Fakten vs. Meinungen

Für die weiteren Überlegungen möchte ich zunächst versuchen, eine größere Unklarheit zu beseitigen, die viele Menschen verwirrt. Es geht um den Unterschied zwischen faktenbasiertem und meinungsbasiertem Journalismus. Ich glaube, wir haben es hier nicht mit nur einem Unterschied zu tun, sondern mit zwei Unterschieden. Das liegt, wie ich zeigen werde, an einer subtilen Zweideutigkeit des Begriffes “Meinung”. Beide Lesarten dieses Begriffs und die darauf basierenden Unterscheidungen sind darüber hinaus für unsere weiteren Überlegungen außerordentlich wichtig.

Beginnen wir mit ein bisschen Lehrbuchwissen: Im Journalismus unterscheiden wir zwischen informierenden Darstellungsformen, wie der Nachricht, und meinungsäußernden Darstellungsformen, wie dem Kommentar.

Das ist schon auf den ersten Blick etwas irreführend, denn natürlich informiert uns auch die Lektüre eines Kommentars, nämlich über die Meinung der Kommentator*in. Gemeint ist also eher, dass es in der Nachricht um Fakten in der Welt, unabhängig von der Psyche von Journalist*innen geht, während der Kommentar uns darüber Auskunft geben soll, zu welcher Meinung oder Überzeugung die Kommentator*in nach Abwägung aller bekannten Argumente gekommen ist.

Wenn wir noch etwas genauer hinsehen, werden wir jedoch feststellen, dass auch diese Darstellung die Sache nicht wirklich trift, dass noch etwas anderes hier eine Rolle spielt. Denn die Kommentator*in wird in ihrem Kommentar – sagen wir zum Rücktritt Theresa Mays – nicht kundtun wollen, dass sie nach langer und reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gelangt ist, dass Theresa May wirklich zurückgetreten ist. Das ist eher eine Situation, in der sich Nachrichtenredakteure zum Beispiel in unübersichtlichen Nachrichtenlagen wiederfinden, wenn sie für eine Nachricht erst eine einzige, und möglicherweise nicht 100%ig verlässliche Quelle haben, und dann nach und nach weitere Bestätigungen eintrudeln. Erst dann, so gebietet es die Sorgfaltspflicht, sollte die Meldung an die Öffentlichkeit gebracht werden.

Nein, die Meinung, die im Kommentar zu Theresa Mays Rücktritt zum Ausdruck gebracht wird, wird eher zum Inhalt haben, wie die Kommentator*in diesen Rücktritt findet: ob es eine gute oder eine schlechte, eine rechtzeitige oder überfällige Aktion war. Mit anderen Worten, es handelt sich um eine Meinung wertenden Inhalts, nicht darüber wie die Welt faktisch ist, sondern darüber wie sie sein sollte:

  • Wenn Theresa May zum richtigen Zeitpunkt getan hat, was sie hätte tun sollen, dann war es eine gute Entscheidung.
  • Wenn Sie hingegen den Zeitpunkt verpasst oder etwas getan hat, was sie nicht hätte tun sollen, dann war es eine schlechte Entscheidung.

In verschiedenen philosophischen Disziplinen wird die Unterscheidung zwischen deskriptiven und normativen Überzeugungsinhalten oder Aussagen getroffen. Diese können wir uns hier zu eigen machen und sagen: Bei den informierenden (faktenbasierten) Darstellungsformen geht es eher um deskriptive Inhalte, in denen beschrieben wird, was sich auf der Welt de facto zugetragen hat. In den meinungsäußernden (meinungsbasierten) Darstellungformaten geht es eher um normative Inhalte, also darum, wie nach Meinung der Verfasser ein Geschehen bewertet werden sollte.

Bevor wir mit der zweiten Lesart der Unterscheidung von fakten- vs. meinungsbasiertem Journalismus weitermachen, sollte ich noch erwähnen, dass die Geltung von deskriptiven Aussagen oder Meinungsinhalten etwas Objektives ist: Sie sind entweder wahr oder falsch, und welches davon, darüber entscheidet eindeutig die Beschaffenheit der Welt, nicht das Denken und Urteilen der Journalist*in über die Welt. “Da gibt es keine zwei Meinungen”, wie die Alltagsphilosophie weiß. Wenn ich mich über den Fahrplan täusche, verpasse ich den Zug. So einfach ist das.

Wertende Aussagen hingegen haben immer wieder den Ruch der Subjektivität, und die Ethiker und Moralphilosophen tun sich schwer damit, die allgemeine Verbindlichkeit von Regeln (Normen im eigentlichen Sinn) nachzuweisen, die dem subjektiv als “gut” Empfundenen (unseren persönlichen Wünschen) objektiv nachvollziehbare Grenzen setzen.

Kommen wir – wie versprochen – zur zweiten Lesart unserer Unterscheidung. Dazu sollten wir zunächst einen Ausflug in die Philosophiegeschichte unternehmen. In seinem Dialog Theaitetos lässt Platon die Gesprächspartner den Begriff des Wissens diskutieren. Die Definition, der sich die Diskussion dabei am Ende annähert, steht im Kern so immer noch in den Lehrbüchern: Wissen ist wahre, gerechtfertigte Meinung. Dahinter verbergen sich drei Bedingungen, die jede für sich notwendig, und zusammen genommen hinreichend für Wissen sind, in der folgenden Form:

X weiß dass p genau dann, wenn

  1. X glaubt dass p (Meinung)
  2. X ist in ihrem/seinem Glauben, dass p, mit guten Gründen gerechtfertigt (Rechtfertigung)
  3. es ist tatsächlich wahr, dass p

Betrachten wir eine Journalistin Nora (sie ist unsere Person ‚X‘), die gerade auf ihrer Nachrichtenwebsite gemeldet hat, dass Theresa May zurückgetreten ist (der Rücktritt ist unser ‚dass p‘). Nora sollte dies natürlich nur tun, wenn sie weiß, dass Theresa May zurückgetreten ist.

Dass sie dies wirklich weiß, wiederum, würden wir von ihr nicht behaupten, (1) wenn sie gar nicht erst glauben würde, dass der Rücktritt tatsächlich stattgefunden hat. Nora kann nichts wissen, das sie leugnen würde oder zu dem sie keine Meinung hat. Das leuchtet unmittelbar ein, oder?

Aber wir würden ihr auch dann kein Wissen über Theresa Mays Rücktritt zuschreiben, (2) wenn sie für ihre Meinung keine guten Gründe angeben könnte. Wenn sie etwa sagen würde: “Hab ich irgendwo gehört” oder: “Mein Bauch sagt mir, dass es heute so weit ist”, dann würden wir vielleicht erwidern: “Glück gehabt!” oder: „Gut geraten!“, aber wir würden nicht sagen: „Nora weiß, dass Theresa May zurückgetreten ist.“

Und schließlich, und das ist ebenso wichtig wie trivial, würden wir Noras Wissen um Theresa Mays Rücktritt bestreiten, (3) wenn der Rücktritt von Theresa May gar nicht stattgefunden hätte. Sie kann noch so intensiv glauben, dass es passiert ist, kann noch so solide Gründe für ihre Meinung anführen („Es wurde von BBC und drei internationalen Nachrichtenagenturen gemeldet“, „Ich habe gerade Jeremy Corbyn im Fernsehen gesehen, wie er den Rücktritt begrüßt“, etc.), wenn Theresa May nicht zurückgetreten ist, kann Nora auch nicht wissen, dass dies passiert ist.

Hier haben wir nun die Grundlagen für meine zweite Lesart der Unterscheidung von faktenbasiertem vs. meinungsbasiertem Journalismus. Faktenbasiert, so lese ich diesen Begriff hier, ist ein Journalismus erst, wenn er nicht auf bloßen Meinungen (Bauchgefühl, irgendwo gehört,…) basiert. Und das ist nur dann der Fall, wenn erstens das wirklich der Fall ist, was er beschreibt (Wahrheit) und zweitens die Journalisten in ihrer Recherche genug gute Gründe angehäuft haben, die sie darin stützen, dass sie mit Ihrer Darstellung des Geschehens an die Öffentlichkeit gehen (Rechtfertigung). Erst durch diese Evidenz wird gewährleistet, dass es wirklich die Fakten sind, über die berichtet wird, die gewährleisten, dass über sie berichtet wird, und nicht irgendein Bauchgefühl oder ungeprüftes Hörensagen.   

Fassen wir zusammen:

Wenn wir von einem meinungsbasierten Journalismus sprechen, können wir damit zweierlei meinen:

(M1) einen Journalismus, der ein Weltgeschehen bewertet

(M2) einen Journalismus, der sich auf bloßes Meinen stützt, das nicht die Bedingungen des Wissens erfüllt

Wenn wir hingegen von einem faktenbasierten Journalismus sprechen, können wir ebenfalls zweierlei meinen:

(F1) einen Journalismus, der rein deskriptiv ist und sich einer Wertung enthält

(F2) einen Journalismus, der – wie es in anderem Zusammenhang genannt wird – evidenzbasiert ist, also mittels sorgfältiger Recherche für eine Rechtfertigung seiner Aussagen Sorge trägt

Kommen wir abschließend zu einer (vorläufigen) Bewertung dieser vier Varianten. Es ist zunächst klar, dass an (F1) wenig auszusetzen ist: Das nüchterne, wertungsfreie Beschreiben der Welt gehört eindeutig zu den journalistischen Kernaufgaben. (M2) hingegen, darüber können wir uns auch schnell verständigen, ist schlechter Journalismus. Ebenso sicher können wir sein, dass (F2) einen wünschenswerten, guten Journalismus beschreibt. (M2) und (F2) sind also selbst normative Begriffe.

Interessant und schwieriger einzuordnen ist (M1): Darf Journalismus werten? Es scheint Konsens zu sein, dass dies im wohlumrissenen Rahmen der Meinungsseiten in Ordnung und sogar wünschenswert ist. Gleichzeitig soll aber der Ruch einer ‘bloß subjektiven’ Wertung gemäß den nur persönlichen Neigungen der Kommentator*innen vermieden werden. Was es damit auf sich hat, und wie das zu leisten ist, damit werde ich mich in einem der folgenden Beiträge auseinandersetzen, wenn es um die Bedeutung von Argumenten im Journalismus gehen wird.

Transparenz, Augenhöhe oder Respekt?

Was ist stirngerunzelt und nachgedacht worden angesichts des gefühlten Vertrauensverlusts gegenüber den journalistischen Medien! Dabei zeigen empirische Untersuchungen, dass die wütende Ablehnung sich auf bestimmte, relativ klar umgrenzbare Milieus beschränkt. Die Mehrheit der Deutschen vertraut ihren journalistischen Qualitätsmarken weiterhin in großem Maße.

Aber der ‚Volkszorn‘ auf uns Journalist*innen ist laut, vulgär, störend und er vergiftet das Arbeits- und Gesprächsklima selbst dort, wo er nur im Hintergrund rumort. Und das, wo uns gerade nahegelegt wird, statt der traditionellen Druckbelehrung interaktivere Formen des Umgangs mit unserem Publikum zu suchen.

Transparenz

Ein Rezept, das schnell zur Hand war, lautet: mehr Transparenz. „Wir müssen unseren Lesern besser erklären, was wir tun!“ heißt es dann. Oder: „Tue Gutes und rede darüber!“ Schön und gut, aber warum ein Milieu, das grundsätzlich unsere Wahrhaftigkeit und die Redlichkeit unserer Kommunikationsabsicht in Frage stellt, jetzt dem Werkstattbericht zur Entstehung eines journalistischen Beitrags mehr Glauben schenken soll als dem Beitrag selbst, bleibt eine offene Frage. Medienjournalismus – und zu diesem Genre gehören auch Transparenzberichte und -blogs – stößt zudem eher in der eigenen Branche auf Interesse als beim allgemeinen Publikum. 

Auch hier gilt natürlich – wie schon beim Fact Checking -, dass mehr Transparenz über die inneren Mechanismen des Mediengeschäfts grundsätzlich eine gute Sache ist. Nur muss man sich darüber im Klaren sein, dass derartige Maßnahmen für sich genommen den Karren nicht aus dem Dreck ziehen werden. Sie dienen eher der Selbstvergewisserung der Profis, oder stellen ein Zusatzangebot zur  Qualitätssicherung und Medienbildung dar, das zunächst vor allem von denen wahrgenommen werden wird, die bereits mit einem gewissen Wohlwollen auf die Medien schauen. Auf den harten Konfliktschauplätzen wird dieses Angebot höchstens mit Misstrauen oder gar Hohn zur Kenntnis genommen werden.

Augenhöhe

Gefährlicher ist die Vorstellung, wir seien gehalten, künftig einen „Journalismus auf Augenhöhe“ anzubieten. Sicher ist richtig, dass viele Journalist*innen auf einem sehr hohen Ross sitzen, dass sie sich für das Zentrum der Welt halten und ihren Einfluss mit der Macht derer verwechseln, über die sie berichten sollen. Wenn „Journalismus auf Augenhöhe“ also als ein Plädoyer für mehr professionelle Bescheidenheit verstanden wird, bin ich vollkommen damit einverstanden. 

Gemeint ist aber vielfach etwas anderes: Medientheoretiker haben zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass das Internet und seine digitalen Tools dazu geführt haben, dass der privilegierte Zugang der Medienprofis zum öffentlichen Raum ein Ende gefunden hat. Nunmehr haben Amateure ebenso wie Profis die Möglichkeit, die medialen Bühnen zu betreten, mit ähnlichen und sogar höheren Reichweiten, wie das gerade vieldiskutierte Video des Youtubers Rezo zur Europawahl beweist. 

Man muss sich klar machen, dass die Unterscheidung von journalistischen Profis vs. Amateuren quersteht zur Unterscheidung von gutem vs. schlechtem Journalismus: Es gibt hervorragende journalistische Amateure ebenso wie es bemerkenswert schlampig arbeitende Profis gibt. Wenn nun der Slogan „Journalismus auf Augenhöhe“ implizieren soll, dass wir uns alle publizistisch gleichwertig auf einem mehr oder weniger gleichberechtigten Marktplatz der Informationen und Meinungen bewegen, so besteht das Risiko einer massiven Aufweichung journalistischer Qualitätsstandards und damit die Gefahr einer Demontage des eigentlichen journalistischen Mehrwerts.

Im Gegenteil, im allgemeinen Gelärm des digitalen Marktplatzes, zu dem das Internet geworden ist, sollten wir die Alleinstellungsmerkmale journalistischer Qualitätsarbeit besonders herausstellen. Das Gespräch auf Augenhöhe will ich dabei natürlich nicht ausschließen, aber es kann nur ein Startpunkt journalistischer Wertschöpfung sein. Journalismus hat die Aufgabe, zu zeigen, was nicht auf den ersten Blick sichtbar ist. Er ist nicht wohlfeil, sondern ist mit größerem Erkenntnisaufwand verbunden und hat eine größere Fallhöhe als die Alltagsmeinung beliebiger Bürger*innen. Das hat sich durch das Internet nicht geändert, es ist eher noch wichtiger geworden.

Respekt

Die Erfolgsformel, die ich in den folgenden Beiträgen entwickeln und zu einer künftigen besseren Orientierung des Journalismus anbieten möchte, basiert auf einem zentralen Begriff: Respekt. Respekt funktioniert auf inhaltlicher Ebene ebenso wie auf der Beziehungsebene. Ich kann Respekt vor der Wahrheit, den Fakten, vor den Mühen der Recherche haben, ebenso wie ich mein Publikum, meine Gegner und andere Akteur*innen respektieren kann. Respekt schließt den klaren Dissens nicht aus, im Gegenteil, er ist Voraussetzung dafür, diesen Dissens besser zu lokalisieren und fruchtbar auszutragen. Wie sich der Begriff des Respekts im journalistischen Handwerk fruchtbar machen lässt, darüber mehr in den nächsten Tagen.

Fact Checking und die Mühen der Ebene

Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Dementsprechend kommt das journalistische Fact Checking auch nicht aus einer Tradition öffentlicher Korrektur von Fehlinformationen anderer Anbieter, sondern aus der redaktionsinternen Qualitätssicherung. Zumindest im friedlichen Nachkriegsdeutschland ist man einen streitbaren, kontrovers argumentierenden Journalismus nicht gewöhnt. 

Das hat sich mit „Lügenpresse“-Vorwürfen und der Verbreitung gezielter Falschmeldungen in den letzten Jahren auch nur langsam geändert. Widerspruch und Parteinahme für die belagerte Wahrheit sind aufwändig und wollen gelernt sein, bevor sie verlässlich ausgeübt werden können. Immerhin hat man sich in dieser Zeit der Tatsache besonnen, dass das Internet ein Zeitalter nicht nur der Desinformation sondern auch der Disintermediation eingeläutet hat. Und so hat man probehalber Fact Checking Departments ans Licht der Öffentlichkeit gehoben. Plötzlich wurden wie in angelsächsischen Ländern Watchblogs eingerichtet, vor einzelnen Wahlen Politikerbehauptungen auf den Prüfstand gestellt und Fact-Checking-Services für den normalen Nutzer sicht- und nutzbar gemacht. 

Dauerhaft ist davon allerdings nicht viel geblieben. Fehlerkorrektur und streitbare Wahrheitsliebe mögen zwar in besorgten Abendvorträgen beliebt sein, aber sie lassen sich schwer vermarkten oder in bestehende und längst  hart umkämpfte Medienbudgets integrieren. Nurmehr das verdienstvolle Korrekturportal „Mimikama“ aus Österreich und den „Faktenfinder“ der deutschen Tagesschau spielen noch in der Oberliga des dedizierten Fact Checkings, auch wenn der letztere Dienst unter der Leitung von Patrick Bensing bereits die eine oder andere Feder hat lassen müssen. Mit einer Wachstumsbranche haben wir es hier nicht zu tun. 

Allerdings fragt sich auch, wie viel das öffentliche und buchstäbliche Besserwissen der Korrektoren wirklich zur Bereinigung des Informationsraums beiträgt. Weitgehend sicher ist, dass deren Botschaften nur relativ wenige derer erreichen, die begeistert am Tropf der digitalen Gerüchteküchen hängen. „Wer Beatrix von Storch auf Twitter folgt, wird wahrscheinlich nicht immer anschließend beim Faktenfinder nachschauen, ob das, was sie getwittert hat, auch richtig war“, spottet Alexander Sängerlaub, der sich für die Stiftung Neue Verantwortung mit Fact Checking beschäftigt hat. Doch, möchte man ihm erwidern, das kommt vor. Nur führt das im Normalfall nicht zu einer Korrektur der falschen Überzeugungen. Zum einen, weil, wer schon der Ansicht ist, dass die öffentlich-rechtlichen Medien eine von Angela Merkel und den Geheimdiensten unterhaltene Manipulationsschleuder sind, auch einem Faktenfinder der Tagesschau kein Vertrauen schenken werden. 

Zum anderen, und das ist eigentlich viel wichtiger, weil es für diese Zielgruppe von Anfang an gar nicht um einen an Wahrheit und Fakten orientierten Diskurs geht, sondern um ein gänzlich anderes Sprachspiel: um eine sprachlich codierte Form des Tribalismus. Die Parteinahme für bestimmte Behauptungen und Claims ist hier das Mitgliedsticket, das Zugehörigkeit zu einer als stark empfundenen Gegenkultur sichert, ganz ähnlich, wie seinerzeit der Antisemitismus dies für die Nazis leistete.

Haben also diejenigen Recht, die die Mühen der öffentlichen Richtigstellung gleich wieder aufgegeben haben, teilweise bevor sie sie überhaupt begonnen haben? Ich denke, nein, und ich wünsche mir deutlich mehr Initiativen und Dienste wie Mimikama und den Faktenfinder. Denn die Zielgruppe für solche Dienste sind nicht diejenigen, die die Falschinformationen in die Welt setzen und für ihre politischen und psychologischen Bedarfe zu nutzen wissen. Zielgruppe sind eher die vielen Menschen, die in einem beliebigen Nebeneinander von Wahr und Falsch zunehmend die Orientierung verlieren. Niemand darf das Gefühl bekommen, dass die Wahrheit letzten Endes nicht zählt. Und wenn das bedeutet, dass wir uns der Mühe unterziehen und das Offensichtliche von Neuem beweisen: dass wahre Überzeugungen einen evolutionären Vorteil gegenüber falschen bedeuten, dass sie zu besserem, erfolgreicherem Handeln führen, dann sei es drum. 

Denn letztlich sind die Zielgruppe wir alle. Desinformation darf nicht unwidersprochen im Raum stehen bleiben, denn Wahrheit ist der Lebenssaft jeder Kommunikation, auch der kontroversesten Debatte, wie sie eine Demokratie und offene Gesellschaft aushalten muss. Und dazu leistet hartnäckiges öffentliches Fact Checking einen – wenn auch kleinen – Beitrag.

Resiliente Rationalität

Am 12. Juni werde ich im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Science Wednesday“ am Mediencampus Dieburg einen Diskussionsimpuls zu folgendem Thema geben: „Virale Infektionen des Diskursraumes. Wie stärken wir das Immunsystem?“

Über den Erkenntnisbeitrag von Metaphern lässt sich generell streiten, und insbesondere Krankheitsmetaphern sind im politischen Diskurs heikel. Man denke an das breite Repertoire entsprechender Schmähungen aus dem rechtsradikalen Umfeld: „linksgrünversifft“ etc. Will man sich auf so ein diskreditierendes Framing nicht einlassen, sollte man auf sprachliche Bildwelten verzichten, die Gesundheit und Krankheit ins politische Feld projizieren.

Dennoch gibt es gelegentlich auch gute Gründe, von dieser Faustregel abzuweichen. „Language is a virus from outer space“, zitiert Laurie Anderson den US-amerikanischen Schriftsteller William Burroughs. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses künstlerische Statement wirklich verstehe, aber bei den aktuellen Formen von Desinformation, destruktiver Emotionalisierung und Polarisierung bietet sich die Virenmetapher aus verschiedenen Gründen an:

  1. Der Verbreitungsweg ist viral: Bestehende Kommunikationsräume sind gewissermaßen der Wirtsorganismus, dessen normale Basisfunktionen – u.a. der rational geprägte Austausch von Gedanken, Präferenzen und Gefühlen – nach dem gezielten Befall durch Bruchstücke von Desinformation oder destruktiver Emotion dazu zweckentfremdet werden, eben noch mehr dieser Bruchstücke von Desinformation und destruktiver Emotion zu generieren und freizusetzen, die sich dann wiederum inner- und außerhalb des betroffenen Kommunikationsraums weiter ausbreiten.
  2. Wie bei echten Viren handelt es sich bei den Schädlingen nicht um eine Lebensform im eigentlichen Sinne, sie sind isoliert betrachtet nicht lebensfähig: Ein Kommunikationsraum, der nur aus Desinformation und dem kommunikativen Ausdruck destruktiver Emotionalität besteht, ist nicht denkbar. Jede geglückte Kommunikation setzt das Vertrauen in weitgehende Wahrheit der Inhalte, Wahrhaftigkeit der Äußerungen und prinzipielles Wohlwollen der Kommunikationspartner voraus.
  3. Wie im Falle echter viraler Infektion missbraucht der Schädling seinen Wirtsorganismus nicht nur zu seiner weiteren Verbreitung, sondern er schädigt diesen auch, oft nachhaltig. Ab einem gewissen Anteil von Desinformation und destruktiver Emotionalität wird das dem kommunikativen Geschehen zugrundeliegende Vertrauen und damit die Kommunikation selbst praktisch sabotiert.

Dies ist also der Befund, der sich auf verschiedene Formen aktueller digitaler Kommunikation anwenden lässt: Auf die perfiden Formen neuer Propaganda, wie sie zum Beispiel die Russen in den sozialen Netzwerken als gegnerisch empfundener Staaten einsetzen, um Zwietracht zu säen und Verwirrung zu stiften. Aber auch auf weniger kontrollierte Formen von Hate Speech oder Trolling, die sich auch ohne strategische Planung fast ungehemmt verbreitet und festgesetzt haben.

Stellt sich die Frage, ob es in unseren Diskursräumen natürliche Abwehrmechanismen gegen solche destruktiven Prozesse gibt, und wie wir – wieder in der Metapher gesprochen – das Immunsystem des rationalen Diskurses durch Unterstützung solcher Mechanismen oder andere Eingriffe gezielt stärken können.

Ein einfaches, aber auf Dauer und in der Breite nicht praktikables und auch nicht empfehlenswertes Verfahren wäre die Quarantäne. Wenn wir nur noch in sterilen geschlossenen Räumen kommunizieren würden, hätten wir kein Infektionsrisiko. Nur gibt es keine wirklich sterilen Kommunikationsräume: Ein gewisses Maß an Irrtum, Verstellung, unangemessener Emotion gehört zum Diskurs dazu und hat auch seinen evolutionären Wert. Wir sollten einander vertrauen, aber doch nicht zu sehr.

Die Aufgabe besteht also darin, Formen des Widerstands zu finden, die den viralen Befall als Tatsache hinnehmen, aber in der Mechanik seiner schädlichen Auswirkungen hemmen. In ein paar folgenden Beiträgen will ich bis zu meinem Veranstaltungstermin am 12. Juni mehrere Vorschläge prüfen, die primär aus dem Bereich des Journalismus stammen. Sie verlassen allesamt das Reich meiner Virusmetapher, aber lassen sich durchaus in ihrem Lichte reflektieren.

Stop and go!

Der demokratische US-Präsidentschaftskandidat Pete Buttigieg hat sich gestern in einer Townhall auf Fox News zu Donald Trump geäußert: 

    It’s in the nature of grotesque things that you can’t look away.

Was natürlich nicht nur auf Trump zutrifft, sondern auf den ganzen kollektiven Schwachsinn der jüngsten Zeit, gerade zum Beispiel auf die aktuellen Europawahlprognosen aus Wales oder den Niederlanden. Das Groteske ist Zeitgeist geworden. Damit kann man viel nutzlose Zeit verbringen.

Folgen wir also Mayor Buttigiegs anschließenden Ratschlag und kümmern uns künftig mehr um konstruktive Inhalte, statt auf die destruktiven Spektakel zu starren. Und im Sinne des ‚therapeutischen‘ stoischen Ansatzes aus dem letzten Beitrag beginne ich mit ein paar Leitfragen zur eigenen Rolle, denen ich in kommenden Beiträgen nachgehen möchte: 

Erstens: Wie sicher bin ich mir meiner Werte und Positionen? Wie würde ich diese priorisieren? Was habe ich argumentativ beizusteuern, um meine Positionen auch öffentlich zu vertreten?

Zweitens: Welche publizistischen Formate sind am besten geeignet, meinen Positionen Geltung zu verschaffen? Wie kann ich mich publizistisch besser vernetzen und welche Arten der öffentlichen Debatte sollte ich suchen?

Drittens: Ist es sinnvoll, einer Organisation beizutreten? Wenn ja: Welche Organisationsformen bieten sich an? Parteien, Gewerkschaften, Bewegungen?

Das Ende der Gelassenheit?

Manchmal kreuzen sich ganz zufällig verschiedene Sinnlinien und ergeben für einen Moment eine plastische Gestalt. So ging es mir in den letzten Tagen mit dem aktuellen Erscheinungsbild der stoischen Philosophie.

Ich hatte gerade in meinem Ebook-Archiv ein bisschen Marc Aurel und Epiktet, sowie die stoischen Lebensratschläge des britischen Romanciers Arnold Bennett gelesen, als ich auf Youtube auf ein mehr als 30 Jahre altes Video mit der US-amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum stieß. Darin ging es darum, wie man antike Autoren zum Gespräch in die Gegenwart holen kann: Die griechischen Tragöden beispielsweise schildern Situationen, in denen man sich nur falsch verhalten kann. Kennen wir das nicht?, fragt Nussbaum, und schildert ihr damaliges Dilemma als alleinerziehende Mutter, die sich ständig zwischen Fürsorge und beruflichen Pflichten entscheiden muss. Nussbaum, so fand ich dann heraus, hat sich Zeit ihres Lebens mit dem Stoizismus auseinandergesetzt: Hängt ein erfülltes Leben wirklich nur von der Kontrolle des Seelenlebens und der eigenen Gefühle ab? Darf das externe Geschehen dabei keine Rolle spielen?

Am nächsten Tag stieß ich dann in meiner Lieblingscommunity Metafilter auf einen Eintrag, der sich umfangreich und systematisch mit den aktuellen Interpretationen der Stoa beschäftigt. Darin wird immer wieder auf den britischen Philosoph Kai Whiting verwiesen, der sich in verschiedenen Vorträgen und Veröffentlichungen bemüht, den Stoizismus aus der individualistischen Nische zu holen und die Lehre für soziale, kosmopolitische und Nachhaltigkeitsgesichtspunkte zu öffnen. Gelingt ihm das?

Die stoische Lehre, so Whiting und seine Mitstreiter, sucht Erfüllung in der Entwicklung persönlicher Tugenden wie Mut, Gerechtigkeit, Selbstkontrolle und Weisheit. Dies findet in einem konzentrischen Gefüge von Loyalitätssphären statt, von denen das eigene Selbst nur den innersten Kern ausmacht. Es folgen die Familie, die Freunde, die Community, die Menschheit – und es ist nur ein kleiner logischer Schritt, den ganzen Planeten oder gar Kosmos als weitere Schicht hinzuzufügen, der die stoische Aufmerksamkeit und Pflege gebührt.

Nur, wie geschieht das? Bleibt nicht ein Grundprinzip der Lehre die Hinnahme externer Umstände, und steht diese nicht im Konflikt mit den Anforderungen einer Zeit, in der uns Klimakatastrophe, wiedererstarkender Faschismus und autoritäre Kulturentwürfe wie in Russland und China zur Einmischung geradezu verpflichten?

Eine Seitenlinie der Diskussion auf Metafilter beschäftigt sich mit dem auch in der Geschichte der Stoa nachweisbaren Prinzip des Kosmopolitismus – als weiterhin zeitgemäßer Gegenposition zur globalen Renaissance von Nationalismus und Protektionismus. Auch hierzu kann man wiederum Martha Nussbaum konsultieren, die dem Thema 1994 einen lesenswerten Artikel gewidmet hat. Nussbaum wendet sich darin gegen ihren Landsmann Richard Rorty, der versucht hat, den zunehmend voneinander entfremdeten Milieus in den USA durch eine Art neuen Patriotismus wieder eine Einheit zu verschaffen. In charakteristischer Gelehrtenattitüde holt sich Nussbaum Unterstützung bei einem anderen ‚master thinker‘, dem indischen Poeten und Philosophen Rabrindanath Tagore, der die Vision eines aufgeklärten Kosmopolitismus vertreten hat, und präsentiert eine Reihe von rationalen Gründen, warum eine solche Weltoffenheit dem abgeschlossenen Weltbild der Nationalisten überlegen ist.

Aber auch hier stellt sich mir die Frage, ob das angestrebte Ideal von Respekt und Offenheit für andere Kulturen nicht zu pazifistisch gedacht ist. Können wir mit einer grundsätzlich versöhnlich gestimmten Einstellung zur Multikulturalität einer Situation gerecht werden, in der unsere eigenen Einsichten und die grundsätzlichen Errungenschaften der Aufklärung wie universelle Menschenrechte und Demokratie akut durch neue Autoritarismen in Frage gestellt und bedroht werden? Benötigen wir nicht vielmehr einen wehrhaften Kosmopolitismus? Und wie könnte der aussehen? Respekt ja, aber auch Selbstbehauptung und Verteidigung eigener Werte?

Eine andere Expertin, die Ideengeschichtlerin und Science-Fiction-Autorin Ada Palmer, hat sich in einem aktuellen Blogbeitrag kritisch mit der aktuellen Stoa-Mode in den USA und vor allem im Silicon Valley auseinandergesetzt. Sie weist darauf hin, dass die Stoa immer eine Philosophie gewesen ist, mit der die Mächtigen und Reichen gut leben konnten – eben weil sich ihr disruptives, revolutionäres Potential dann doch sehr in Grenzen hält. Sie empfiehlt, sich der Stoa nicht vollständig auszuliefern, sondern sie als ein exzellentes therapeutisches Werkzeug für viele Lebenslagen zu würdigen. Wenn es dann um den Umgang mit den uns umgebenden Missständen geht, täten wir gut daran, Seneca mit einer gesunden Dosis Aktivismus und Voltaire zu ergänzen.

Money Shot auf Ibiza

Die letzte Nacht brachte den 2017er FPÖ-Hack auf Ibiza an die Öffentlichkeit, der heutige Tag dann den Rücktritt von Neonazi Strache und die Ankündigung des ÖVP-Schnöselkanzlers Kurz, Neuwahlen anzustreben. Natürlich gibt es skeptische Stimmen: „Qui Bono“ (sic!) fragt zum Beispiel mal wieder Daniel Bröckerhoff, mein Freund Olaf Steenfadt argumentiert, dass (1) Leak-Journalismus nicht dasselbe sei wie investigativer Journalismus, dass es sich (2) hier aber nicht einmal um ein Leak bestehender Evidenz handele, sondern um eine planmäßige Kampagnen-Maßnahme, zwei Jahre nach dem Geschehen und wenige Tage vor der wichtigen Europa-Wahl.

Natürlich wirft die Aktion Fragen auf, die beantwortet werden sollten, insbesondere über die Wahl ihres Zeitpunkts. Aber Undercover-Maßnahmen wie die Falle, in die Strache und sein Spießgeselle Gudenus auf Ibiza gelockt wurden, gehören durchaus zum legitimen Recherche-Werkzeug des investigativen Journalismus, insbesondere bei der Aufdeckung krimineller Machenschaften. Entscheidend bei der Bewertung sollten vor allem Wahrheit und Tragweite des Aufgedeckten sein. Und wer wollte daran zweifeln?

Auch sind die Übergänge solcher Undercover-Aktionen zu Media-Hacks und politisch motivierten Kunstaktionen, wie wir sie beispielsweise von den legendären Yes Men oder dem Zentrum für politische Schönheit kennen, fließend. Das heißt, wir haben es hier auch mit einer gewissermaßen ästhetischen Dimension zu tun, einer Art Glanz der Enthüllung, der jenseits von Schadenfreude vielleicht die Befriedigung erklärt, die man angesichts der Aktion empfindet.

Heldinnen

Men have been getting on my nerves lately.

Barack Obama

Dumme alte Säcke übernehmen gerade die Welt. Sie wollen noch einmal richtig Party machen, Rücksichtnahme ist für Sissys.

Da ich selbst gender- und altersmäßig in der Gefahrenzone lebe, achte ich auf meine geistig-moralische Diät und lese statt verdummter alter Männer (Sloterdijk, Martenstein, etc.) Frauen von überlegener Klugheit. Zum Beispiel:

  • Ursula Le Guin – Viel zu spät entdeckt, was für eine Persönlichkeit, was für eine Stimme! Ihr leider letztes Buch, eine Sammlung von Blogbeiträgen, trägt den Titel, den ich zu einem meiner persönlichen Mottos machen möchte: „No Time To Spare. Thinking About What Matters“ (Die Geschichte hinter diesem Titel ist erhellend: Die 80jährige schreibt über einen Fragebogen, den die Harvard-Universität an ihre ältesten Alumni verschickt hatte. Eine Frage darin lautete: „In your spare time, what do you do?“ Nach einer längeren Reflexion über das Leben und Zeiterleben alter Menschen resümiert Le Guin verärgert: „What is Harvard thinking of? I am going to be eighty-one next week. I have no time to spare.“)
  • Rebecca West – Eine weitere späte Entdeckung. Ihr Reisebericht „Black Lamb and Grey Falcon“ über Jugoslawien im Jahr 1937 wäre die bestmögliche Vorbereitung auf unsere gerade abgeschlossene Kroatienreise gewesen. So habe ich erst unterwegs angefangen, darin zu lesen, und immer noch unheimlich viel gelernt. Anders als bei Le Guin stoßen wir bei West öfter mal auf Ansichten, denen wir wahrscheinlich nicht ohne weiteres folgen möchten, aber alles was sie sagt und schreibt zeugt von einem so ungeheuren Wissen und einer so überwältigenden Intelligenz, dass man sich ihrer Analyse und auch ihrem Urteil auch dort immer wieder anvertraut, wo diese den eigenen Ansichten und Denkgewohnheiten zunächst widersprechen.
  • Rebecca Solnit – Die andere, jüngere Rebecca, Feministin wie West und Le Guin, eine der artikuliertesten Stimmen des US-amerikanischen Widerstands, schon gegen George W. Bush, gegen die Macht der Wall Street, jetzt gegen Trump und alles, wofür er steht. Stimme der Entschlossenheit und der Hoffnung. Ein Diskurs auf der Beziehungsebene, fast therapeutisch. 

Die Liste ließe sich fortsetzen, zum Beispiel mit Ökonominnen wie Mariana Mazzucato oder Ann Pettifor, aber das ist zu viel für heute. Vielleicht später einmal.

#metoo in China (Neuauflage)

Während wir hier in Deutschland unter dem Hashtag #metwo Erlebnisberichte über den Alltagsrassismus lesen und diskutieren müssen, dem viele als fremd empfundene Mitbürger immer wieder ausgesetzt sind, tobt in China gerade eine Neuauflage der klassischen #metoo-Debatte.

Nach einer ersten Welle vor einigen Monaten, in der Frauen überwiegend Erfahrungen mit ihren Professoren an Hochschulen geteilt und diskutiert hatten, sind es jetzt vor allem Medienmacher und öffentliche Intellektuelle, denen sexuelle Übergriffigkeit und Missbrauch vorgeworfen werden. Die Staatsmacht ist ein bisschen verwirrt und lässt der Diskussion zunächst weitgehend freien Lauf. Immerhin zählen viele der Bezichtigten zur liberalen Elite, die der Partei eh ein Dorn im Auge ist. Aber es besteht ja die Gefahr, dass irgendwann auch Funktionäre aus Partei oder Staatsbetrieben in den Fokus geraten, und dann ist natürlich Schluss mit lustig.

Q hat gleich zu Beginn der Debatte für ein Online-Medium in Hongkong einen Artikel über die kulturellen und strukturellen Rahmenbedingungen geschrieben, die chinesische Mädchen und Frauen zu perfekten Opfern sexueller Gewalt machen. Der Artikel hatte innerhalb von 2 Tagen mehr als eine halbe Million LeserInnen, und jetzt ist sie praktisch rund um die Uhr eingebunden in eine gewaltige, teilweise hart geführte öffentliche Diskussion mit täglich neuen Enthüllungen, Verteidigungsgefechten der Täter und ihrer Sympathisanten und einer ständig wachsenden, sehr artikulierten und zunehmend ermächtigten Masse Betroffener.

Schon früh war ein prominenter Fernsehmoderator, Gastgeber der legendären TV-Gala zum chinesischen Neujahrsfest, unter Druck geraten. Heute veröffentlichen Mönche eines berühmten buddhistischen Klosters, viele von ihnen Absolventen chinesischer Eliteuniversitäten wie Qinghua in Beijing, einen akribisch recherchierten Bericht über die Missbrauchsgeschichte ihres leitenden Abtes. In Fällen wie diesen, wenn es um Personen geht, die ihre Autorität mit Einverständnis und im Glanz der Staatsmacht ausüben, reagieren die Zensurbehörden dann doch nervös, und die einschlägigen Namen und Stichworte geraten auf die Bannlisten der Suchmaschinen.

Dennoch zeigt die Bewegung, dass trotz der totalitären Entwicklungen im China unter Xi Jinping pessimistische Prognosen über das Ende der chinesischen Zivilgesellschaft verfrüht sind.

Schneeregen und re:publica

Noch einmal zieht etwas Kaltes, Nasses über uns hinweg, irgendwo aus Richtung Nordsee, Nordmeer. Man assoziiert gleich gischtumtoste Ölplattformen. Ungemütlich.

Die re:publica wird in diesem Jahr ohne mich stattfinden – nachdem das Programmkommittee zum zweiten Mal in Folge einen Themenvorschlag zu den Öffentlich-Rechtlichen abgelehnt hat. Diesmal wollte ich Bedingungen eines konstruktiven Reformdialogs aus Nutzersicht skizzieren. Ich könnte mir ehrlich gesagt derzeit kaum ein relevanteres Thema im Rahmen einer ‚re:publicanischen‘ Öffentlichkeit vorstellen. Wenn es nach mir ginge, hätte man die gesamte re:publica unter das Thema Public Value vs. Populismus stellen können. Stattdessen ist das Motto diesmal POP, ganz ungebrochen.

Aber es ist so eine Sache mit der Relevanz. Das kennen wir im Journalismus ja auch: Die Nachrichtenwerte kippen auch gerne in Richtung POPulismus, statt die gesellschaftlich anstehenden Fragestellungen abzubilden.

Ein Problem mit der re:publica ist der Wohlfühlfaktor. Die Veranstaltung ist irgendwie kuschelig gealtert. So wie sie über die Jahre gewachsen ist, kuscheln sich dort inzwischen natürlich andere Leute als am Anfang. Viel PR und Marketing hat sich eingenistet – was aus meiner Sicht vollkommen okay ist, solange der eigentliche, namengebende Fokus dabei nicht verloren geht.

Und bei den Medienthemen? In meinen Augen war es von Anfang an ein Fehler, diese in die Media Convention (MC) auszugliedern. Denn das ist keine primär zivilgesellschaftlich aufgestellte Zusammenkunft, sondern eine im Auftrag der Länder Berlin und Brandenburg organisierte Branchenmesse. Dort kommen die wichtigen Themen zwar auch irgendwann an, aber der ‚re:publicanische‘ Spirit überlebt den Weg in die dort primär vertretenen Ebenen (Chefetagen und Vertreter von Organisationen, Regierungsstellen, Unternehmen. etc.) eher selten.

So werden die BesucherInnen der MC zum Thema öffentlich-rechtlicher Rundfunk in diesem Jahr den Verlautbarungen des ZDF-Intendanten Thomas Bellut lauschen dürfen und in einer Podiumsdiskussion die Vizedirektorin der Schweizer SRG/SRR, die Intendantin des RBB und die Generaldirektorin des dänischen DR erleben. Immerhin, die Frauenquote wird eingehalten, das ist ja schon mal was.

Schade, ich hätte gerne wieder ein bisschen mitgemischt. Vielleicht müssen wir als BürgerInnen uns ja nicht nur die Öffentlich-Rechtlichen zurückerobern, sondern auch die re:publica. Oder ich suche mir einfach andere Bühnen. Denn die Themen brennen, und es bleibt wenig Zeit. Mit einem geschätzten Kollegen habe ich kürzlich über die Kunst des souveränen Ausweichens gesprochen. Aber das ist das Thema für einen anderen Beitrag.

[UPDATE 29. März 2018] Doch keine Pause! Das Programmkommittee hat noch ein Plätzchen für die konstruktive Kritik an den öffentlich-rechtlichen Medien gefunden: Freitag 4.5. gegen Mittag: 2×30 min für den Volker Grassmuck und mich. @republica zurückerobert! 😉 #rp18