Dan Gillmor über die Rolle der Journalisten

Die kleine Wiederbelebung meines Blogs in diesen Tagen bestand und besteht überwiegend aus Hinweisen auf Texte anderer. Sorry dafür.

Mich beschäftigt im Moment, wie viele andere auch, die Frage, wie man als Journalist und als Staatsbürger auf die aktuellen Herausforderungen reagiert. Ein paar Punkte habe ich in den letzten Jahren bereits selbst zu entwickeln versucht: die essentielle Bedeutung der öffentlich-rechtlichen Medien für den Journalismus, wenn die kommerziellen journalistischen Medien schwach und damit korrumpierbar werden; das Anrecht und die Pflicht des Journalismus, Partei für wesentliche Werte einer offenen Gesellschaft zu ergreifen, solange die Unabhängigkeit des Urteils gewährleistet bleibt; die Notwendigkeit, große, relevante Themen strategisch zu entwickeln.

Aber in solchen turbulenten Momenten reichen die eigenen Gedanken nicht aus. Sie reichen natürlich nie aus, doch jetzt noch viel weniger. Da wird man dann primär wieder zum aufmerksamen Leser.

Mein heutiger Verweis geht auf einen Vortrag, den der kalifornische Journalist Dan Gillmor wenige Tage nach der US-Wahl in Barcelona gehalten hat. Spürbar unter dem Schock des Wahlergebnisses, bekräftigt Gillmor darin nachdrücklich fast alle meine Überlegungen von der re:publica 2014 zum Thema Journalismus und Aktivismus. Und er weist den Journalisten eine weitere, pädagogische Rolle zu: „Journalists should be the leading teachers of media literacy.“

[W]e need to be spreading the concept of media literacy to everyone who will listen. This is, above all, about developing skills for critical thinking – being skeptical, using judgment, asking questions, ranging widely for information; and more. People need a refuge from the misinformation, and context to understand what is really going on.

Deep Stories?

el-pueblo-unido

Letzten Donnerstag haben wir im Kolloquium unseres Masterstudiengangs die Frage diskutiert, ob von Seiten der deutschen Medien im Umgang mit Erdogan und der AKP mehr Zurückhaltung angebracht sei. Eine Kollegin brachte Psychologie ins Spiel: Sei nicht manches Macho-Gebaren, das uns dort begegnet, auch angstgetrieben? Täten wir nicht besser daran, den psychosozialen Grundlagen dieser Bewegungen ein wenig empathischer zu begegnen und sie verstehen zu lernen? Aber nein, da gebe es keinen Grund zur Einfühlung, entgegnete ein Student: In der Türkei würden Bürger- und Menschenrechte mit den Füßen getreten, das müsse man auch klar beim Namen nennen, wenn man sich nicht zum Komplizen machen wolle.

Journalismus-Guru Jeff Jarvis argumentiert dafür, mehr Einfühlung zu zeigen und auch gegnerischen Communities mit einem verstehenden Journalismus entgegen zu kommen. Sein Plädoyer für einen „Empathetic journalism for the right“ fasst er am Ende wie folgt zusammen:

Where to we (SIC!) start? Not with story ideas and pitches, not by assigning a reporter to a new beat, not by allocating space in a paper to more stories — all the things we used to do. I would start by sending a team made up of the smartest and most open-minded people from editorial, technology-design-data, and business (because this needs to be sustainable) to spend time with the community they will serve. I’d give them strict instructions: Listen. Observe. Don’t talk. Don’t test your ideas. Don’t interview them to get quotes. Just watch and listen. Learn about their problems and goals. Find out how they try to accomplish those goals now and what frustrates them. Ask what they believe they need to know. Listen for where they’re confused, wrong, worried, and curious. Empathize. Don’t come back until you can give me insights about their lives and needs. Bring me evidence of what you find out. Then build a new journalism around them.

If we can do this — better informing and building trust even with Trump’s community — we can do the same for any community.

Aber nicht alle sind von der Wirksamkeit einer empathischen Strategie überzeugt – zumindest wenn sie darauf abzielt, der Gegenseite zuzuhören um sie dann besser überzeugen oder für die eigene Sache gewinnen zu können. Die klügste Kritik, die ich gelesen habe, und das beste Argument für die Position unseres Studenten, stammt von einem Leser des New York Magazine mit dem Handle nybearfan und bezieht sich auf einen Artikel mit dem Titel „Language Matters If You Are Trying To Persuade A Trump Voter“ über die Arbeit der Soziologin Arlie Hochschild, die sich unter Einsatz ethnographischer Methoden mit der US-amerikanischen Rechten beschäftigt. Weiterlesen →

Die Institutionalisierung gegenseitigen Respekts

Um der grassierenden antidemokratischen Verstimmung zu begegnen, benötigen wir wieder Parteien, die ihr politisches Geschäft in der Dynamik von Position und Konflikt verstehen, statt darin, sich gemeinsam in einer postdemokratisch-diffusen ‚Mitte‘ um Posten zu drängeln.

Wir brauchen also gerechtigkeitsgläubige Sozialdemokraten[^1] und wertkonservative Christdemokraten, wir brauchen unternehmerfreundliche Freidemokraten, Grüne mit ihrem Bauchladen aus Umwelt- und Inklusionsanliegen, und wenn es denn sein muss auch klassenkämpferische Kommunisten und antieuropäische Deutschnationale. Sie alle müssen sich auf ihre eigentlichen Zielgruppen und Alleinstellungsmerkmale besinnen und wieder zu streiten anfangen. Und wenn ein paar neue Parteien hinzukommen – von mir aus.

Aber was wir vor allem und noch viel dringender brauchen, ist ein verstärktes republikanisches Grundverständnis unseres Gemeinwesens, das allen diesen politischen Parteien und ihren notwendigen Konflikten als elementarer Wertekonsens zugrunde liegen muss. Das Wort „republikanisch“ meine ich hier natürlich nicht im Sinne der US-Partei, die gerade endgültig zur Plattform für Schlechtmenschen verkommt, und schon gar nicht im Sinne der rechten deutschen Splitterpartei (erinnert sich noch jemand an Herrn Schönhuber?).

Gemeint ist vielmehr ein bis in römische Zeiten zurückweisendes Verständnis des Staates als res publica – das heißt: als ein Ort der respektvollen Aushandlung gemeinsamer Anliegen unter freien Menschen. Dieses republikanische Grundverständnis ist in den letzten Jahrhunderten ein bisschen in Vergessenheit geraten, wird aber seit einigen Jahren von einer Reihe von politischen Philosophen (z.B. Philip Pettit), Philosophiehistorikern (z.B. Quentin Skinner) und Staatstheoretikern wiederbelebt und gegen das vorherrschende (wirtschafts-)liberale Staatverständnis in Stellung gebracht. Es liegt auch Ulrike Guérots großartiger Vision einer Europäischen Republik zugrunde.

Eine Republik im klassischen Sinne ist ein Rechtsrahmen, der die Grundidee eines gemeinwohlorientierten gemeinsamen Handelns freier Menschen sichert. Der zugrunde liegende Freiheitsbegriff ist stärker als der des Liberalismus. Er schließt nicht nur illegitimen Zwang (interference/coercion) aus, sondern setzt auch voraus, dass die Bürger vor illegitimer Vorherrschaft (domination) geschützt werden. Solche illegitime Vorherrschaft kann nicht nur durch politische Willkürsysteme, sondern auch auf Grund von Armut und prekären Arbeitsverhältnissen ausgeübt werden.

Insofern unterscheidet sich der republikanische Gedanke vom liberalen Staatsverständnis, das Freiheit im wesentlichen als ungehinderte Handlungsfreiheit wirtschaftlicher Akteure versteht und dem Staat dabei nur eine minimale Kontroll- und Schutzaufgabe zuweist. Der klassische Republikanismus hingegen sieht Geld, Eigentum und ein freies Wirtschaftssystem nicht als naturgegeben und per se schützenswert an, sondern als soziale Konstrukte, die immer wieder an den Zielvorstellungen der Bürgerfreiheit und des Gemeinwohls zu messen sind.

Die Rückeroberung der Wirtschaft durch die Politik ist somit ein zentrales Anliegen republikanischen Handelns. Unter dem Titel Democratic Wealth. Building a Citizens Economy erschien im Frühjahr 2014 ein Reader, der Beiträge zu diesem Thema zusammenträgt.

Zur philosophiegeschichtlichen Genealogie des Republikanismus kann man sich einen der phantastischen Vorträge von Quentin Skinner auf Youtube anschauen (für West Wing-Fans: Sir John Marbury in seinen ernsthafteren Momenten), für die philosophische Grundlegung empfiehlt sich zum Beispiel Philip Pettits Buch Gerechte Freiheit. Und eine der spannendsten Anwendungen ist in meinen Augen Ulrike Guérots Projekt einer europäischen Republik.

[^1]: Dass die Sozialdemokraten eine besondere Verantwortung für die gegenwärtige Misere tragen, darüber sind sich Persönlichkeiten wie Wolfgang Münchau und Jürgen Habermas einig.

Be Outraged.

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ – Kaum zu glauben, dass diese bittere Warnung aus dem Arturo Ui von Bertolt Brecht, die uns in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch sehr nahe war, nicht in Ehren über die Generationen und Jahre verblassen durfte, sondern jetzt, Jahrzehnte nach dem historischen Zusammenbruch der großen faschistischen Systeme, von neuem drohend aufscheint.

Gut drei Wochen ist es her, dass wir in den Alptraum einer bevorstehenden Trump-Präsidentschaft in den USA hinein aufgewacht sind. Natürlich gab es die Warnzeichen schon länger, mit Putin, mit dem Front National, mit Orban und Kaczynski, Pegida und der AfD, mit UKIP und dem Brexit. Aber erst seit dem 9. November 2016 gibt es wirklich keine Ausflüchte mehr, und wer jetzt nicht Farbe für Demokratie und eine offene Gesellschaft bekennt, macht den ersten Schritt zur Kollaboration.

Die beste Reaktion auf den Wahlsieg von Trump, die ich bisher gelesen habe, erschien bereits am nächsten Tag in der täglichen Sektion des New York Review of Books. Sie stammt aus der Feder von Masha Gessen, einer russischen Journalistin und Aktivistin im US-amerikanischen Exil: Autocracy. Rules for Survival. Der Text ist von einer unbeirrbaren Klarheit und Entschlossenheit, frei von Redundanz oder Selbstmitleid.

Gessen selbst hat eine lange Geschichte des Widerstands gegen autokratische Herrschaft – in ihrem Fall vor allem gegen Vladimir Putin, bis hin zu persönlichen Begegnungen mit dem ‚grauen Kardinal‘ im Kreml. Sie weiß, wovon sie redet. Wir sollten ihre Regeln zum Umgang mit dem angehenden Autokraten Trump ernst nehmen.

Jetzt hat sich in einem ähnlichen Sinn eine weitere Stimme zu Wort gemeldet, die es verdient, ernst genommen zu werden. Timothy Snyder, Historiker an der Yale-Universität und Autor einiger lesenswerter düsterer Bücher über Europa unter Stalin und Hitler, ist ebenfalls der Meinung, dass wir mit ganzem Einsatz um den Fortbestand von Demokratie und offener Gesellschaft werden kämpfen müssen. Wie Gessen formuliert auch Snyder seine Lehren aus der Geschichte als eine Liste von Ratschlägen.

Guter Rat ist natürlich wertvoll, in so einer Situation, in der man sich am liebsten mit ein paar Romanen oder TV-Serien für ein paar Jahre unter der Bettdecke verkriechen möchte. Kluge Verhaltensregeln öffnen den Blick nach vorne und erleichtern den Weg aus der Schockstarre.

Wem die Erste Hilfe von Gessen und Snyder nicht ausreicht, der kann einen Altmeister des zivilen Widerstands konsultieren: Gene Sharp und seine Albert Einstein Institution geben seit vielen Jahren Leitfäden zum gewaltfreien Widerstand gegen Diktaturen heraus. Die Behauptung, dass Sharp eine wesentliche Inspirationsquelle für die erste Phase des Arabischen Frühlings gewesen sei, wurde von arabischen Aktivisten deutlich zurückgewiesen. Angesichts der Entwicklung, die die Rebellionen in Ägypten, Libyen und Syrien genommen haben, wird Sharp darüber vielleicht ganz froh sein.

Brussels Sprouts

Foto: ThorPorre / Wikimedia Commons
Foto: ThorPorre / Wikimedia Commons

Zu den Kuriositäten, die mir meine Timelines jeden Tag zuspielen, gehört heute die Studie eines Brüsseler ‚Think Tanks‘ namens ECIPE (European Center for International Political Economy) mit dem Titel „Manufacturing Discontent“, in der die deutschen Gegenöffentlichkeiten zum sogenannten ‚Freihandelsabkommen‘ TTIP untersucht werden. Das Abstract des Textes beginnt mit den folgenden bemerkenswerten Worten:

In 2013, a small group of German green and leftwing activists, professional campaign NGOs and well-established protectionist organisations set up deceptive communication campaigns against TTIP, the Transatlantic Trade and Investment Partnership between the European Union and the United States. Germany’s anti-TTIP NGOs explicitly aimed to take German-centred protests to other European countries. Their reasoning is contradictory and logically inconsistent. Their messages are targeted to serve common sense protectionist demands of generally ill-informed citizens and politicians. Thereby, anti-TTIP communication is based on metaphoric messages and far-fetched myths to effectively evoke citizens’ emotions.

Belege für diese doch recht herzhaft auch inhaltlich wertenden Behauptungen finden sich in den insgesamt 147 Seiten der Studie eher nicht. Dafür aber eine sehr detaillierte Analyse von mehreren Hundert Anti-TTIP-Veranstaltungen, aufgeschlüsselt nach Orten, Organisationen, wichtigsten Rednern, zentralen Thesen etc.

Wenn man von der ideologischen Tonlage des Abstracts absieht, die wahrscheinlich niemandem dient und keinen überzeugt, gibt einem die Studie einen interessanten Einblick in selten gesehene Aspekte einer geradezu militärischen Kampagnenplanung der PR-Strategen und Lobbyisten, inklusive Feindaufklärung und kriegerischer Zielbestimmung.

Lob des Mutes

In der Veranstaltung „Journalismus als Beruf“ laden wir Alumni und andere Praktiker ein, den Erstsemestern in unserem Studiengang Onlinejournalismus einen Eindruck ihrer jeweiligen Arbeitswelten zu geben. Heute hat uns Caro Lobig einen sehr klugen und erfahrungssatten Vortrag gehalten. Nach ihrem Bachelorabschluss vor drei Jahren hat Caro mit einer spektakulären Undercover-Recherche bei Zalando in Erfurt ihre Karriere als TV-Reporterin begonnen. (Der Prozess des Unternehmens gegen RTL dauert immer noch an.) Seither arbeitet sie für das Team Wallraff und verschiedene andere Formate, zunächst fest angestellt bei RTL, mittlerweile mit einer eigenen Produktionsfirma.

Caro Lobig in Dieburg (Foto:privat)
Caro Lobig in Dieburg (Foto:privat)

In Caro Lobigs Vortrag ging es um zunächst um zwei Themen: Erstens um den Vorwurf der Naivität, dem sie sich immer wieder dann ausgesetzt sah, wenn sie die scheinbar unmöglichen Ziele verfolgte: überhaupt erst einmal Journalistin zu werden; dann auch noch investigativ arbeiten, mit Undercover-Methoden soziale Missstände aufdecken zu wollen. Und zweitens um die Rolle von Vorbildern und Mentoren, wie zum Beispiel Günter Wallraff, der sich als erstaunlich zugänglich erwies, als die junge Kollegin auf ihn zukam und ihn um Rat und Unterstützung bat.

Naiv und jung, das kann man laut Caro Lobig auch positiv wenden, denn beides kann heißen, mutig neue und frische Herangehensweisen zu erproben. Solange man von guten Themen und einer klaren Zielvorstellung geleitet wird, muss man sich den Weg nicht von eigenen Ängsten oder den üblichen journalistischen Bestandswahrern und Bedenkenträgern verstellen lassen. Man lernt sein Handwerk, von Thema und Mitteilungswunsch getrieben. Und dabei helfen einem dann manche alten Häsinnen und Hasen gerne, wenn man nur unbefangen auf sie zugeht.

Günter Wallraff übrigens, die graue Eminenz im Hintergrund nicht nur von Caro Lobigs spannendem Vortrag, hat ebenfalls früh angefangen. Im Alter von 21 Jahren stellte er sich 1963 für seine legendären Industriereportagen zum ersten Mal undercover ans Fließband – mehr als fünzig Jahre vor Caro Lobigs Zalando-Abenteuer. Es tut gut zu wissen, dass diese Tradition am Leben bleibt.

Bewegung

Paul Mason schreibt heute auf Medium:

Corbyn was only ever a placeholder around which Labour’s membership could create a new kind of politics: a more networked, more activist, and much more radical form of social democracy than has existed within Labour since the 1930s. A form of leftism rooted in the very communities where Labour is battling right wing populism, through community activism and grass roots engagement.

[…]

Corbyn’s victory in 2015, Brexit in 2016 and the near victory of the Scottish yes campaign in 2014 all held out the possibility of a effortless exit from a dying and unpopular neo-liberal structure.

A kind of “free revolution”, handed to you by a hapless elite, where all you had to do was tick a box.

But revolutions are never effortless. The revolution that’s put Podemos on 20% in Spain, and Syriza into power in Greece, involved masses of people on the streets, resisting the elite’s attacks, and creating a new kind of power in communities and on the streets and in universities and schools.

Das gilt natürlich nicht nur für Großbritanniens Labour Party, sondern auch für uns übrige Europäer. Wenn wir einen grundlegenden Wandel der politischen Kultur wollen, ein Ende nicht nur der postdemokratischen, neoliberalen Verstrickung von wirtschaftlicher Macht und Politik, sondern auch der rechtspopulistischen Resonanzräume, dann geht das nur mit Organisation und Planung, mit viel mühsamer Kleinarbeit und der Entschlossenheit, dem demokratischen Gemeinwesen wieder mehr Legitimation und Macht zu verschaffen. Das demokratische Gemeinwesen – das ist niemand anders als wir selbst.