Taktik und Strategie

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Meist macht Mercedes Bunz auf ihren Deutschlandtrips in Lüneburg halt, aber gelegentlich kehrt sie auch nach Berlin zurück. Gestern zum Beispiel. Vor einem überwiegend grauhaarigen Publikum hat sie bei der Heinrich-Böll-Stiftung darüber referiert, wie die digitale Revolution den Kapitalismus herausfordert. (Wo zeigt sich eigentlich der Generationenwechsel im grünen Kulturkreis? Nur mal so dahingefragt.)

Herausgefordert werde der Kapitalismus vor allem durch das Potential der digitalen Medien, Handlungsräume zu eröffnen, die sich dem Diktat der Wirtschaftlichkeit beharrlich entziehen – eine Tendenz, die Mercedes unter anderem mit den enormen Kapitalvernichtungsprozessen illustrierte, die sich in den vergangenen zwei Dekaden in der ‘New Economy’ abgespielt haben.

Ein weiteres Thema war – dem graugrünen Publikum angemessen – unser ambivalentes (die Referentin nannte es: “hysterisches”) Verhältnis zu neuen Technologien. So wurde auch in der anschließenden Diskussion die Frage verhandelt, ob nicht doch manche Technologien inhärent schlecht seien. Als schließlich die Frage aufkam, ob man hier wirklich von “Technologie” oder nicht eher von “Technik” sprechen müsse, hat mich das an Diskussionen im akademischen Senat meiner geliebten Darmstädter Hochschule erinnert, darüber, ob man den Informatikern den Ehrentitel “Ingenieure” gönnen dürfe.

Interessant fand ich Mercedes’ expliziten Rückgriff auf den französischen Historiker Fernand Braudel und dessen Fokussierung auf langfristige Prozesse statt auf eine Geschichte der Ereignisse. Wenn wir den kulturellen und politischen ‘Impact’ des Internet betrachten, stehen wir immer wieder unter dem Bann des Augenfälligen, Unmittelbaren. Braudel und die Bloch-Schule öffnen den Blick für die dauerhaften, tektonischen Verschiebungen.

Ich glaube, man kann noch einen Schritt weiter gehen: Wenn wir uns zu sehr auf das Aktuelle, das direkt Machbare konzentrieren, besteht die Gefahr, dass wir die langfristigen Prozesse quasi als markt- oder gar naturgesetzliche Entwicklungen wahrnehmen, die wir sozial oder politisch nicht wirklich beeinflussen können.

Dazu eine kleine Erinnerung: Ungefähr zu der Zeit, als Mercedes Bunz mit ihren Freunden die Zeitschrift de:bug gründete, Mitte bis Ende der 90er Jahre, gab es bereits einen lebendigen internettheoretischen Diskurs. Vor allem in den Niederlanden, in Amsterdam, aber auch in Berlin und anderen Metropolen, diskutierte man viel über neue politische und künstlerische Spielräume.

Ein Buzzword damals war “tactical media”. Der Begriff knüpfte unter anderem an die Bewegung der Situationisten an, die Mitte des vorigen Jahrhunderts dazu aufgerufen hatten, in einer „Gesellschaft des Spektakels“ bestehende Medien zu kapern und für taktische Aktionen zur Wiederaneignung der gesellschaftlichen Realität zu verwenden.

Der taktische, kurzfristige Gebrauch digitaler und anderer Plattformen steht seitdem immer wieder im Vordergrund des politischen Mediendiskurses, von den Hacks der Yes-Men oder von Anonymous, über die Enthüllungen der Leaks-Plattformen, die kleinen und großen Flashmobs, bis hin zu den sogenannten “Facebook- und Twitter-Revolutionen” in Nordafrika, Osteuropa oder Lateinamerika.

Natürlich gibt es im Hintergrund auch Bewegungen, deren Ausrichtung und Zielsetzung eher strategisch sind: Etwa die Bemühungen um Open Data und Open Access, der langfristige Kampf um Internetfreiheit und eine Gesetzgebung, die das Internet als elementare Kommunikationsinfrastruktur freihält von beschränkenden kommerziellen und staatlichen Zugriffen.

Als erfolgreiches strategisches Projekt zeigt sich im Nachhinein auch die Entwicklung technologischer Plattformen wie GNU/Linux oder Tor, mit dem Potential, eine nicht durch wirtschaftlichen Opportunismus korrumpierbare sichere Kommunikationsinfrastruktur zu schaffen.

Dennoch kommt es vielen als ein Schock, dass all diesen letztlich zivilgesellschaftlichen, demokratischen, an Idealen einer offenen Gesellschaft orientierten Bestrebungen bereits mächtige Gegner gegenüberstehen, die sich über all die Jahre überwiegend im Verborgenen formiert und – das ist der entscheidende Punkt – den digitalen Kosmos strategisch appropriiert haben.

Es ist eine Frage der politischen Prioritäten, ob man das Gravitationszentrum dieser Bewegungen eher im kommerziellen Bereich sieht – bei Playern wie Google oder Facebook, oder im staatlichen Bereich, wo Geheimdienste und andere Sicherheitsbehörden systematisch elementare Grund- und Menschenrechte aushebeln.

Ich persönlich bin weiterhin bereit, meine Daten Google anzuvertrauen um den Preis einer zielgruppengerechten Ansprache durch Werbekunden. Das ist ein offener Deal, und ich habe – zumindest bis jetzt – wenig Grund zur Annahme, dass Google meine Daten missbraucht. Der systematische Einbruch in meine Privat- und Intimsphäre jedoch, den sich staatliche Behörden offensichtlich seit Jahren erlauben, macht mich zornig und untergräbt das Grundvertrauen in eine Gesellschaftsordnung, mit der ich mich – bei mancher Kritik im Detail – jahrelang identifiziert habe.

Doch zurück zu Taktik und Strategie. Die Herausforderung der nächsten Jahre besteht in meinen Augen darin, die impliziten großen Linien herauszuarbeiten, die verschiedenen identifikationsfähigen Aktionen und Strömungen zugrundeliegen. Dabei kommen wir bestenfalls zu einem Wertekonsens, der es uns erlaubt, neue politische Organisationsformen zu finden, die weit genug tragen, um über das pure spontane Bewegtsein hinaus Ziele auch langfristig und strategisch zu verfolgen. Heinrich Böll in Ehren – die Grünen werden das wahrscheinlich nicht sein.