Zeitung als Luxusprodukt

Kleiner Beitrag in einer Serie über die Zukunft der Zeitung, der in einer Sonderausgabe des Handelsblatts zu dessen 60. Geburtstag am 16. Mai 2006 erschien.

Als Alan Rusbridger, Herausgeber des Guardian, kürzlich vor der britischen Royal Society of Arts über die Zukunft der Zeitung sprach, wies er sein Publikum auch auf den Kalifornier Craig Newmark hin: Dies sei der Mann, der gerade eigenhändig die US-amerikanische Zeitungsindustrie zerstöre. Rusbridger übertreibt nicht. Newmarks weitgehend kostenloser Online-Kleinanzeigenmarkt Craig’s List beraubt die Branche eines ihrer entscheidenden wirtschaftlichen Fundamente, ganz ohne böse Absicht.

Die unbestreitbare Überalterung ihrer Leserschaften und zunehmende Konkurrenz durch digitale Medien tragen zur düsteren Stimmung der Zeitungsmacher bei. Und neben dem Zusammenbruch des Kleinanzeigengeschäfts beginnen auch die großen Anzeigenkunden, die neuen Möglichkeiten einer zielgruppengenaueren Ansprache wahrzunehmen und verlagern ihre Etats mehr und mehr ins Internet, wo die jüngere Generation bereits auf sie wartet.

Ist die Zeitung, wie wir sie kennen, ein Auslaufmodell, getragen allein noch durch die Trägheit unserer Nutzungsgewohnheiten? Zumindest steht sie vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte, sich neu zu definieren. Die schnelle Nachricht, aber auch die kluge Bewertung und Analyse, all das kann das Internet auch, und vielfach besser. Mit neuen Display-Technologien werden auch die Argumente der Transportierbarkeit und besseren Lesbarkeit über kurz oder lang hinfällig werden. Längst ist der Transfer der profilierten Medienmarken ins World Wide Web gelungen.

Was also kann ein Stapel Papier, was Bildschirm und Tastatur nicht vermögen? Bei aller Unhandlichkeit bietet die traditionelle Zeitung immer noch ein überlegenes Interface: Kein Online-Dienst der Welt kann es bislang mit ihr aufnehmen, was Übersichtlichkeit angeht. Die schiere Materialität des Produkts bereitet in ihrer Dreidimensionalität die bessere Bühne für einen Mehrwert, den der professionelle Journalismus neben der bloßen Herstellung von Nachricht und Meinung auch bietet: Auswahl und Gewichtung.

Solange dies so bleibt, solange dem rein haptischen Vergnügen des Zeitungslesens auch ein echter Nutzen zur Seite steht, wird es weiter Zeitungen geben. An Konzept, Herstellung und Vertrieb wird sicher manches zu modernisieren sein. Die Zeitung der Zukunft wird personalisierbare Varianten kennen, die sich der Leser selbst zusammenstellt und am eigenen Drucker produziert. Aber er wird auch dankbar dafür sein, wenn ihm diese Arbeit auf Wunsch erspart bleibt und er einfach weiterhin zum Kiosk gehen kann.

Die Freunde des papierenen Formats werden sich damit abfinden müssen, dass das Geschäft an anderer Stelle gemacht werden wird. Dass Zeitungen zunehmend zum querfinanzierten Derivat großer, vorwiegend im Internet positionierter Medienmarken werden. Ein Luxusprodukt, das sich hoffentlich auch künftige Generationen werden leisten können.

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