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Wann immer ich Texte aus dem Umfeld von neuerer Systemtheorie und radikalem Konstruktivismus lese, bin ich gleichzeitig amüsiert und angewidert von dem schieren Ausmaß an verquastem Blödsinn, den erwachsene Menschen in großer Ernsthaftigkeit und Eitelkeit verzapfen können. Ich habe buchstäblich noch keinen einzigen Satz aus diesem Theorieumfeld gelesen, der mir irgendeinen Erkenntnisgewinn gebracht hätte.

Es ist nicht einmal so, dass man hier irgendwo einsetzen möchte (oder könnte), um Irrtümer zu korrigieren. Denn weitgehend handelt es sich gar nicht um sinnvolle Aussagen, sondern um syntaktisch einigermaßen wohlgeformte Konstrukte aus sprachlichen Sinnillusionssystemen. Ein paar Jungs spielen mit einem Baukasten großer Wörter und setzen diese auf eine Weise zusammen, dass bei ihnen selbst und ihren Rezipienten die perzeptive Täuschung eines noch nicht ganz abgeschlossenen Verstehensprozesses entsteht. Das wird möglich, da die entstehenden Sätze vage und assoziativ mit Alltagserkenntnissen verknüpft sind, ohne dabei irgendetwas zu ‘meinen’ – die Existenz einer geteilten Wirklichkeit wird ja ebenso bestritten wie Wahrheit oder Bedeutung sprachlicher Zeichen.

Dies vollkommen fruchtlose Sprachspiel wiederum erzeugt bei den Adepten die wohlgefällige Illusion gedanklicher Tiefe. Die ‘autopoietische Geschlossenheit’ ihrer kognitiven Systeme, von der manche von ihnen reden: die Unerreichbarkeit ihrer Hirne für externe Information und Kommunikation, wird somit zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

Auch wenn es philosophisch nicht ganz passt, fällt mir dazu noch die folgende Passage aus Boswells “Life of Johnson” ein:

After we came out of the church, we stood talking for some time together of Bishop Berkeley’s ingenious sophistry to prove the nonexistence of matter, and that every thing in the universe is merely ideal. I observed, that though we are satisfied his doctrine is not true, it is impossible to refute it. I never shall forget the alacrity with which Johnson answered, striking his foot with mighty force against a large stone, till he rebounded from it — “I refute it thus.”
Wobei ich mir immer gewünscht hätte, es wäre der Bischoff Berkeley gewesen, der gegen den Stein tritt, und nicht sein mit mit Common Sense so reich gesegneter Gegner Samuel Johnson.

I Miss Fishhead

fishhead

Theorieferne

Es war mal cool, eine Theorie zu haben. Wissenschaftler – und wer wollte das nicht sein – hatten eine Theorie zu haben, oder doch zumindest eine Methode.

Kürzlich ließ ein uns bekannter chinesischer Medienwissenschaftler anfragen, welcher Methode sein deutscher Kollege denn folgen würde. Als die Frage an mich weitergetragen wurde, habe ich erstmal mit Befremden reagiert. Methode bei was? Beim Meditieren oder Joggen? Im Unterricht? Oder meinte er tatsächlich bei der Forschung? An Fachhochschulen wird nicht geforscht. Und wenn doch, so gibt es natürlich keine Antwort auf die Frage nach der EINEN Methode. Je nach Fragestellung wird man unterschiedlich vorgehen, mal qualitativ, mal quantitativ, mal empirisch, mal begriffsanalytisch.

Methoden sind Werkzeuge, und das gleiche gilt in gewisser Weise auch für Theorien, die Modelle, die unser Handeln lenken. Ein guter Handwerker kennt seine Werkzeuge – und ihre Grenzen. Die Wirklichkeit ist zu kompliziert für Theorien. Es liegt nahe zu folgern, dass die Anwendung von Theorien der Wirklichkeit immer Gewalt antut. Wissenschaftliche und philosophische Schulen stehen der Erkenntnis nur im Wege. Der deutsche Philosoph Odo Marquard hat mal geschrieben: “Die Geschichtsphilosophen haben die Welt nur verschieden verändert. Es kommt darauf an, sie zu verschonen.”

Und dennoch ist Theorieferne auch schädlich. Heute hat sich einer meiner Kollegen über den Mangel an genuin theoretischen Diskussionen in seiner Standesvereinigung beklagt. Ich glaube, er meinte: Denkfaulheit. Odo Marquard ist Ironiker. Ironie und Zynismus sind immer gute Tarnungen für Denkfaulheit. Wir kommen ja gar nicht umhin, Theorien anzuwenden. Wir können die Welt nicht verschonen. Aber wir haben die Verantwortung, unsere Werkzeuge immer weiter zu schärfen. Das heißt, wir müssen theoretische Diskussionen führen, Diskussionen über und immer wieder gegen Theorien.

In diesem Sinne schließe ich mit einer kleinen Anekdote, die ich gestern auf Twitter gelesen habe:

Hu Yong’s Motto

Pierre Bourdieu once said: “Journalism is one of the areas where you find the greatest number of people who are anxious, dissatisfied, rebellious, or cynically resigned”.

After a career of more than ten years in the news, I hope that I can lose my fear, conquer my greed, maintain my rebelliousness, not curry any favors. The wise are not puzzled, and the brave are not afraid, but, the benevolent will always be worried (智者不惑, 勇者不惧, 仁者有忧).

Hu Yong, chinese journalist and scholar,
in an interview at Danwei, April 16th, 2009

Ein prominenter Gast

Ein Höhepunkt der letzten Tage war die Begegnung mit Hu Yong (@huyong), dem chinesischen Jurymitglied für die Best-of-Blog Awards der Deutschen Welle. Hu Yong hat dazu beigetragen, dass Li Chengpeng den Hauptpreis gewonnen hat, ein junger chinesischer Schriftsteller, der sich couragiert für eine offenere Gesellschaft in China einsetzt, und dessen Microblog regelmäßig von über 7 Millionen Chinesen gelesen wird. Über Li Chengpeng werde ich bei anderer Gelegenheit einmal mehr erzählen.

Hu Yong selbst ist ein ehemaliger Journalist und erfahrener Internet-Aktivist. Er unterrichtet zurzeit Medienwissenschaften am Journalismus-Institut der renommierten Bei Da (Beijing University). Anders als manche seiner Kollegen bewegt er sich auch in westlichen Öffentlichkeiten souverän, und seine kleine Laudatio auf Preisträger Li war ein Musterstück an konziser und prägnanter Würdigung. Auf die Frage aus dem Publikum, worauf es beim Internet-Aktivismus unter widrigen Bedingungen ankomme, war seine Antwort: “Videos, Videos, and again: Videos!”

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Im privaten Gespräch haben wir ihn später gefragt, wie er Meinungsführerschaft definiert (er hatte Li Chengpeng als ‘opinion leader’ bezeichnet). Seine Antwort: Meinungsführer hätten zum einen die Kraft, die Agenda zu beeinflussen. Ihr Einfluss lasse sich aber auch an den teilweise unerfüllten Erwartungen ablesen, die ihre Follower an sie herantragen.

Wer Hu Yongs kluge und exzellent informierte Beiträge zum chinesischen Internet kennenlernen möchte, sei auf die Übersetzungen seiner Texte bei ChinaFile, dem China Media Project und den China Digital Times, sowie auf ein ausführliches Interview bei Danwei verwiesen.

Born in 1909

A much beloved person has just passed away in a southern chinese city, during their early morning hours. Grandma Wan Duancen(万端岑), may your passage have been a peaceful one!

Berlin-Graz

Gerade war ich mit der Familie im Park und wir haben unsere neue Slackline ausprobiert. Über dem Viktoriaquartier hängen Gewitterwolken, aber die Abendsonne taucht die Ostfassade der Neubauten vor unserem Haus immer wieder in mattgoldenes Licht.

Heute mittag bin ich mit dem Fahrrad zum Prenzlauer Berg gefahren und habe Heinz Wittenbrink (@heinz) getroffen. Im Café Anna Blume, der Eier im Glas wegen, die sie dort servieren. Dafür gab es kein WLAN (Schnarchnasen!). Heinz und ich haben über Content Strategy (sein Thema) und große Ressortportale für öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten (mein Thema) gesprochen. Nachdem wir die Berührungspunkte der beiden Themen markiert hatten, entstand aus ersten Annäherungen so etwas wie eine österreichisch-deutsche Projektidee.

republica

In unserem Gespräch klang die re:publica 13 nach, die gestern zu Ende gegangen ist. Das ‘Festival’, wie es Markus Beckedahl und seine Leute inzwischen nennen, war ein entspannter Spaß und eine prima Bühne für meine aktuellen Überlegungen über die gesellschaftliche Verantwortung der Öffentlich-Rechtlichen für den Journalismus im Internet – fast 70 @-mentions auf Twitter zu meinem Vortrag und viele gute Gespräche zeigen mir, dass es einen großen Resonanzraum dafür gibt und machen mir Mut, mich künftig etwas offensiver in das Spiel einzumischen.

Dieburg Fix

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Belonging

Dies habe ich vor mehr als vier Jahren geschrieben, im Januar 2009:

Whenever I approach Berlin these days, I get into a very peculiar mood. When my plane descended during the last glow of evening sunlight some days ago and glided for ten minutes over the wide illuminated cityscape of the prussian metropolis, I again felt this immediate pang of longing, a certainty that this is the place where I finally want to live and work, where I want to mingle with politics and culture, and, maybe, leave a mark. Berlin with its relaxed intellect, its mixture of the rough and the refined, is a place where I can connect to my german identity without embarrassment, also taking a stance – a rare delight.
Im Januar 2013 bin ich mit meiner Familie angekommen. Viel hat sich in diesen vier Jahren getan, aber nur wenig davon hat sich hier niedergeschlagen. Gestern hat uns Sascha Lobo auf der re:publica ins Gewissen geredet, unsere Blogs wieder ernster zu nehmen. Wohlan denn.

Alles auf Null

Frisch ausgepackt: Der Bose QuietComfort 15. Batterie einlegen, einschalten, aufsetzen. Stille.

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