Die Macht des guten Arguments

In diesem Beitrag wird es um die Kraft guter Argumente im Journalismus gehen. Argumente kommen im vernünftigen Umgang von Personen miteinander vor allem dann ins Spiel, wenn es Unstimmigkeiten zwischen den Akteuren gibt. Sie können aber auch einfach das Verständnis für bestimmte Überzeugungen oder Handlungsoptionen vertiefen. Wie wir sehen werden, gibt es eine ganze Reihe von positiven Resultaten, die der Rückgriff auf Argumente in solchen Situationen haben kann.

Nicht immer lassen sich bestehende Unstimmigkeiten argumentativ ausräumen, aber in den meisten Fällen lernt man etwas bei dem Versuch, was alle Beteiligten voran bringen kann. Dies gilt insbesondere auch für den Journalismus, der ja unter anderem die Aufgabe hat, gesellschaftliche Konflikte möglichst rational zu rekonstruieren und somit zum kritischen Verständnis und zur Meinungsbildung in den beteiligten Öffentlichkeiten, sowie im besten Fall zu einer Lösung der Konflikte beizutragen.

Bei Wikipedia habe ich kürzlich noch die folgende Definition gefunden: Ein Argument sei “eine Abfolge von Aussagen, die aus einer oder mehreren Prämissen und einer Konklusion besteht”, und weiter: “Diese werden mit dem Anspruch vorgetragen, dass die Prämissen die Konklusion zwingend begründen oder stark nahelegen”. Dies geschehe “mit dem Ziel, eine Entscheidung über die Wahrheit einer Behauptung oder die Annahme eines Vorschlags zu finden”. (Mittlerweile wurde diese Definition überarbeitet und ist jetzt ein wenig zu kleinteilig, um sie hier zum Ausgangspunkt zu nehmen.)

Eine „Entscheidung über die Wahrheit einer Behauptung oder die Annahme eines Vorschlags“ – hier kommt wieder die bereits in einem früheren Beitrag angesprochene Unterscheidung zwischen desktiptiven und normativen Aussagen zur Anwendung. Argumente umfassen beide Kategorien.

Wir können die oben zitierte Definition der Wikipedia vielleicht folgendermaßen für unsere Zwecke modifizieren: Ein Argument ist die Zusammenstellung eines deskriptiven oder normativen Claims (Konklusion) mit einer Reihe von deskriptiven oder normativen Gründen (Prämissen), die diesen Claim entweder stützen (im Grenzfall: beweisen) oder schwächen (im Grenzfall: widerlegen).

Man kann ein Argument auf zwei Weisen kritisieren:

  1. Man bestreitet die Wahrheit (im deskriptiven Fall) oder Geltung (im normativen Fall) der Gründe;
  2. Man bestreitet den stützenden / schwächenden Zusammenhang zwischen Claim und Gründen.
Mit Argument Mapping lassen sich stützende und schwächende Gründe veranschaulichen.

Beginnen wir mit einem einfachen Beispiel, das dies verdeutlicht. In den USA diskutieren eine Befürworterin und ein Gegner von Donald Trumps Mauer-Projekt an der mexikanischen Grenze miteinander. Die Befürworterin argumentiert folgendermaßen:

  • (Konklusion) Die Mauer muss her,
  • (Prämisse 1) denn die Zahl der Latino-Einwanderer muss beschränkt werden
  • (Prämisse 2) und die Mauer würde die Zahl der Latino-Einwanderer massiv beschränken.

Wir stellen fest, dass dieses Argument eine normative Behauptung (“Die Mauer muss her”), die das Argumentationsziel darstellt, mit einer weiteren normativen Behauptung (“Die Zahl der Latino-Einwanderer muss beschränkt werden”) und einer deskriptiven Behauptung (“Die Mauer würde die Zahl der Latino-Einwanderer massiv beschränken”) begründet. Das Argument entspricht in etwa dem, was in der aristotelischen Tradition als ‘praktischer Syllogismus’ bezeichnet wird.

Der Gegner des Mauerprojekts hätte jetzt – siehe oben – zwei Wege, wie er dieses Argument entkräften könnte:

  1. Er könnte die Wahrheit mindestens einer der Prämissen in Frage stellen;
  2. Er könnte die Wahrheit der Prämissen einräumen, aber bestreiten, dass die Prämissen die Konklusion wirklich stützen.

Für den ersten Weg könnte er beispielsweise darauf hinweisen, dass die meisten Latino-Einwanderer nicht auf illegalem Weg über die ungeschützte Grenze in die USA gelangen und damit die Wahrheit von Prämisse (2) bestreiten. Für den zweiten Weg könnte er zum Beispiel argumentieren, dass der Bau der Mauer mit so vielen versteckten Nachteilen verbunden ist (finanzielle Kosten, Verschlechterung der Beziehungen zum Nachbarland, ökologische Schäden, etc.), dass diese den ‘Vorteil’ einer massiven Beschränkung der Zuwanderung wieder wettmachen würden.

Aber nicht immer kann man natürlich gleich ‘besseres Wissen’ ins Spiel bringen, und so kann es auch eine vernünftige Strategie sein, bei der Gesprächspartnerin nachzuhaken, und sie aufzufordern, ihre Prämissen weiter zu erläutern, beispielsweise indem man nach Gründen für ihre Gründe fragt: “Aber warum glauben/finden Sie, dass…”.

“Warum”, so könnte eine solche Frage lauten, “sind Sie denn der Meinung, dass die Zahl der Latino-Einwanderer beschränkt werden sollte?” Nehmen wir einmal an, dass unsere Trump-Freundin antwortet: “Mich beunruhigt die Gewalt in unseren Städten, die muss ein Ende haben. Und die Latinos sind für diese Gewalt verantwortlich!”

Jetzt haben wir die (normative) Prämisse “Die Zahl der Latino-Zuwanderer muss beschränkt werden” selbst zur Konklusion eines Arguments gemacht, und zwei weitere Prämissen der Akteurin identifiziert:

  1. Die Gewalt in den Städten muss ein Ende haben.
  2. Weniger Latinos würden die Gewalt in den Städten beenden.

Und hier besteht realistischerweise die Chance, dass der Trump-Gegner zum erstenmal seiner Kontrahentin in Teilen zustimmen kann: Auch er, so können wir annehmen, hält die Gewalt in den amerikanischen Städten für ein Problem, das gelöst werden muss. Er könnte jetzt folgendermaßen argumentieren: “Da sind wir ganz beieinander. Auch ich bin der Meinung, dass wir das Problem der Gewalt in den Städten lösen müssen. Allerdings glaube ich nicht, dass dafür die Latinos verantwortlich sind. Es gibt empirische Studien, die zeigen, dass Gewalt in den Städten nicht primär ethnische Ursachen hat. Viel besser wäre es, mit einer strengeren Waffengesetzgebung und sozialen Maßnahmen wie z.B. höheren Mindestlöhnen der Gewalt zu begegnen.” Die Argumentationslast zwischen den Kontrahenten hätte sich jetzt auf die Verteidigung oder Abwägung deskriptiver Prämissen verschoben.

Somit wird auch sichtbar, welche Ziele der argumentative Diskurs haben kann:

  • Er kann strittige deskriptiven Prämissen identifizieren, um sie einer sachlichen Klärung zuzuführen;
  • Er kann von den Kontrahenten geteilte normative und deskriptive Prämissen (z.B. geteilte Werte) identifizieren und somit eine Kompromissfindung erleichtern;
  • Er kann außerdem einen nicht auf den ersten Blick sichtbaren zugrundeliegenden Dissens in grundlegenden Präferenzen oder Werten identifizieren, der entweder ausräumbar oder nicht ausräumbar ist. Dazu später mehr.

Was für eine Funktion haben Argumente nun im Journalismus? Zum einen sind die sogenannten ‘meinungsbasierten’ Formate, über die ich bereits in einem anderen Beitrag nachgedacht hatte, idealerweise argumentativ aufgebaut. Das heißt, in einem Kommentar oder Leitartikel sollte die Verfasserin nicht einfach von sich geben, was sie gut findet, und sich ggf. von anderen Positionen abgrenzen. Es kommt auch darauf an, die vertretenen Positionen zu begründen, und sich damit im argumentativen Raum im Vergleich zu anderen Akteuren zu verorten. (Wir haben allerdings in der Textausbildung mit den Studierenden gemeinsam viele Kommentare deutscher journalistischer Medien gelesen und studiert, und waren überrascht, wie oft diese elementare Regel nicht befolgt wird.)

Aber auch in Analysen spielt die Betrachtung von Argumenten eine wesentliche Rolle. Politik basiert eigentlich immer auf Interessenkonflikten. Wenn wir in unseren Analysen die verschiedenen Akteure oder Akteursgruppen mit ihren Interessen und Positionen identifiziert haben, ist keineswegs immer auf den ersten Blick klar, warum sie diese Positionen vertreten. Nehmen wir das Beispiel Brexit. Sowohl die Konservativen als auch die Labour-Partei haben in den letzten Wochen anti-europäische Positionen vertreten und auf die eine oder andere Weise auf einen Brexit hingearbeitet. Es ist offenkundig, dass sie dafür ganz unterschiedliche Gründe hatten. Der Dissens, der uns hier interessieren wird, liegt nicht auf der Ebene der Positionen, sondern auf der Ebene der dahinter liegenden Begründungen.

Es kommt hinzu, dass die wirklichen Gründe nicht immer mit den nach außen vertretenen Gründen übereinstimmen. Eine gründliche journalistische Aufarbeitung muss hier alle Mittel auch investigativer Recherche in Anschlag bringen, um die tatsächlich handlungsrelevanten Gründe zu identifizieren. Das ist nicht nur für ein Verständnis der politischen Lage notwendig, es zeigt darüber hinaus auch potentielle Lösungswege auf.

Nicht immer lassen sich natürlich Konflikte auf argumentativem Weg beilegen. In vielen Fällen liegen dem vermeintlichen Dissens in der Sache einfach konfligierende Machtansprüche zugrunde. Oder er lässt sich zurückführen auf grundlegende Wertedifferenzen. So lassen sich rivalisierende liberale, konservative oder soziale politische Positionen in vielen Fällen auf eine unterschiedliche Gewichtung der Werte Freiheit, Sicherheit/Stabilität und Gerechtigkeit/Gleichheit zurückführen. (Vielleicht ist diese Aussage aber auch selbst irreführend und ideologisch. Zumindest in jüngster Zeit vermitteln einzelne konservative Parteien eher den Eindruck, die Hazardeure der Politik, und nicht die Verfechter von Stabilität und Sicherheit zu sein.)

In jedem Fall beruht schon die Annahme, dass sich Politik zumindest zum Teil als ein Wettstreit von Argumenten verstehen lässt, auf einem zutiefst republikanischen Verständnis des politischen Raumes: Konflikte sollten nicht einfach dem freien Spiel der Kräfte überlassen, sondern zuvor öffentlich ausgehandelt werden, nicht nur mit einem sportlichen Verständnis von Regelkonformität oder Fairness, sondern aus der tiefen Einsicht, dass die Würdigung des besseren Arguments die Chance auch einer besseren Konfliktlösung beinhaltet, von der alle Seiten profitieren.

Eine Politik, in der Gründe und Argumente zählen, ist dem schieren Machtkampf ebenso überlegen, wie ein Journalismus, der diese Gründe und Argumente aufdeckt und rekonstruiert, einer bloß beschreibenden Abbildung solcher Machtkämpfe im öffentlichen Raum.

Analyse als Werkzeug journalistischer Arbeit

Die Welt, wie sie uns begegnet, ist groß, bunt und chaotisch. Eine Aufgabe des Journalismus, so heißt es, sei die Komplexitätsreduktion. Im vorigen Beitrag haben wir eine Form solcher Komplexitätsreduktion diskutiert: das Storytelling. Das Erzählen von Geschichten zur Veranschaulichung größerer Zusammenhänge, so haben wir dort gesehen, ist nicht ganz frei von Risiken. 

Der US-amerikanische Ökonom Tyler Cowen hat in einem TED-Talk noch auf eine weitere Schwäche des Storytellings hingewiesen: Seiner Meinung machen es sich die meisten Storys zu einfach, sie treiben das Geschäft der Komplexitätsreduktion zu weit. Die einfachen Heldenreisen, Bekehrungsgeschichten etc. mit ihren kathartischen Auflösungen werden als Deutungsraster unserer komplexen Wirklichkeit nicht gerecht.

Kommen wir (auch) deshalb zu einer anderen Erkenntnistechnik, die sich enger an das Gefüge der Welt anlehnt und einen zugleich erwachseneren aber leider auch trockeneren Zugang zu komplexen Gemengelagen ermöglicht: zur Analyse.

Eine Analyse, so sagt uns Wikipedia „ist eine systematische Untersuchung, bei der das untersuchte Objekt oder Subjekt in Bestandteile (Elemente) zerlegt und [diese] auf Grundlage von Kriterien erfasst werden. Anschließend werden [sie] geordnet, untersucht und ausgewertet. Insbesondere betrachtet man Beziehungen und Wirkungen (oft: Wechselwirkungen) zwischen den Elementen.“

Es ist sicher sinnvoll, den Begriff der Analyse selbst noch ein bisschen zu analysieren und ihn weiter zu differenzieren nach seinen Anwendungsfeldern: Man kann ihn beispielsweise – wie wir es gerade tun – anwenden auf Begriffe. Begriffsanalyse ist ein Kernbereich der Philosophie, zum Beispiel wenn Plato seinen Sokrates mit seinem Schüler den Begriff des Wissens diskutieren lässt. Im Idealfall besteht das Resultat in einer Art Definition, in der Angabe notwendiger und hinreichender Bedingungen zur Anwendung des Begriffs, und der Prozess der Klärung dieser Bedingungen trägt zu unserem Verständnis des Begriffs bei.

Ein anderer Anwendungsbereich für Analysen sind komplexe Phänomene in der Welt. Hier geht es – anders als bei der Begriffsanalyse – nicht um abstrakte oder logische Zusammenhänge, sondern um Aspekte konkreter, vorgefundener Wirklichkeit, beispielsweise komplexe gesellschaftliche Strukturen und Prozesse.

Nehmen wir zum Beispiel das vielfach diskutierte, aber weitgehend unzureichend verstandene Thema Digitalisierung. Was genau ist Digitalisierung? Beginnen wir mit einer Begriffsanalyse der Digitalisierung. Was wir eben – ein bisschen selbstreferentiell – auch mit dem Begriff der Analyse selbst gemacht haben, können wir auch hier tun: nach möglichen verschiedenen Anwendungsbereichen des zu untersuchenden Begriffs fragen. Was sind typische Anwendungsfälle, was würden wir als Digitalisierung bezeichnen? 

Im Falle des Begriffs der Digitalisierung fällt auf, dass wir es auch hier mit (mindestens) zwei sehr unterschiedliche Anwendungsfeldern zu tun haben:

  1. Da ist zum einen Digitalisierung als simpler Transfer ursprünglich analog verfasster Medien in ein digitales Format. Zum Beispiel die Übertragung alter VHS-Videokassetten in binäre Videoformate, die Digitalisierung alter Fotos und Schallplatten, oder die Anstrengungen von Google, Bücher zu scannen und in digitalen Dateiformaten zu archivieren und vorzuhalten. Auch der Transfer von papiernen Akten in digitale Datensätze gehört in diese Kategorie.
  2. An diese Verwendung anknüpfend, aber weit darüber hinausgehend, gibt es eine abgeleitete Anwendung des Digitalisierungsbegriffs auf umfassende technologische und gesellschaftliche Transformationsprozesse, die durch die breite Anwendung digitaler Informationstechnologien möglich geworden sind: Grundlegende Änderungen in der Kommunikation, in der Bildung, in der Verwaltung, in der industriellen Produktion etc.

Interessanterweise wird hier im angelsächsischen Sprachraum offenbar deutlicher unterschieden. Wo die deutsche Wikipedia nur ein Stichwort anbietet, das beide Verwendungen des Begriffs umfasst (Digitalisierung), hat die englischsprachige derer zwei (Digitization und Digital Transformation).

Wenn wir nun von der (eher linguistischen oder philosophischen) Begriffsanalyse zur Analyse der von den unterschiedlichen Facetten des Begriffs Digitalisierung erfassten Phänomene selbst kommen, so wird deutlich, dass wir es entsprechend der unterschiedlichen Anwendungsfelder auch mit unterschiedlichen zuständigen Wissenschaftsdisziplinen zu tun haben: Für den Aspekt der Digitalisierung von Einzelmedien sind eher Elektroniker oder Informatiker zuständig, während für die Digitale Transformation nicht nur die Ingenieursdisziplinen, sondern auch Bereiche der Soziologie (Techniksoziologie, Technikfolgenabschätzung, Soziologie der Arbeitswelt etc.), Kommunikationsforschung, Managementtheorie, Politik etc zuständig sind. Eine umfassende Analyse der digitalen Transformation unserer Gesellschaft erweist sich somit als ein multi- oder interdisziplinäres Unterfangen größeren Ausmaßes. 

Treten wir nun einen Schritt zurück und verlassen das Beispiel Digitalisierung. Worin bestehen – allgemein gesprochen – Analysen eines komplexen und prima facie chaotischen Phänomens? Ich würde insgesamt drei Schritte unterscheiden:

  1. Der erste Schritt besteht – wie wir gerade gesehen haben – in einer Begriffsklärung. Die für das Phänomen einschlägigen Begriffe sollten betrachtet und auf ihre potentiellen Anwendungsfelder und tatsächlichen Anwendungsbedingungen untersucht werden. Nicht immer können wir hoffen, zu einer strengen Definition unter Angabe notwendiger und hinreichender Bedingungen zu gelangen (X ist ein F, genau dann wenn [erstens], [zweitens], [drittens],…). Aber auf dem Weg dahin gelangen wir zu einem besseren Verständnis unseres Begriffsrepertoires und vermeiden damit Konfusionen, die z.B. durch Mehrdeutigkeiten entstehen können.
  2. Der zweite Schritt besteht in der Identifikation von für das Phänomen relevanten Bestandteilen oder Akteuren, gewissermaßen der Komponenten, aus denen sich unsere komplexe Gemengelage zusammensetzt. Im Falle der Digitalen Transformation wären dies zum Beispiel sowohl Akteursgruppen (Wissenschaft, Industrie, Politik, Zivilgesellschaft,…) als auch einzelne Technologien und ihre Ausprägungen (Algorithmen, Mobile Endgeräte, Sensoren, Big Data, Künstliche Intelligenz, Internet of Things, …).
  3. Im dritten Schritt schließlich untersuchen wir Eigenschaften, Beziehungen und Zusammenhänge dieser Komponenten in statischer und dynamischer Betrachtung. Wir stellen im Zusammenhang mit der Digitalen Transformation etwa fest, dass mobile Endgeräte zunehmend zu multimodalen Sensoren werden, die im Sinne von Big Data in der Lage sind, massenhaft Gesundheitsdaten ihrer Nutzer zu erfassen und zusammenzuführen, was wiederum mit Hilfe von Algorithmen und Techniken der künstlichen Intelligenz massive Auswirkungen auf das Gesundheitssystem einer Gesellschaft haben kann und wird.

Analysen liefern uns, so betrachtet, Modelle der Wirklichkeit, die nach Möglichkeit wohlgeordnet und nachvollziehbar sind. Sie sind gleichzeitig eine sinnvolle Form der Komplexitätsreduktion.  Sie reduzieren Komplexität, indem sie bestimmte, irrelevante Aspekte ausklammern, die unserem Verständnis nicht dienlich wären oder sogar im Wege stehen könnten. Sie können uns aber auch Wissenslücken aufzeigen, die wir durch weitere Recherche oder Forschung beheben sollten.

Welchen Gebrauch können wir im Journalismus von diesem Werkzeug machen? Als eigenständige journalistische Form sind Analysen meist zu umfangreich und trocken, aber als Leitprinzip für die Recherche und Erschließung eines Themenfeldes taugen sie ebenso wie als Strukturierungshilfe für ein strategisches Themenmanagement. Insofern sollten sich alle angehenden und praktizierenden Journalist*innen ein solides analytisches Instrumentarium zulegen.

Anschaulichkeit, Storys, Relotius

  »Nun aber haben Guido, Özlem und ich Deinen Text gelesen und sind uns einig, dass Dir damit ein ganz starkes Stück gelungen ist. Du hast einen wesentlichen Teil der amerikanischen Gesellschaft unters Mikroskop gelegt und mit leisen Tönen einen Text geschrieben, der einem endlich klarmacht, was da los ist.«

Matthias Geyer an Claas Relotius über dessen Reportage „In einer kleinen Stadt“

Gekonntes Storytelling ist ein mächtiges Instrument. Zu Recht werden kognitionswissenschaftliche Erkenntnisse herangezogen, um die Macht der Anschaulichkeit für unser Weltverständnis zu belegen. Anhand von Storys lernen wir wie Kinder, und das heißt: schnell und nachhaltig. 

Gleichzeitig ist es jedoch genau diese Stärke des Storytelling, die auch seinen größten und gefährlichsten Nachteil markiert. Nicht umsonst haben wir uns einzel- und stammesgeschichtlich mühsam aus der Kindheit ins Erwachsenenalter hervorgearbeitet. Denn das Lernen am anschaulichen Beispiel kann das eigenständige Erfassen komplexerer und abstrakterer Zusammenhänge leider nicht ersetzen. Und mit Storys können wir ebenso leicht manipulieren wie aufklären.

Meine Kollegin Silke Heimes hat in einem Forschungsprojekt die Baumuster erfolgreicher Erzählstrategien untersucht, und sie hat sich dazu sowohl fiktionale Kurzgeschichten als auch journalistische Reportagen angeschaut. Einer ihrer Befunde: die Erfolgskriterien für eine ‚gut geschriebene‘ Story sind in beiden Fällen dieselben. 

Für die journalistische Reportage erwarten wir jedoch, dass sie – im Gegensatz zur fiktionalen Kurzgeschichte – wahr ist. Hier, an der Spannung zwischen Wahrheitsanspruch und schriftstellerischen Erfolgskriterien, setzen die Fälschungsskandale der letzten Zeit an: Janet Cooke (1981), Michael Born (1996), Stephen Glass (1998), Tom Kummer (2000), Jayson Blair (2003), und jetzt Claas Relotius (2018) – die Reihe derer ist lang, die im Journalismus den Wahrheitsmaßstab für eine ‚gute‘ Geschichte geopfert haben. 

Doch das Problem mit dem journalistischen Storytelling liegt nicht nur in den Erfolgskriterien Aufbau, Personal, Dramaturgie, und der Versuchung um ihretwillen zu schummeln. Es liegt auch darin, dass journalistische ebenso wie fiktionale Storys eine wesentliche Bedeutungsebene haben, die über die strikten Wahrheitsbedingungen der in ihnen aufgestellten Tatsachenbehauptungen hinausgeht. Schauen wir uns dafür ein einfaches Schaubild an: 

Die Story beschreibt einen tatsächlichen oder erfundenen Weltausschnitt. Ob tatsächlich oder erfunden, darin unterscheiden sich Journalismus und Fiktion. Beide jedoch beanspruchen im Normalfall, dass dieser beschriebene Weltausschnitt in irgendeiner Weise beispielhaft für ein größeres Ganzes steht. Genau diese Beziehung ist es, die gemäß dem oben angeführten Zitat von Matthias Geyer die Leitung des SPIEGEL-Gesellschaftsressorts an Claas Relotius‘ Reportage „In einer kleinen Stadt“ bewundert hat: Er habe „einen wesentlichen Teil der amerikanischen Gesellschaft unters Mikroskop gelegt“ und damit „endlich klar[ge]macht, was da [in der amerikanischen Gesellschaft] los ist“. So, über die Bedeutungsebene der Exemplifikation, erzählen uns die meisten Reportagen etwas über die Welt, und genau so verhält es sich auch bei Kurzgeschichten. 

Die Gefahr liegt nun in der Tatsache, dass man mit einer Story über diese Exemplifikationsbeziehung nahezu jede These über eine Gesellschaft, über ein größeres Ganzes untermauern kann. Denn es wird sich immer ein passender Weltausschnitt finden, den man als beispielhaft ausgeben kann. Hat man diesen identifiziert, dann ist es nur noch eine Frage der handwerklichen Durchführung, wie glaubhaft das Ganze wirkt.

Insofern ist das zentrale Problem nicht unbedingt, ob die Reportagen von Relotius und Konsorten buchstäblich wahr oder erfunden sind. Es besteht eher darin, dass bislang kein journalistisches Fact Checking der Welt diese Exemplifikationsbeziehung überprüft und nachschaut, ob es sich denn in dem implizit angepeilten größeren Ganzen tatsächlich überwiegend so verhält, wie in der Story. Ob zum Beispiel die USA wirklich so sind, wie es von der erfundenen oder wirklichen Kleinstadt Fergus Falls berichtet wird.

Vor diesem Hintergrund bekommt der Relotius-Skandal noch eine weitere Dimension, die über die kriminellen Fabrikationen seines Protagonisten hinausgeht. Ohne den Skandal und die dadurch erzwungene gründliche Aufklärung durch die Kommission wäre es vermutlich kaum jemandem aufgefallen, dass viele SPIEGEL-Reportagen sozusagen deduktiv angelegt waren. Das heißt: Statt aus dem konkreten Einzelfall Erkenntnisse zu gewinnen, waren sie im Hinblick auf ein vorgegebenes Argumentationsziel konzipiert und gecastet. Das Potential für eine Irreführung des Publikums ist groß, und die Gefahr bislang weitgehend unreflektiert.

Nun will ich natürlich nicht für eine Abschaffung der Reportage als journalistischer Form plädieren. Im Gegenteil, ich denke, wir können und sollten uns den Verführungswert der Anschaulichkeit durchaus zunutze machen. Aber wir müssen als Journalisten lernen, davon einen bewussteren und redlicheren Umgang zu machen. Dort, wo wir eine Geschichte mit dem Anspruch auf Beispielhaftigkeit erzählen, müssen wir diesen Anspruch, möglichst im selben Stück, belegen, müssen die implizite Exemplifikationsthese mit Zahlen und harten Fakten untermauern. Story, Daten und Analysen sind keine zu trennenden Welten, sie gehören direkt zusammen. 

Und natürlich wird es weiterhin auch Geschichten über den Ausnahmefall, das Besondere und Untypische geben. Aber auch das sollte genau in diesem Sinne transparent gemacht werden: So wie in dieser Geschichte geht es sonst nirgends zu.

Fakten vs. Meinungen

Für die weiteren Überlegungen möchte ich zunächst versuchen, eine größere Unklarheit zu beseitigen, die viele Menschen verwirrt. Es geht um den Unterschied zwischen faktenbasiertem und meinungsbasiertem Journalismus. Ich glaube, wir haben es hier nicht mit nur einem Unterschied zu tun, sondern mit zwei Unterschieden. Das liegt, wie ich zeigen werde, an einer subtilen Zweideutigkeit des Begriffes “Meinung”. Beide Lesarten dieses Begriffs und die darauf basierenden Unterscheidungen sind darüber hinaus für unsere weiteren Überlegungen außerordentlich wichtig.

Beginnen wir mit ein bisschen Lehrbuchwissen: Im Journalismus unterscheiden wir zwischen informierenden Darstellungsformen, wie der Nachricht, und meinungsäußernden Darstellungsformen, wie dem Kommentar.

Das ist schon auf den ersten Blick etwas irreführend, denn natürlich informiert uns auch die Lektüre eines Kommentars, nämlich über die Meinung der Kommentator*in. Gemeint ist also eher, dass es in der Nachricht um Fakten in der Welt, unabhängig von der Psyche von Journalist*innen geht, während der Kommentar uns darüber Auskunft geben soll, zu welcher Meinung oder Überzeugung die Kommentator*in nach Abwägung aller bekannten Argumente gekommen ist.

Wenn wir noch etwas genauer hinsehen, werden wir jedoch feststellen, dass auch diese Darstellung die Sache nicht wirklich trift, dass noch etwas anderes hier eine Rolle spielt. Denn die Kommentator*in wird in ihrem Kommentar – sagen wir zum Rücktritt Theresa Mays – nicht kundtun wollen, dass sie nach langer und reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gelangt ist, dass Theresa May wirklich zurückgetreten ist. Das ist eher eine Situation, in der sich Nachrichtenredakteure zum Beispiel in unübersichtlichen Nachrichtenlagen wiederfinden, wenn sie für eine Nachricht erst eine einzige, und möglicherweise nicht 100%ig verlässliche Quelle haben, und dann nach und nach weitere Bestätigungen eintrudeln. Erst dann, so gebietet es die Sorgfaltspflicht, sollte die Meldung an die Öffentlichkeit gebracht werden.

Nein, die Meinung, die im Kommentar zu Theresa Mays Rücktritt zum Ausdruck gebracht wird, wird eher zum Inhalt haben, wie die Kommentator*in diesen Rücktritt findet: ob es eine gute oder eine schlechte, eine rechtzeitige oder überfällige Aktion war. Mit anderen Worten, es handelt sich um eine Meinung wertenden Inhalts, nicht darüber wie die Welt faktisch ist, sondern darüber wie sie sein sollte:

  • Wenn Theresa May zum richtigen Zeitpunkt getan hat, was sie hätte tun sollen, dann war es eine gute Entscheidung.
  • Wenn Sie hingegen den Zeitpunkt verpasst oder etwas getan hat, was sie nicht hätte tun sollen, dann war es eine schlechte Entscheidung.

In verschiedenen philosophischen Disziplinen wird die Unterscheidung zwischen deskriptiven und normativen Überzeugungsinhalten oder Aussagen getroffen. Diese können wir uns hier zu eigen machen und sagen: Bei den informierenden (faktenbasierten) Darstellungsformen geht es eher um deskriptive Inhalte, in denen beschrieben wird, was sich auf der Welt de facto zugetragen hat. In den meinungsäußernden (meinungsbasierten) Darstellungformaten geht es eher um normative Inhalte, also darum, wie nach Meinung der Verfasser ein Geschehen bewertet werden sollte.

Bevor wir mit der zweiten Lesart der Unterscheidung von fakten- vs. meinungsbasiertem Journalismus weitermachen, sollte ich noch erwähnen, dass die Geltung von deskriptiven Aussagen oder Meinungsinhalten etwas Objektives ist: Sie sind entweder wahr oder falsch, und welches davon, darüber entscheidet eindeutig die Beschaffenheit der Welt, nicht das Denken und Urteilen der Journalist*in über die Welt. “Da gibt es keine zwei Meinungen”, wie die Alltagsphilosophie weiß. Wenn ich mich über den Fahrplan täusche, verpasse ich den Zug. So einfach ist das.

Wertende Aussagen hingegen haben immer wieder den Ruch der Subjektivität, und die Ethiker und Moralphilosophen tun sich schwer damit, die allgemeine Verbindlichkeit von Regeln (Normen im eigentlichen Sinn) nachzuweisen, die dem subjektiv als “gut” Empfundenen (unseren persönlichen Wünschen) objektiv nachvollziehbare Grenzen setzen.

Kommen wir – wie versprochen – zur zweiten Lesart unserer Unterscheidung. Dazu sollten wir zunächst einen Ausflug in die Philosophiegeschichte unternehmen. In seinem Dialog Theaitetos lässt Platon die Gesprächspartner den Begriff des Wissens diskutieren. Die Definition, der sich die Diskussion dabei am Ende annähert, steht im Kern so immer noch in den Lehrbüchern: Wissen ist wahre, gerechtfertigte Meinung. Dahinter verbergen sich drei Bedingungen, die jede für sich notwendig, und zusammen genommen hinreichend für Wissen sind, in der folgenden Form:

X weiß dass p genau dann, wenn

  1. X glaubt dass p (Meinung)
  2. X ist in ihrem/seinem Glauben, dass p, mit guten Gründen gerechtfertigt (Rechtfertigung)
  3. es ist tatsächlich wahr, dass p

Betrachten wir eine Journalistin Nora (sie ist unsere Person ‚X‘), die gerade auf ihrer Nachrichtenwebsite gemeldet hat, dass Theresa May zurückgetreten ist (der Rücktritt ist unser ‚dass p‘). Nora sollte dies natürlich nur tun, wenn sie weiß, dass Theresa May zurückgetreten ist.

Dass sie dies wirklich weiß, wiederum, würden wir von ihr nicht behaupten, (1) wenn sie gar nicht erst glauben würde, dass der Rücktritt tatsächlich stattgefunden hat. Nora kann nichts wissen, das sie leugnen würde oder zu dem sie keine Meinung hat. Das leuchtet unmittelbar ein, oder?

Aber wir würden ihr auch dann kein Wissen über Theresa Mays Rücktritt zuschreiben, (2) wenn sie für ihre Meinung keine guten Gründe angeben könnte. Wenn sie etwa sagen würde: “Hab ich irgendwo gehört” oder: “Mein Bauch sagt mir, dass es heute so weit ist”, dann würden wir vielleicht erwidern: “Glück gehabt!” oder: „Gut geraten!“, aber wir würden nicht sagen: „Nora weiß, dass Theresa May zurückgetreten ist.“

Und schließlich, und das ist ebenso wichtig wie trivial, würden wir Noras Wissen um Theresa Mays Rücktritt bestreiten, (3) wenn der Rücktritt von Theresa May gar nicht stattgefunden hätte. Sie kann noch so intensiv glauben, dass es passiert ist, kann noch so solide Gründe für ihre Meinung anführen („Es wurde von BBC und drei internationalen Nachrichtenagenturen gemeldet“, „Ich habe gerade Jeremy Corbyn im Fernsehen gesehen, wie er den Rücktritt begrüßt“, etc.), wenn Theresa May nicht zurückgetreten ist, kann Nora auch nicht wissen, dass dies passiert ist.

Hier haben wir nun die Grundlagen für meine zweite Lesart der Unterscheidung von faktenbasiertem vs. meinungsbasiertem Journalismus. Faktenbasiert, so lese ich diesen Begriff hier, ist ein Journalismus erst, wenn er nicht auf bloßen Meinungen (Bauchgefühl, irgendwo gehört,…) basiert. Und das ist nur dann der Fall, wenn erstens das wirklich der Fall ist, was er beschreibt (Wahrheit) und zweitens die Journalisten in ihrer Recherche genug gute Gründe angehäuft haben, die sie darin stützen, dass sie mit Ihrer Darstellung des Geschehens an die Öffentlichkeit gehen (Rechtfertigung). Erst durch diese Evidenz wird gewährleistet, dass es wirklich die Fakten sind, über die berichtet wird, die gewährleisten, dass über sie berichtet wird, und nicht irgendein Bauchgefühl oder ungeprüftes Hörensagen.   

Fassen wir zusammen:

Wenn wir von einem meinungsbasierten Journalismus sprechen, können wir damit zweierlei meinen:

(M1) einen Journalismus, der ein Weltgeschehen bewertet

(M2) einen Journalismus, der sich auf bloßes Meinen stützt, das nicht die Bedingungen des Wissens erfüllt

Wenn wir hingegen von einem faktenbasierten Journalismus sprechen, können wir ebenfalls zweierlei meinen:

(F1) einen Journalismus, der rein deskriptiv ist und sich einer Wertung enthält

(F2) einen Journalismus, der – wie es in anderem Zusammenhang genannt wird – evidenzbasiert ist, also mittels sorgfältiger Recherche für eine Rechtfertigung seiner Aussagen Sorge trägt

Kommen wir abschließend zu einer (vorläufigen) Bewertung dieser vier Varianten. Es ist zunächst klar, dass an (F1) wenig auszusetzen ist: Das nüchterne, wertungsfreie Beschreiben der Welt gehört eindeutig zu den journalistischen Kernaufgaben. (M2) hingegen, darüber können wir uns auch schnell verständigen, ist schlechter Journalismus. Ebenso sicher können wir sein, dass (F2) einen wünschenswerten, guten Journalismus beschreibt. (M2) und (F2) sind also selbst normative Begriffe.

Interessant und schwieriger einzuordnen ist (M1): Darf Journalismus werten? Es scheint Konsens zu sein, dass dies im wohlumrissenen Rahmen der Meinungsseiten in Ordnung und sogar wünschenswert ist. Gleichzeitig soll aber der Ruch einer ‘bloß subjektiven’ Wertung gemäß den nur persönlichen Neigungen der Kommentator*innen vermieden werden. Was es damit auf sich hat, und wie das zu leisten ist, damit werde ich mich in einem der folgenden Beiträge auseinandersetzen, wenn es um die Bedeutung von Argumenten im Journalismus gehen wird.

Transparenz, Augenhöhe oder Respekt?

Was ist stirngerunzelt und nachgedacht worden angesichts des gefühlten Vertrauensverlusts gegenüber den journalistischen Medien! Dabei zeigen empirische Untersuchungen, dass die wütende Ablehnung sich auf bestimmte, relativ klar umgrenzbare Milieus beschränkt. Die Mehrheit der Deutschen vertraut ihren journalistischen Qualitätsmarken weiterhin in großem Maße.

Aber der ‚Volkszorn‘ auf uns Journalist*innen ist laut, vulgär, störend und er vergiftet das Arbeits- und Gesprächsklima selbst dort, wo er nur im Hintergrund rumort. Und das, wo uns gerade nahegelegt wird, statt der traditionellen Druckbelehrung interaktivere Formen des Umgangs mit unserem Publikum zu suchen.

Transparenz

Ein Rezept, das schnell zur Hand war, lautet: mehr Transparenz. „Wir müssen unseren Lesern besser erklären, was wir tun!“ heißt es dann. Oder: „Tue Gutes und rede darüber!“ Schön und gut, aber warum ein Milieu, das grundsätzlich unsere Wahrhaftigkeit und die Redlichkeit unserer Kommunikationsabsicht in Frage stellt, jetzt dem Werkstattbericht zur Entstehung eines journalistischen Beitrags mehr Glauben schenken soll als dem Beitrag selbst, bleibt eine offene Frage. Medienjournalismus – und zu diesem Genre gehören auch Transparenzberichte und -blogs – stößt zudem eher in der eigenen Branche auf Interesse als beim allgemeinen Publikum. 

Auch hier gilt natürlich – wie schon beim Fact Checking -, dass mehr Transparenz über die inneren Mechanismen des Mediengeschäfts grundsätzlich eine gute Sache ist. Nur muss man sich darüber im Klaren sein, dass derartige Maßnahmen für sich genommen den Karren nicht aus dem Dreck ziehen werden. Sie dienen eher der Selbstvergewisserung der Profis, oder stellen ein Zusatzangebot zur  Qualitätssicherung und Medienbildung dar, das zunächst vor allem von denen wahrgenommen werden wird, die bereits mit einem gewissen Wohlwollen auf die Medien schauen. Auf den harten Konfliktschauplätzen wird dieses Angebot höchstens mit Misstrauen oder gar Hohn zur Kenntnis genommen werden.

Augenhöhe

Gefährlicher ist die Vorstellung, wir seien gehalten, künftig einen „Journalismus auf Augenhöhe“ anzubieten. Sicher ist richtig, dass viele Journalist*innen auf einem sehr hohen Ross sitzen, dass sie sich für das Zentrum der Welt halten und ihren Einfluss mit der Macht derer verwechseln, über die sie berichten sollen. Wenn „Journalismus auf Augenhöhe“ also als ein Plädoyer für mehr professionelle Bescheidenheit verstanden wird, bin ich vollkommen damit einverstanden. 

Gemeint ist aber vielfach etwas anderes: Medientheoretiker haben zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass das Internet und seine digitalen Tools dazu geführt haben, dass der privilegierte Zugang der Medienprofis zum öffentlichen Raum ein Ende gefunden hat. Nunmehr haben Amateure ebenso wie Profis die Möglichkeit, die medialen Bühnen zu betreten, mit ähnlichen und sogar höheren Reichweiten, wie das gerade vieldiskutierte Video des Youtubers Rezo zur Europawahl beweist. 

Man muss sich klar machen, dass die Unterscheidung von journalistischen Profis vs. Amateuren quersteht zur Unterscheidung von gutem vs. schlechtem Journalismus: Es gibt hervorragende journalistische Amateure ebenso wie es bemerkenswert schlampig arbeitende Profis gibt. Wenn nun der Slogan „Journalismus auf Augenhöhe“ implizieren soll, dass wir uns alle publizistisch gleichwertig auf einem mehr oder weniger gleichberechtigten Marktplatz der Informationen und Meinungen bewegen, so besteht das Risiko einer massiven Aufweichung journalistischer Qualitätsstandards und damit die Gefahr einer Demontage des eigentlichen journalistischen Mehrwerts.

Im Gegenteil, im allgemeinen Gelärm des digitalen Marktplatzes, zu dem das Internet geworden ist, sollten wir die Alleinstellungsmerkmale journalistischer Qualitätsarbeit besonders herausstellen. Das Gespräch auf Augenhöhe will ich dabei natürlich nicht ausschließen, aber es kann nur ein Startpunkt journalistischer Wertschöpfung sein. Journalismus hat die Aufgabe, zu zeigen, was nicht auf den ersten Blick sichtbar ist. Er ist nicht wohlfeil, sondern ist mit größerem Erkenntnisaufwand verbunden und hat eine größere Fallhöhe als die Alltagsmeinung beliebiger Bürger*innen. Das hat sich durch das Internet nicht geändert, es ist eher noch wichtiger geworden.

Respekt

Die Erfolgsformel, die ich in den folgenden Beiträgen entwickeln und zu einer künftigen besseren Orientierung des Journalismus anbieten möchte, basiert auf einem zentralen Begriff: Respekt. Respekt funktioniert auf inhaltlicher Ebene ebenso wie auf der Beziehungsebene. Ich kann Respekt vor der Wahrheit, den Fakten, vor den Mühen der Recherche haben, ebenso wie ich mein Publikum, meine Gegner und andere Akteur*innen respektieren kann. Respekt schließt den klaren Dissens nicht aus, im Gegenteil, er ist Voraussetzung dafür, diesen Dissens besser zu lokalisieren und fruchtbar auszutragen. Wie sich der Begriff des Respekts im journalistischen Handwerk fruchtbar machen lässt, darüber mehr in den nächsten Tagen.

Fact Checking und die Mühen der Ebene

Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Dementsprechend kommt das journalistische Fact Checking auch nicht aus einer Tradition öffentlicher Korrektur von Fehlinformationen anderer Anbieter, sondern aus der redaktionsinternen Qualitätssicherung. Zumindest im friedlichen Nachkriegsdeutschland ist man einen streitbaren, kontrovers argumentierenden Journalismus nicht gewöhnt. 

Das hat sich mit „Lügenpresse“-Vorwürfen und der Verbreitung gezielter Falschmeldungen in den letzten Jahren auch nur langsam geändert. Widerspruch und Parteinahme für die belagerte Wahrheit sind aufwändig und wollen gelernt sein, bevor sie verlässlich ausgeübt werden können. Immerhin hat man sich in dieser Zeit der Tatsache besonnen, dass das Internet ein Zeitalter nicht nur der Desinformation sondern auch der Disintermediation eingeläutet hat. Und so hat man probehalber Fact Checking Departments ans Licht der Öffentlichkeit gehoben. Plötzlich wurden wie in angelsächsischen Ländern Watchblogs eingerichtet, vor einzelnen Wahlen Politikerbehauptungen auf den Prüfstand gestellt und Fact-Checking-Services für den normalen Nutzer sicht- und nutzbar gemacht. 

Dauerhaft ist davon allerdings nicht viel geblieben. Fehlerkorrektur und streitbare Wahrheitsliebe mögen zwar in besorgten Abendvorträgen beliebt sein, aber sie lassen sich schwer vermarkten oder in bestehende und längst  hart umkämpfte Medienbudgets integrieren. Nurmehr das verdienstvolle Korrekturportal „Mimikama“ aus Österreich und der „Faktenfinder“ der deutschen Tagesschau spielen noch in der Oberliga des dedizierten Fact Checkings, auch wenn der letztere Dienst unter der Leitung von Patrick Bensing bereits die eine oder andere Feder hat lassen müssen. Mit einer Wachstumsbranche haben wir es hier nicht zu tun. 

Allerdings fragt sich auch, wie viel das öffentliche und buchstäbliche Besserwissen der Korrektoren wirklich zur Bereinigung des Informationsraums beiträgt. Weitgehend sicher ist, dass deren Botschaften nur relativ wenige derer erreichen, die begeistert am Tropf der digitalen Gerüchteküchen hängen. „Wer Beatrix von Storch auf Twitter folgt, wird wahrscheinlich nicht immer anschließend beim Faktenfinder nachschauen, ob das, was sie getwittert hat, auch richtig war“, spottet Alexander Sängerlaub, der sich für die Stiftung Neue Verantwortung mit Fact Checking beschäftigt hat. Doch, möchte man ihm erwidern, das kommt vor. Nur führt das im Normalfall nicht zu einer Korrektur der falschen Überzeugungen. Zum einen, weil, wer schon der Ansicht ist, dass die öffentlich-rechtlichen Medien eine von Angela Merkel und den Geheimdiensten unterhaltene Manipulationsschleuder sind, auch einem Faktenfinder der Tagesschau kein Vertrauen schenken werden. 

Zum anderen, und das ist eigentlich viel wichtiger, weil es für diese Zielgruppe von Anfang an gar nicht um einen an Wahrheit und Fakten orientierten Diskurs geht, sondern um ein gänzlich anderes Sprachspiel: um eine sprachlich codierte Form des Tribalismus. Die Parteinahme für bestimmte Behauptungen und Claims ist hier das Mitgliedsticket, das Zugehörigkeit zu einer als stark empfundenen Gegenkultur sichert, ganz ähnlich, wie seinerzeit der Antisemitismus dies für die Nazis leistete.

Haben also diejenigen Recht, die die Mühen der öffentlichen Richtigstellung gleich wieder aufgegeben haben, teilweise bevor sie damit überhaupt begonnen haben? Ich denke, nein, und ich wünsche mir deutlich mehr Initiativen und Dienste wie Mimikama und den Faktenfinder. Denn die Zielgruppe für solche Dienste sind nicht diejenigen, die die Falschinformationen in die Welt setzen und für ihre politischen und psychologischen Bedarfe zu nutzen wissen. Zielgruppe sind eher die vielen Menschen, die in einem beliebigen Nebeneinander von Wahr und Falsch zunehmend die Orientierung verlieren. Niemand darf das Gefühl bekommen, dass die Wahrheit letzten Endes nicht zählt. Und wenn das bedeutet, dass wir uns der Mühe unterziehen und das Offensichtliche von Neuem beweisen: dass wahre Überzeugungen einen evolutionären Vorteil gegenüber falschen bedeuten, dass sie zu besserem, erfolgreicherem Handeln führen, dann sei es drum. 

Denn letztlich sind die Zielgruppe wir alle. Desinformation darf nicht unwidersprochen im Raum stehen bleiben, denn Wahrheit ist der Lebenssaft jeder Kommunikation, auch der kontroversesten Debatte, wie sie eine Demokratie und offene Gesellschaft aushalten muss. Und dazu leistet hartnäckiges öffentliches Fact Checking einen – wenn auch kleinen – Beitrag.

Resiliente Rationalität

Am 12. Juni werde ich im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Science Wednesday“ am Mediencampus Dieburg einen Diskussionsimpuls zu folgendem Thema geben: „Virale Infektionen des Diskursraumes. Wie stärken wir das Immunsystem?“

Über den Erkenntnisbeitrag von Metaphern lässt sich generell streiten, und insbesondere Krankheitsmetaphern sind im politischen Diskurs heikel. Man denke an das breite Repertoire entsprechender Schmähungen aus dem rechtsradikalen Umfeld: „linksgrünversifft“ etc. Will man sich auf so ein diskreditierendes Framing nicht einlassen, sollte man auf sprachliche Bildwelten verzichten, die Gesundheit und Krankheit ins politische Feld projizieren.

Dennoch gibt es gelegentlich auch gute Gründe, von dieser Faustregel abzuweichen. „Language is a virus from outer space“, zitiert Laurie Anderson den US-amerikanischen Schriftsteller William Burroughs. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses künstlerische Statement wirklich verstehe, aber bei den aktuellen Formen von Desinformation, destruktiver Emotionalisierung und Polarisierung bietet sich die Virenmetapher aus verschiedenen Gründen an:

  1. Der Verbreitungsweg ist viral: Bestehende Kommunikationsräume sind gewissermaßen der Wirtsorganismus, dessen normale Basisfunktionen – u.a. der rational geprägte Austausch von Gedanken, Präferenzen und Gefühlen – nach dem gezielten Befall durch Bruchstücke von Desinformation oder destruktiver Emotion dazu zweckentfremdet werden, eben noch mehr dieser Bruchstücke von Desinformation und destruktiver Emotion zu generieren und freizusetzen, die sich dann wiederum inner- und außerhalb des betroffenen Kommunikationsraums weiter ausbreiten.
  2. Wie bei echten Viren handelt es sich bei den Schädlingen nicht um eine Lebensform im eigentlichen Sinne, sie sind isoliert betrachtet nicht lebensfähig: Ein Kommunikationsraum, der nur aus Desinformation und dem kommunikativen Ausdruck destruktiver Emotionalität besteht, ist nicht denkbar. Jede geglückte Kommunikation setzt das Vertrauen in weitgehende Wahrheit der Inhalte, Wahrhaftigkeit der Äußerungen und prinzipielles Wohlwollen der Kommunikationspartner voraus.
  3. Wie im Falle echter viraler Infektion missbraucht der Schädling seinen Wirtsorganismus nicht nur zu seiner weiteren Verbreitung, sondern er schädigt diesen auch, oft nachhaltig. Ab einem gewissen Anteil von Desinformation und destruktiver Emotionalität wird das dem kommunikativen Geschehen zugrundeliegende Vertrauen und damit die Kommunikation selbst praktisch sabotiert.

Dies ist also der Befund, der sich auf verschiedene Formen aktueller digitaler Kommunikation anwenden lässt: Auf die perfiden Formen neuer Propaganda, wie sie zum Beispiel die Russen in den sozialen Netzwerken als gegnerisch empfundener Staaten einsetzen, um Zwietracht zu säen und Verwirrung zu stiften. Aber auch auf weniger kontrollierte Formen von Hate Speech oder Trolling, die sich auch ohne strategische Planung fast ungehemmt verbreitet und festgesetzt haben.

Stellt sich die Frage, ob es in unseren Diskursräumen natürliche Abwehrmechanismen gegen solche destruktiven Prozesse gibt, und wie wir – wieder in der Metapher gesprochen – das Immunsystem des rationalen Diskurses durch Unterstützung solcher Mechanismen oder andere Eingriffe gezielt stärken können.

Ein einfaches, aber auf Dauer und in der Breite nicht praktikables und auch nicht empfehlenswertes Verfahren wäre die Quarantäne. Wenn wir nur noch in sterilen geschlossenen Räumen kommunizieren würden, hätten wir kein Infektionsrisiko. Nur gibt es keine wirklich sterilen Kommunikationsräume: Ein gewisses Maß an Irrtum, Verstellung, unangemessener Emotion gehört zum Diskurs dazu und hat auch seinen evolutionären Wert. Wir sollten einander vertrauen, aber doch nicht zu sehr.

Die Aufgabe besteht also darin, Formen des Widerstands zu finden, die den viralen Befall als Tatsache hinnehmen, aber in der Mechanik seiner schädlichen Auswirkungen hemmen. In ein paar folgenden Beiträgen will ich bis zu meinem Veranstaltungstermin am 12. Juni mehrere Vorschläge prüfen, die primär aus dem Bereich des Journalismus stammen. Sie verlassen allesamt das Reich meiner Virusmetapher, aber lassen sich durchaus in ihrem Lichte reflektieren.

Stop and go!

Der demokratische US-Präsidentschaftskandidat Pete Buttigieg hat sich gestern in einer Townhall auf Fox News zu Donald Trump geäußert: 

    It’s in the nature of grotesque things that you can’t look away.

Was natürlich nicht nur auf Trump zutrifft, sondern auf den ganzen kollektiven Schwachsinn der jüngsten Zeit, gerade zum Beispiel auf die aktuellen Europawahlprognosen aus Wales oder den Niederlanden. Das Groteske ist Zeitgeist geworden. Damit kann man viel nutzlose Zeit verbringen.

Folgen wir also Mayor Buttigiegs anschließenden Ratschlag und kümmern uns künftig mehr um konstruktive Inhalte, statt auf die destruktiven Spektakel zu starren. Und im Sinne des ‚therapeutischen‘ stoischen Ansatzes aus dem letzten Beitrag beginne ich mit ein paar Leitfragen zur eigenen Rolle, denen ich in kommenden Beiträgen nachgehen möchte: 

Erstens: Wie sicher bin ich mir meiner Werte und Positionen? Wie würde ich diese priorisieren? Was habe ich argumentativ beizusteuern, um meine Positionen auch öffentlich zu vertreten?

Zweitens: Welche publizistischen Formate sind am besten geeignet, meinen Positionen Geltung zu verschaffen? Wie kann ich mich publizistisch besser vernetzen und welche Arten der öffentlichen Debatte sollte ich suchen?

Drittens: Ist es sinnvoll, einer Organisation beizutreten? Wenn ja: Welche Organisationsformen bieten sich an? Parteien, Gewerkschaften, Bewegungen?

Das Ende der Gelassenheit?

Manchmal kreuzen sich ganz zufällig verschiedene Sinnlinien und ergeben für einen Moment eine plastische Gestalt. So ging es mir in den letzten Tagen mit dem aktuellen Erscheinungsbild der stoischen Philosophie.

Ich hatte gerade in meinem Ebook-Archiv ein bisschen Marc Aurel und Epiktet, sowie die stoischen Lebensratschläge des britischen Romanciers Arnold Bennett gelesen, als ich auf Youtube auf ein mehr als 30 Jahre altes Video mit der US-amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum stieß. Darin ging es darum, wie man antike Autoren zum Gespräch in die Gegenwart holen kann: Die griechischen Tragöden beispielsweise schildern Situationen, in denen man sich nur falsch verhalten kann. Kennen wir das nicht?, fragt Nussbaum, und schildert ihr damaliges Dilemma als alleinerziehende Mutter, die sich ständig zwischen Fürsorge und beruflichen Pflichten entscheiden muss. Nussbaum, so fand ich dann heraus, hat sich Zeit ihres Lebens mit dem Stoizismus auseinandergesetzt: Hängt ein erfülltes Leben wirklich nur von der Kontrolle des Seelenlebens und der eigenen Gefühle ab? Darf das externe Geschehen dabei keine Rolle spielen?

Am nächsten Tag stieß ich dann in meiner Lieblingscommunity Metafilter auf einen Eintrag, der sich umfangreich und systematisch mit den aktuellen Interpretationen der Stoa beschäftigt. Darin wird immer wieder auf den britischen Philosoph Kai Whiting verwiesen, der sich in verschiedenen Vorträgen und Veröffentlichungen bemüht, den Stoizismus aus der individualistischen Nische zu holen und die Lehre für soziale, kosmopolitische und Nachhaltigkeitsgesichtspunkte zu öffnen. Gelingt ihm das?

Die stoische Lehre, so Whiting und seine Mitstreiter, sucht Erfüllung in der Entwicklung persönlicher Tugenden wie Mut, Gerechtigkeit, Selbstkontrolle und Weisheit. Dies findet in einem konzentrischen Gefüge von Loyalitätssphären statt, von denen das eigene Selbst nur den innersten Kern ausmacht. Es folgen die Familie, die Freunde, die Community, die Menschheit – und es ist nur ein kleiner logischer Schritt, den ganzen Planeten oder gar Kosmos als weitere Schicht hinzuzufügen, der die stoische Aufmerksamkeit und Pflege gebührt.

Nur, wie geschieht das? Bleibt nicht ein Grundprinzip der Lehre die Hinnahme externer Umstände, und steht diese nicht im Konflikt mit den Anforderungen einer Zeit, in der uns Klimakatastrophe, wiedererstarkender Faschismus und autoritäre Kulturentwürfe wie in Russland und China zur Einmischung geradezu verpflichten?

Eine Seitenlinie der Diskussion auf Metafilter beschäftigt sich mit dem auch in der Geschichte der Stoa nachweisbaren Prinzip des Kosmopolitismus – als weiterhin zeitgemäßer Gegenposition zur globalen Renaissance von Nationalismus und Protektionismus. Auch hierzu kann man wiederum Martha Nussbaum konsultieren, die dem Thema 1994 einen lesenswerten Artikel gewidmet hat. Nussbaum wendet sich darin gegen ihren Landsmann Richard Rorty, der versucht hat, den zunehmend voneinander entfremdeten Milieus in den USA durch eine Art neuen Patriotismus wieder eine Einheit zu verschaffen. In charakteristischer Gelehrtenattitüde holt sich Nussbaum Unterstützung bei einem anderen ‚master thinker‘, dem indischen Poeten und Philosophen Rabrindanath Tagore, der die Vision eines aufgeklärten Kosmopolitismus vertreten hat, und präsentiert eine Reihe von rationalen Gründen, warum eine solche Weltoffenheit dem abgeschlossenen Weltbild der Nationalisten überlegen ist.

Aber auch hier stellt sich mir die Frage, ob das angestrebte Ideal von Respekt und Offenheit für andere Kulturen nicht zu pazifistisch gedacht ist. Können wir mit einer grundsätzlich versöhnlich gestimmten Einstellung zur Multikulturalität einer Situation gerecht werden, in der unsere eigenen Einsichten und die grundsätzlichen Errungenschaften der Aufklärung wie universelle Menschenrechte und Demokratie akut durch neue Autoritarismen in Frage gestellt und bedroht werden? Benötigen wir nicht vielmehr einen wehrhaften Kosmopolitismus? Und wie könnte der aussehen? Respekt ja, aber auch Selbstbehauptung und Verteidigung eigener Werte?

Eine andere Expertin, die Ideengeschichtlerin und Science-Fiction-Autorin Ada Palmer, hat sich in einem aktuellen Blogbeitrag kritisch mit der aktuellen Stoa-Mode in den USA und vor allem im Silicon Valley auseinandergesetzt. Sie weist darauf hin, dass die Stoa immer eine Philosophie gewesen ist, mit der die Mächtigen und Reichen gut leben konnten – eben weil sich ihr disruptives, revolutionäres Potential dann doch sehr in Grenzen hält. Sie empfiehlt, sich der Stoa nicht vollständig auszuliefern, sondern sie als ein exzellentes therapeutisches Werkzeug für viele Lebenslagen zu würdigen. Wenn es dann um den Umgang mit den uns umgebenden Missständen geht, täten wir gut daran, Seneca mit einer gesunden Dosis Aktivismus und Voltaire zu ergänzen.

Money Shot auf Ibiza

Die letzte Nacht brachte den 2017er FPÖ-Hack auf Ibiza an die Öffentlichkeit, der heutige Tag dann den Rücktritt von Neonazi Strache und die Ankündigung des ÖVP-Schnöselkanzlers Kurz, Neuwahlen anzustreben. Natürlich gibt es skeptische Stimmen: „Qui Bono“ (sic!) fragt zum Beispiel mal wieder Daniel Bröckerhoff, mein Freund Olaf Steenfadt argumentiert, dass (1) Leak-Journalismus nicht dasselbe sei wie investigativer Journalismus, dass es sich (2) hier aber nicht einmal um ein Leak bestehender Evidenz handele, sondern um eine planmäßige Kampagnen-Maßnahme, zwei Jahre nach dem Geschehen und wenige Tage vor der wichtigen Europa-Wahl.

Natürlich wirft die Aktion Fragen auf, die beantwortet werden sollten, insbesondere über die Wahl ihres Zeitpunkts. Aber Undercover-Maßnahmen wie die Falle, in die Strache und sein Spießgeselle Gudenus auf Ibiza gelockt wurden, gehören durchaus zum legitimen Recherche-Werkzeug des investigativen Journalismus, insbesondere bei der Aufdeckung krimineller Machenschaften. Entscheidend bei der Bewertung sollten vor allem Wahrheit und Tragweite des Aufgedeckten sein. Und wer wollte daran zweifeln?

Auch sind die Übergänge solcher Undercover-Aktionen zu Media-Hacks und politisch motivierten Kunstaktionen, wie wir sie beispielsweise von den legendären Yes Men oder dem Zentrum für politische Schönheit kennen, fließend. Das heißt, wir haben es hier auch mit einer gewissermaßen ästhetischen Dimension zu tun, einer Art Glanz der Enthüllung, der jenseits von Schadenfreude vielleicht die Befriedigung erklärt, die man angesichts der Aktion empfindet.