Mainzer Vortrag

Bevor Clubvolt sich in den Urlaub nach Peking und Shanghai abgemeldet hat, hatten wir Gelegenheit, uns vor einigermaßen geneigter Zuhörerschaft mit dem Phänomen des Bürgerjournalismus auseinanderzusetzen.

„Wir sind die Medien! Bürger proben den Journalismus“ lautete der Titel des Vortrags, eine fröhliche Anspielung nicht nur auf die Titel einschlägiger Texte aus den USA, sondern auch auf Leipziger Montagsdemonstrationen und einen bewährten Klassiker des Deutschunterrichts. Eine dem Anlass angemessene Konnotation, wie wir fanden.

(Und ja, China war wieder großartig.)

I.

Der Bürgerjournalismus im Internet, um den es hier geht, ist ein weitgehend neues Phänomen, und so beginnen wir am besten damit, ein paar Beispiele anzuschauen:

Der südkoreanische Newssite Ohmynews ist sicher das bekannteste und in vieler Hinsicht auch das avancierteste Projekt neuer journalistischer Bürgerbeteiligung. Im Jahr 2000 von Oh Yeon Ho gegründet, beschäftigt diese Online-Publikation mittlerweile ca 60 fest angestellte Redakteure und ist somit im Kern ein professionelles, kommerzielles journalistisches Angebot. Die Besonderheit gegenüber anderen professionellen Newssites sind jedoch die ca 40.000 freien Autoren, die für rund 80 Prozent der Inhalte sorgen. Was das Angebot gegenüber anderen bürgerjournalistischen Projekten auszeichnet, ist die Tatsache, dass die Beiträge der Freien grundsätzlich von den Profis redigiert werden. „We believe bloggers work better with professional assistance by trained journalists“, schreibt Jean K. Min, Direktor von OhmyNews International in einem lesenswerten Beitrag in den Nieman Reports vom Winter 2005: „Citizen reporters realize their edited texts looks better with snazzy headlines and sometimes eye-catching thumbnail pictures. They also find their stories more polished after proofreading and editorial retouching by professionals, even if they occasionally face frustrating rejections of their stories.“

Mein zweites Beispiel sind die Global Voices, ein Portal für sogenannte „Bridge Bloggers“, das Rebecca McKinnon und Ethan Zuckerman vom Berkman Center for Internet and Society der Harvard Law School gegründet haben. „Brücken-Blogger“ sind Autoren, denen es unter anderem um die Außendarstellung ihres Landes oder Kulturkreises geht, Autoren wie zum Beispiel der Iraner Hossein Derakshan, der von Kanada aus die Ereignisse in seinem Heimatland kommentiert. Auf den Seiten von Global Voices wird in „Global Roundups“ auf aktuelle Beiträge solcher Brückenblogger verwiesen. Es gibt aber auch Beiträge, die von einem wachsenden Stamm von Autoren exklusiv für den Global Voices Website verfasst werden.

Eine traditionelle Heimat hat der Bürgerjournalismus im Bereich der Technologienachrichten. Das dritte Beispiel ist der jüngste Star in diesem Feld, Kevin Roses Digg.com. Natürlich hätte ich hier auch den Klassiker Slashdot nennen können, aber dann wäre dieser Vortrag deutlich weniger ‚cutting edge‘ gewesen. Digg hat einen redaktionellen Filter, der eher an das System von Rusty Fosters Kuro5hin als an Slashdot erinnert, wo immer noch ein loses Team privilegierter Redakteure für die Auswahl der publizierten Artikel sorgt. Wie bei Kuro5hin gelangen bei Digg.com die Beiträge zunächst in eine Art redaktionelles Vorzimmer, wo sie von besonders neugierigen Lesern probegelesen werden. Dort werden dann die ersten sogenannten „Diggs“ verteilt, Pluspunkte für besonders interessante Meldungen. Dort ist es aber auch möglich, Artikel gleich auszusortieren, zum Beispiel wenn es sich um Doubletten handelt oder um Meldungen von offenkundig werblichem Charakter. In jedem Fall wird eine Begründung für den Ausschluss verlangt. Im „Digg Spy“ kann mal live verfolgen, wie die Community mit dem aktuellen Nachrichtenbestand umgeht.

Wie viele bürgerjournalistische Angebote erprobt auch Digg verschiedene mediale Formate: auf Diggnation unterhält sich Digg-Gründer Kevin Rose mit Alex Albrecht in einem regelmäßigen Videocast über die spannendsten Themen von Digg.

Einen anderen Aspekt von Bürgerjournalismus illustriert mein viertes Beispiel, das schottische Angebot Scoopt. Hier wird Hobbyfotografen eine Möglichkeit geboten, ihre Bilder professionell zu vertreiben. Scoopt fungiert dabei als Agentur, die für einen Zeitraum von jeweils drei Monaten die exklusiven Vermarktungsrechte an den angemeldeten Bildern übernimmt. Der Service versteht sich als Schnittstelle zwischen „Bürgerfotografen“ und zahlungskräftigen professionellen Medien. Ein Blick auf den aktuellen Ausschnitt des Portfolios zeigt schnell, dass Bilder von Prominenten hier eine große Rolle spielen. In seiner offensiven Ansprache professioneller Redaktionen unterscheidet sich Scoopt auch von dem vieldiskutierten, mittlerweile zum Yahoo-Konzern gehörenden Bilderdienst Flickr, bei dem eine professionelle Verwertung der eingestellten Bilder zwar immer auch mitgedacht wird, aber nicht im Zentrum des Angebots steht.

Noch einen Schritt weiter in Richtung auf die traditionellen Medien geht das US-amerikanische currenttv, ein Projekt, an dem Ex-Vizepräsident Al Gore maßgeblich beteiligt ist. currenttv ist ein Fernsehprogramm, das landesweit über Kabel und Satellit empfangen werden kann. Es speist sich überwiegend aus sogenannten „Pods“, minutenkurzen Beiträgen seiner Zuschauer zu allen nur denkbare Themen und Lebensaspekten. Im Jargon von current_tv ist dies VC2, Viewer Created Content. Die Zuschauer werden auch dazu angehalten, eigene Werbeclips einzureichen, und werden somit in einem sehr umfassenden Sinn zu Machern ihres eigenen Fernsehprogramms.

Und hierzulande? Wirklich aufregende Projekte hat Deutschland noch kaum zu bieten. Da gibt es natürlich die deutschsprachigen Wikinews, die gemäß dem Wiki-Prinzip die redaktionelle Kontrolle vollständig demokratisieren: Jeder darf hier die eingestellten Nachrichten ad libitum überarbeiten. Die bereitgestellte Versionsgeschichte sorgt für Transparenz und Qualitätskontrolle dieses offenen Redaktionsgeschehens. So spannend das Prinzip, im Resultat wirkt die Seite eher uninteressant und beliebig.

Einen ähnlichen Charakter haben die ziemlich erfolgreichen Shortnews, seit geraumer Zeit ein Bestandteil von Stern.de. Hier sorgt ein ausgeklügeltes Punktesystem mit starken kompetitiven Anreizen für eine Art Qualitätskontrolle. Es werden nach Punktestand jeweils Tagessieger, Wochensieger und Monatssieger ausgerufen, und es gibt auch einen Olymp der insgesamt fruchtbarsten und bestbewerteten Shortnews-Autoren.

Bei beiden Angeboten sieht man jedoch schnell, dass die Nachrichten überwiegend von den Großen der Branche übernommen werden. Nicht wörtlich natürlich, dafür sorgen die Regelwerke der beiden Angebote, die die Nutzer auch explizit auf die rechtlichen Risiken des Textklaus hinweisen. Die genuine Leistung der Bürgerjournalisten besteht hier in der eigenen Auswahl, die naturgemäß auch einiges Randständige betont, von dem die Autoren meinen, dass es in den traditionellen Medien zu kurz kommt. Andere doppeln einfach Aufmacherthemen. Diese Kombination lässt das Resultat oft unausgewogen erscheinen – eine Balance und Gewichtung, wie man sie von einer guten Nachrichtenredaktion erwartet, ist hier nicht gewährleistet.

Zum Abschluss meiner Beispielserie noch etwas eher Unterhaltsames aus deutschen Landen: Der Ehrensenf (ein Anagramm des Wortes „Fernsehen“) ist ein Videocast aus Köln, in dem die Journalismus-Studentin Katrin Bauerfeind als Talking Head mit Witz und Biss das Tagesgeschehen aufs Korn nimmt, durchmischt mit allerlei Buntem und Kulturellem. Ehrensenf, das von einem kleinen Team schon eher semiprofessionell betrieben wird, illustriert nicht nur die neuen multimedialen Möglichkeiten eines durch Breitbandverbindungen aufgewerteten Internet, es ist auch wie current_tv ein weiteres schönes Beispiel dafür, dass Bürgerjournalismus sich nicht immer nur am Paragdigma des bierernsten Nachrichtenjournalismus orientieren oder andererseits, wie viele Weblogs, im vollständig Subjektiven verharren muss.

II.

Nach diesen Beispielen können wir uns nun der Frage zuwenden, was den Bürgerjournalismus eigentlich auszeichnet. Wie immer bei neuen und dynamischen Phänomenen muss man vorsichtig sein mit Definitionsversuchen. Diese greifen oft zu kurz. Das fängt schon bei der zu definierenden Begrifflichkeit an. Eine ganze Familie von Titeln wird auf das Phänomen angewandt, um das es hier geht: Neben „Bürgerjournalismus“ ist auch von „partizipatorischem Journalismus“ die Rede, von „Graswurzel-Journalismus“, „Peer-to-Peer-Journalismus“ oder von „Journalismus 2.0“.

Mein Kollege Christoph Neuberger und andere verwenden den von pejorativen Beiklängen nicht ganz freien, aber irgendwie auch passenden Begriff des „Parajournalismus“. Paramilitärs sind ja nicht-reguläre Truppen, von denen man leider annehmen muss, dass sie sich nicht einmal an die begrenzten ethischen Standards regulärer Kriegsführung halten. (Vor ein paar Jahren gab es einmal ein glückloses Projekt namens „Paranews“, an dem ich selbst beteiligt war. Dessen Titel spielte natürlich auch mit dieser Konnotation. Eine weitere gewollte Assoziation, die wir mit dem Logo des Projekts unterstrichen, war der sogenannte „Paranuss-Effekt“: Wenn man eine Nussmischung nur hinreichend schüttelt, werden die dicksten Nüsse nach oben getrieben. Genau so, verkündete damals unsere Utopie, funktioniert auch das Internet. Man muss es nur ordentlich schütteln, dann geraten die interessantesten Informationen von alleine an die Oberfläche.)

Ein weiterer Begriff, den ich persönlich für einschlägig halte, der aber von den Anhängern selten verwendet wird, ist der des „Amateurjournalismus“. Ehe ich jedoch näher auf die Unterscheidung von Profis und Amateuren eingehe, möchte ich doch eine Definition betrachten, die häufig zitiert und verwendet wird. Sie stammt aus dem ersten Kapitel des Klassikers „We Media“ von Shayne Bowman und Chris Willis:

    „Participatory journalism: The act of a citizen, or group of citizens, playing an active role in the process of collecting, reporting, analyzing and disseminating news and information. The intent of this participation is to provide independent, reliable, accurate, wide-ranging and relevant information that a democracy requires.“

Einmal gnädig abgesehen vom zweiten Teil, dessen normativer Anteil dann doch ein bisschen über das Ziel hinausschießt, ist diese Definition meines Erachtens auch nicht trennscharf genug. Denn sie trifft so natürlich auch auf den traditionellen professionellen Journalismus zu (welcher Journalist wäre kein Bürger?) und erweitert diesen Begriff nur, statt ihn, wie es interessant wäre, komplementär zu kontrastieren.

Um eine solche Kontrastfolie zu bekommen, habe ich einmal in einem klassischen Textbuch der Journalistenausbildung nachgeschaut und bin dort auf folgende Definition des Journalistenberufs gestoßen:

    „Journalist ist jemand, der hauptberuflich in einem periodischen Medium Inhalte mit aktuellem Bezug aufbereitet und produziert, unabhängig davon, ob es sich um ein Anstellungsverhältnis oder eine ‚freie Tätigkeit‘ handelt“ (Roman Hummel: Journalismus als Beruf, in Pürer et al.: Praktischer Journalismus)

Hier ist es der Aspekt der Hauptberuflichkeit, der etwas Neues hinzufügt. Er führt uns zurück auf die Unterscheidung zwischen Profis und Amateuren, die ich wie folgt präzisieren würde:

Profis, so kann man sagen, sind für gewöhnlich Leute, die das was sie tun, in einer Ausbildung gelernt haben. Sie werden normalerweise dafür bezahlt, dass sie es tun, und man kann davon ausgehen, dass sie sich bei dem, was sie tun, an Qualitätsstandards halten, die für ihr Arbeitsfeld gelten und deren Einhaltung auch durch gewisse Instanzen überprüft wird und über diese Instanzen auch einforderbar ist. (Im Bereich des deutschen Journalismus wäre dies zum Beispiel der Presserat mit seinem Pressekodex.)

Amateure hingegen sind für gewöhnlich Autodidakten. Sie tun, was sie tun, nicht primär fürs Geld, sondern – wie der Name sagt – aus Liebe zur Sache: Und man erwartet von ihnen nicht die Einhaltung der gleichen Standards wie bei den Profis. Das heißt nicht, dass Amateure in ihrer Disziplin automatisch schlechter arbeiten als Professionelle. Das Feld ist vielmehr offen: es reicht vom Dilettanten bis zum ausgefuchsten Experten. Wichtig ist, dass Amateure qua Amateure nicht an die gleichen institutionalisierten Regelsysteme und Qualitätsmaßstäbe gebunden sind wie die Profis. Man sieht es ihnen für gewöhnlich nach, wenn sie dilettieren.

Diese Unterscheidung liefert uns gutes Handwerkszeug, um einige wichtige Gesichtspunkte im Zusammenhang mit dem Bürgerjournalismus im Internet zu diskutieren. Denn die Bürgerjournalisten, von denen hier die Rede ist, sind (unter anderem) zum großen Teil Amateurjournalisten.

III.

Und diese Bürgerjournalisten sind natürlich auch Online-Journalisten. Also Journalisten, die im Internet und mit dem Internet arbeiten, einem Medium, das sich gerade in den letzten Jahren dramatisch weiterentwickelt hat. Sie nutzen dabei die ganze Palette dessen, was die neue Generation von Webapplikationen zu bieten hat: Vor allem Weblogs natürlich, mit den multimedialen Erweiterungen Podcast und Videocast. Ohne die Möglichkeiten des Micropublishing, ohne Benachrichtigungs- und Syndicationmechanismen via RSS, ohne die vielfältigen Diskussionsplattformen on site (via Kommentarfunktion) oder off site (via Trackback), wäre ein partizipativer Journalismus, wie er jetzt an Bedeutung gewinnt, kaum denkbar.

So kommt es denn auch immer wieder zu einer voreiligen Identifikation von Weblogs und Journalismus, oft in Form ängstlicher Fragen: Sind Weblogs Journalismus? Werden sie etwa den traditionellen Journalismus vollständig ablösen? Ich habe diese Fragen an anderer Stelle eher zurückgewiesen als beantwortet: Weblogs sind nichts anderes als ein Publikationsformat oder ein technisches Handwerkszeug, je nachdem, wie man sie betrachtet. In beiden Perspektiven zeichnen sie sich durch ihre Anwendungsneutralität aus: Man kann damit alles Mögliche anstellen. Man kann darin Gedichte schreiben, man kann mit Geschwistern kommunizieren, die in einer anderen Stadt studieren, man kann Forschungsprozesse dokumentieren oder Feindschaften pflegen. Und man kann sie natürlich für Journalismus nutzen, als journalistischer Profi oder Amateur, als Dilettant oder Könner.

Die meisten Blogs – sofern sie nicht privater Natur sind – hängen jedoch noch am Tropf der traditionellen Medien. Dies belegt eine Statistik von blogstats.de, die für das erste Quartal 2005 die Zahl erfassten Links veranschaulicht: der Löwenanteil geht zu Anbietern wie Spiegel Online oder Tagesschau.de. Einzelne prominente Blogger werden auch schon messbar verlinkt, aber sie spielen noch nicht wirklich in der Oberliga.

Nun sind Weblogs ein typisches Long Tail Format: viele kleine Bühnen mit jeweils kleinem Publikum können in der Summe schon eine beträchtliche Marktmacht zusammenbringen. Das gilt im Mediensektor genauso wie in anderen Bereichen. Man muss also nicht nur die wenigen großen Attraktoren beobachten, sondern auch die wachsende Anzahl der kleinen.

Eine neue, breite Autorenschaft drängt an die Öffentlichkeit. Sie verfügt über eine teils hervorragende technische Ausrüstung, mit internetfähigen, vielfach mobilen Computern, zum Kamera und Audiorecorder aufgerüsteten Handys oder digitalen Foto- oder Videokameras. Auf ihren Computern wartet leistungsfähige Produktionssoftware – für die Bildbearbeitung, für den Audio- und Videoschnitt, für das Publizieren im Web.

Mit einer solchen Ausstattung kommt ein immer schon bestehendes Artikulations- und Kommunikationsbedürfnis endlich ungehindert zum Zuge. Wer jetzt selbst an die Öffentlichkeit tritt und publiziert, kann damit jedoch nicht nur persönliche Eitelkeiten befriedigen. Er profitiert darüber hinaus von Vernetzungsvorteilen – zum Beispiel in Form von automatisierten Empfehlungssystemen, wie sie nach dem Vorbild von Amazons Kaufempfehlungen inzwischen auch bei vielen anderen Formen sozialer Software üblich sind.

Das Netz befördert die Bildung von sozialen Clustern: Jede Nische, jedes noch so entlegene Interesse findet hier eine nur durch Sprachbarrieren behinderte globale Bühne. Der Orchideenfotograf kann seine Bilder bei Flickr mit denen anderer Aficionados auch auf fernen Kontinenten vergleichen,

Diesem Push von Seiten der potentiellen Autorenschaft entspricht zunehmend ein Pull von Seiten des kommerziellen Medienbetriebs. Die traditionellen Medien und ihre etablierten Konzepte schwächeln seit geraumer Zeit. Die Zuschauer und Leser schwinden, ein zunehmend fragmentierter Markt macht es immer schwerer, die finanziellen Mittel für guten Journalismus aufzubringen. Aus Journalismus wird zunehmend Content, eine Ware, bei der zunächst auf den Preis geschaut wird, allerhöchstens noch auf die Tauglichkeit, für eine werbefreundliche Umgebung herzuhalten.

Da kommt der „User Generated Content“, wie die neueste Catch Phrase auf den einschlägigen Business Meetings und Konferenzen lautet, gerade recht: Für diese von Nutzern generierten Inhalte, so hoffen die Strategen der Medienhäuser, braucht man dann gar nichts mehr zu zahlen, und sie sorgen darüber hinaus für eine stärkere Nutzerbindung.

In diesem Wechselspiel von Push und Pull wachsen Kleinst- und Großmedien zusammen: Amateurjournalisten schreiben, fotografieren, filmen. Sie veröffentlichen ihre Beiträge vermehrt selbst. Sie beginnen aber auch damit, diese professionellen Anbietern zur Verfügung zu stellen. In letzter Konsequenz wartet hier auch ein Geschäft: Denn der Markt wird auf lange Sicht dafür sorgen, dass gute Angebote auch bezahlt werden (wie es beispielsweise bei OhmyNews bereits der Fall ist).

Erst in dieser Entwicklung verschwimmt die Grenze zwischen Amateur und Profi im Journalismus wirklich. Sie verschwimmt und wird zugleich durchlässiger: Es entstehen neue etablierte Wege, auf denen sich ein Amateur professionalisieren kann.

Im Normalfall geht es jedoch gar nicht so weit. Die meisten Kostproben von Bürgerjournalismus, die wir in den letzten Monaten zu sehen bekommen haben, entstanden eher ad hoc, im Umfeld akuter Not. Wie der Online-Journalismus hat auch der neue Bürgerjournalismus seine Glanzstunden angesichts von Katastrophen gehabt: Weblogs unmittelbar aus den verheerten Rückzugsgebieten des Tsunami, Fotos aus den Schächten des Londoner Underground nach den Bombenanschlägen, Töne, Bilder und Texte vom Erdbeben in Pakistan und Indien. Überall dort waren die traditionellen Medien mit ihren professionellen Reportern nicht schnell genug oder nicht nahe genug dran, und Menschen ‚vor Ort‘ übernahmen ganz zwanglos und automatisch die Verantwortung, das Geschehen zu dokumentieren und zu kommentieren. Journalismus, lernen wir daraus, ist nicht nur eine Profession, er ist auch ein ganz elementares menschliches Bedürfnis. Die neuen technischen Möglichkeiten und Formate demokratisieren das Feld, in dem sich dieses Bedürfnis zu artikulieren vermag.

IV.

Skeptiker vor allem aus dem Feld traditioneller Medien weisen gerne auf die Risiken hin, die mit einer De-Professionalisierung des Journalismus verbunden sind. Sie beklagen den Enthusiasmus, mit dem immer wieder die gerade aktuellen Entwicklungen in den neuen Medien begrüßt werden.

Tatsächlich gibt es im Zusammenhang mit dem Bürgerjournalismus eine Reihe von Problemen, die man im Blick behalten sollte:

  1. Journalismus ist kein einfaches Geschäft. Nicht umsonst wird normalerweise erwartet, dass Journalisten eine Ausbildung erhalten, sei es während eines Volontariats oder in Journalistenschulen oder -studiengängen. Wenn nun viele Amateure einfach drauflos produzieren, so erhöht das natürlich insgesamt den Anteil an schlechtem Journalismus. Spiegel Online Chef Mathias Müller von Blumencron hat einmal behauptet, 99 Prozent aller Weblogs würden nichts taugen. Darauf hat ihm Mario Sixtus vorgerechnet, wieviele gute Weblogs damit immer noch übrigbleiben würden. Aber es stimmt schon: Sowohl relativ als auch absolut gesehen führt die sogenannte Demokratisierung der Medien zu mehr schlechtem Journalismus. Und schlechter Journalismus kann natürlich schädlich sein.

  2. Mit der mangelnden Vorbereitung gehen weitere Probleme einher: Journalismus findet in einem komplexen rechtlichen und ethischen Umfeld statt. Mit der Einhaltung der einschlägigen Gesetze (z.B. im Urheberrecht oder Persönlichkeitsrecht) tun sich schon die Profis oft schwer. Die Vorstellung, dass sich jeder Besitzer einer Digitalkamera zum Paparazzo berufen fühlen könnte, wird nicht nur prominenten Zeitgenossen eine Gänsehaut machen. Ganz zu schweigen von jenen Regelungen, die nur in Form einer Selbstverpflichtung der professionellen Medienanbieter existieren (z.B. der schon erwähnte Pressekodex des Deutschen Presserats). Amateurjournalisten könnten hier aufgrund mangelnder Kenntnisse sowohl sich selbst als auch ihren „Opfern“ Schaden zufügen. Die Möglichkeit, sich im Netz nach Belieben zu maskieren und somit der Verantwortung für Veröffentlichungen zu entziehen, verschärft dieses Problem noch.

  3. Eine weitere Inflation von Medienangeboten mit der damit verbundenen zunehmenden Zersplitterung des Marktes kann zu einer Reizüberflutung beim Konsumenten führen. Je unübersichtlicher der Markt wird, desto weniger könnten diese bereit sein, sich überhaupt noch mit journalistischen Inhalten auseinanderzusetzen. Eine „gemeinsame Öffentlichkeit“, wie sie in manchen Definitionen des Journalismus vorausgesetzt wird und für eine funktionierende Demokratie unumgänglich scheint, wäre überhaupt nicht mehr herzustellen.

  4. Nicht zuletzt gilt es, die sozialen Konsequenzen zu beachten, die mit einer Öffnung des Marktes für Amateure verbunden sind. Schon vor dem Hintergrund der laufenden Medienkrise haben die professionellen Journalisten bluten müssen: Entlassungswellen und beträchtliche Honorareinbußen sorgen für Verunsicherung und Existenzangst. Ein Anfluten zur Selbstausbeutung bereiter Amateure muss diese Sorgen noch verstärken.

Nicht für alle diese Probleme ist eine Lösung unmittelbar in Sicht, doch gibt es auch Mechanismen, die manchen von ihnen entgegenarbeiten:

  1. Viele Bürgerjournalismus-Projekte beinhalten eine unmittelbare Qualitätskontrolle in Form von Review-Systemen, bei denen entweder dedizierte Redakteure oder die Nutzerschaft insgesamt die Spreu vom Weizen zu trennen versucht (man erinnere sich an meine Beispiele OhmyNews oder Digg.com). Darüber hinaus funktioniert das Netz insgesamt als ein großer Peer Review Mechanismus: Gute Inhalte werden hervorgehoben, empfohlen, verlinkt, schlechte Inhalte gnadenlos verrissen. Die Suchalgorithmen von Google oder von Weblog-Suchmaschinen wie Technorati berücksichtigen längst die Resonanz, die eine Seite im Netz hervorruft. Das führt dazu, dass gute Inhalte eine größere Sichtbarkeit bekommen als schlechte, und trägt damit sowohl zur Qualitätskontrolle als auch zu einer größeren Übersichtlichkeit des medialen Angebots bei.

  2. Immer noch in den Anfängen stecken Verfahren, die für eine größere Transparenz bei der Urheberschaft zu sorgen. Zwar sind, zum Beispiel mit der Impressumspflicht für kommerzielle Angebote oder mit den Gesetzen rund um die digitale Signatur, gewisse Rahmenbedingungen abgesteckt, aber die Authentifizierung von Inhalten im Netz bleibt ein schwieriges Geschäft. In Verbindung mit einer Inflation von Anbietern steht dies einer Vertrauensbildung in die neuen Formate im Wege. Was entstehen muss und mittelfristig auch entstehen wird, ist eine einheitliche Infrastruktur, die zum einen eine Authentifizierung von Inhalten und ihren Autoren ermöglicht, die aber andererseits auch Raum für Anonymität oder die Verwendung von Pseudonymen lässt.

  3. Eine der wichtigsten Maßnahmen besteht jedoch in einer radikalen Aufwertung und Ausweitung der Medienerziehung: Wo der Schritt, mit den eigenen Gedanken und Aufzeichnungen an die Öffentlichkeit zu treten, so unendlich viel leichter geworden ist, sollte wirklich jeder Bürger nicht nur auf seine zunehmend komplexe Rolle als Medienkonsument, sondern auch auf seine Verantwortung als potentieller Medienproduzent vorbereitet werden.

Medienerziehung im 21. Jahrhundert muss somit technisches Wissen über den Zugang zu den Medien vermitteln, zum Beispiel Wissen über Such- und Filtermechanismen, die einen bei der Auswahl relevanter Inhalte unterstützen. Sie muss außerdem das gesellschaftliche Wissen vermitteln, das zu einer klugen Selektion und kritischen Bewertung dieser Inhalte notwendig ist. Medienerziehung im 21. Jahrhundert muss aber auch dazu befähigen, verantwortlich zu publizieren. Im Grunde bedeutet dies, dass eine Art „Grundkurs des Journalismus“, der zum Beispiel Grundlagen der Recherche oder des Medienrechts umfasst, schon Bestandteil der Schulausbildung werden muss.

V.

Mit etwas Optimismus kann man erwarten, dass Amateurmedien und professionelle Medien mittelfristig in ein Verhältnis der Subsidiarität hineinwachsen: Der Bürgerjournalismus wird überall dort besonders aufblühen, wo sich das professionelle Geschäft wirtschaftlich zunächst nicht zu lohnen scheint: In den zahllosen Nischensportarten, bei entlegenen Hobbies. Sehr schnell wird sich dann herausstellen, welche dieser Nischen doch kommerziell nutzbar sind. Dort werden sich die Amateure professionalisieren. Der Bürgerjournalismus wird aber auch weiterhin von dort zuliefern, wo der professionelle Journalismus sich eigentlich zuständig fühlt, aber nicht immer nahe genug dran oder rechtzeitig vor Ort ist. Der professionelle Journalismus andererseits wird weiterhin dort unverzichtbar sein, wo es um publizistische Erfahrung, um aufwändige Recherche, um Teamplay, oder um Vermittlungskompetenz geht.

In diesem Prozess wandelt sich auch die Rolle der Profis: Vom traditionellen „Gatekeeper“ werden sie immer mehr zu Mediatoren eines zunehmend dezentralen Informationsflusses. Professionelle Medien werden Bürgermedien integrieren, wie dies beispielsweise in Großbritannien die BBC oder der Guardian bereits versuchen. Sie werden damit selbst zu Qualitätsfiltern für die Amateure an ihrer Seite – so, wie es OhmyNews in der Struktur bereits vormacht. Schon jetzt schauen ja auch die Amateure, zum Beispiel in Watchblogs wie dem Bildblog den Profis auf die Finger. Es kann überhaupt nicht schaden, wenn diese Art der Qualitätskontrolle sich auch wechselseitig etabliert.