettet ist in ein hartes Geschäft, und dass die publizistische Freiheit ein Gut ist, das man sich immer wieder auch ökonomisch erstreiten muss. Vor allem wachsen unsere Studenten mit einem weiteren Medienverständnis auf, in dem die Grenzen zwischen Amateurpublizistik und professionellem Journalismus fließend und transparent sind, und in der das Experimentieren zum Alltag gehört. Wenn schon die alten Medienorganisationen nicht in der Lage sind, mit den aktuellen Herausforderungen zurechtzukommen, soll jedenfalls eine junge Generation heranwachsen, die sich an die Aufgabe herantraut, den Journalismus komplett neu aufzustellen.

Als mehr oder weniger neue Akteure im Umfeld des Online-Journalismus sind soziale Netzwerke hinzugekommen, Medien sind dort auch präsent. Wie sehen Sie die Perspektiven des Online-Journalismus in dieser veränderten Medienwelt; sind das nur temporäre Erscheinungen?

Solange Soziale Netzwerke wie Facebook einen so gewaltigen Zulauf haben, muss man natürlich darauf reagieren und sie als Vermarktungsplattform nutzen. Das betrifft leider auch das redaktionelle Marketing. Das heißt: Auch wir Journalisten können uns dem nicht entziehen, ob wir es mögen oder nicht. Ich persönlich halte gar nichts von Facebook. Das ist wie eine Reinkarnation der geschlossenen kommerziellen Welten von AOL und ähnlicher Dienste aus den 1990-er Jahren. Wenn dieser Dienst endlich wieder in der Versenkung verschwindet, werde ich eine Flasche Champagner köpfen.

Und welche Rolle spielt Google?

Den Aufstieg von Google mit seiner breiten Produktpalette sehe ich ganz anders. Google bereichert den Markt andauernd mit innovativen Tools und Infrastrukturen. Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass Google die Verleger ein bisschen vor sich hertreibt. Sie tun dies mit einer grundsätzlich offenen Strategie, und immer in enger Allianz mit den Interessen der Verbraucher. Das ist mir außerordentlich sympathisch.

Wie stehts mit Twitter?

Twitter hat sich als die genialste Erfindung in der Internet-Kommunikation der letzten Jahre entpuppt. Was zunächst aussah wie eine völlig redundante Banalitätenschleuder, ist mittlerweile eines der mächtigsten Empfehlungswerkzeuge für guten Journalismus, und eine phantastische Plattform, um sich zu fast beliebigen Themen in Echtzeit ein Stimmungsbild aus der Community zu verschaffen.

Wie sehen Sie die ökonomische Zukunft des Online-Journalismus, welche Geschäftsmodelle könnten – bei „großen“ wie bei „kleinen“ Angeboten – durchsetzen?

Auf lange Sicht wird sich bei journalistischen Formaten eine Kombination aus Paid Content und einer zielgruppengenaueren Werbung durchsetzen. Es wird weiterhin Quersubventionierung über verschiedene Geschäftsfelder hinweg geben. Und im Internet eine Konzentration auf spezifische redaktionelle Kernkompetenzen.

Das Ipad, die E-Reader, Mobile Devices: Viel PR-Wind um nichts oder tatsächlich ein ökonomischer Hoffnungsträger für den Journalismus und ein Wegweiser für einen neuen, multimedialen Online-Journalismus?

Die besondere Bedeutung dieser neuen Generation von mobilen Endgeräten besteht darin, dass sie auf das entspannte Lesen hin optimiert sind und somit den Online-Journalismus aus dieser verklemmten Rezeptionssituation am Schreibtisch befreien. Das heißt, dass – im Zusammenhang mit kleinen, feinen Diensten wie Instapaper – endlich auch lange Texte mit Genuss am Screen gelesen werden können, wenn die Zeit und die Stimmung dafür da ist. Das ist die wahre Revolution für den Journalismus, und nicht diese blödsinnige Vorstellung verinselter Medien-Apps, mit denen man den Lesern wieder veraltete Bündelungsmethoden aufzwingen will: „Friss oder stirb!“.

Wir haben – schon ganz selbstverständlich – Google als ergänzendes Recherche-Werkzeug, wir haben die Sozialen Netzwerke, die wir zumindest für Recherchen nutzen können; wir haben neuerdings Wikileaks; wir können unser Publikum mit dem Prozessjournalismus in unsere Recherchearbeit miteinbeziehen. Hat der Online-Journalismus – wenn er konsequent ohne ökonomischen Druck im Hintergrund stattfinden kann – unterm Strich nicht eine glänzende Zukunft vor sich?

Dem habe ich nichts hinzuzufügen. 🙂

Vielen Dank an Thomas Mrazek und das netzwerk recherche für die Erlaubnis, das Interview hier vorab zu publizieren!

11 Kommentare

  1. Wenn ich wieder lesen muss, dass etwas „spannend“ ist, oder gar das „spannendste“, hör ich sofort auf, weiterzulesen. Zumal der Cherno J.-Verweis kurz zuvor schon unappetitlich genug war.

  2. Pingback: Marcus Bösch

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.