Resultate I: Europäische Narrative

Ich sitze im ICE auf dem Weg nach Wien, wo ich morgen an der Defensio von Julian Ausserhofers Dissertation zum Datenjournalismus teilnehmen werde. Am Freitag geht es dann weiter nach Köln zur Preisverleihung der Grimme Online Awards. Das Semester ist praktisch zu Ende. Nächste Woche gibt es am Mediencampus Dieburg zwar noch die übliche Präsentation der Semesterpräsentationen, aber daran bin ich diesmal nicht aktiv beteiligt, und die Lehre ist abgeschlossen. Zeit zurückzuschauen.

Diesmal habe ich sehr viel Zeit und Energie in die Fortentwicklung bestehender und die Konzeption neuer Lehrveranstaltungen gesteckt. Im Studiengang Onlinejournalismus gab es eine neue Wahlpflichtveranstaltung mit dem Titel Europäische Narrative zu Ulrike Guérots leidenschaftlichem Plädoyer Warum Europa eine Republik werden muss.

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Random Books II

Vor ein paar Wochen hatte ich angekündigt, mir künftig meine Belletristik-Lektüre mit Hilfe der Zufallsfunktion meines E-Book-Readers zusammenstellen zu lassen. Kleine erste Zwischenbilanz: Im Prinzip ist das eine gute Idee. In der Praxis krankt sie daran, dass die rechtefreien Klassiker überwiegend aus einer Zeit des längeren Atems stammen, in der man Zeit für ungestörtes Lesen hatte. So komme ich nur recht langsam voran.

Meine erste Lektüre war mit Friedrich Glausers Matto regiert ein vergleichsweise modernes Buch, ein autobiographisch inspirierter Schlüsselroman über das Leben in einer Schweizer Psychiatrie-Klinik in den 30er Jahren, in Form eines Kriminalromans. Glauser ist ein phantastischer Schriftsteller, er schafft es, eine gewisse existenzielle Verwirrung zu vermitteln, die Irritationen in der Welt seiner Protagonisten nicht nur sichtbar, sondern unmittelbar erfahrbar zu machen. In Glausers Anstalt sind Insassen und Personal nicht von einander zu trennen, alle sind essentiell verstrickt und zerrissen. Als Krimi funktioniert das Buch nicht so gut, das wird insbesondere am Schluss mit seiner unbefriedigenden Auflösung der Geschichte deutlich. Glauser selbst hat das gesehen. Selbstkritisch schrieb er in einem Brief: „… der Schluss mit seinem Massacre ist übel, mehr als übel – er ist gepfuscht.“

Eingang des psychiatrischen Zentrums Münsingen, Schauplatz von „Matto regiert“

Als zweites Buch durfte ich Conrad Ferdinand Meyers Erzählungen lesen. Ein weiterer Schweizer, ebenfalls sozial inkompatibel und mit Psychiatrieerfahrung, ein halbes Jahrhundert früher. Ich habe mir ein paar bekannte historische Erzählungen ausgesucht, Die Hochzeit des Mönches, Gustav Adolfs Page, Angela Borgia und Plautus im Nonnenkloster. Trotz der erwartungsgemäß manchmal etwas hypertrophen, noch spätromantisch geprägten Sprache haben mir die Geschichten sehr gut gefallen. Meyer erzählt souverän, spannend und mit hohem Tempo, und erspart seinen Lesern jede moralische Bevormundung.

Leider ist Robert Walser noch nicht in der Public Domain. Deshalb wäre der nächste Autor vielleicht ein weiterer irrer Schweizer gewesen. Stattdessen gab es D. H. Lawrence mit Sons and Lovers, und damit stecke ich gerade fest. Es ist ohne Zweifel ebenfalls ein gutes Buch, aber es fesselt oder bezaubert mich (noch) nicht. Ich lebe momentan zu kurz getaktet, um die notwendige Geduld dafür aufzubringen. Vielleicht später mehr dazu.

Nerdism

Vor vielen Jahren habe ich meinem Schulfreund Daniele Dell’Agli seine persönliche Website gebaut. Und weil ich ein bisschen Rock’n’Roll (für meine Verhältnisse) haben wollte, habe ich das mit Zope gemacht. Erinnert sich noch jemand? Zope war (und ist) ein Python-basiertes Framework für Webapplikationen (Guido van Rossum gehörte zwischen 2000 und 2003 zu Zope Corp), irgendwann Mitte/Ende der 90er Jahre entstanden und damals (und immer noch) ziemlich cool und mächtig. Nach meinem Weggang 2001 hat der damalige Webmaster Peter Buhr das gesamte Content Management von ZEIT ONLINE auf Zope umgestellt, von dem wir beide begeistert waren, und die Seite ist damit viele Jahre lang sehr gut gefahren.

Aber leider ist Zope inzwischen völlig vergessen. So musste ich schon 2010, nachdem Martin Virtel seinen privaten Linuxserver, auf dem unser Website lief, von Provider-Urgestein Ecce Terram in Oldenburg zurück ins eigene Arbeitszimmer geholt und eingemottet hatte, zu einem obskuren britischen Provider ausweichen, der für halbwegs erschwingliches Geld Zope-Hosting anbot.

Vor ein paar Wochen dann die Meldung meines Freundes Daniele: Die Seiten sind down! Eine Anfrage beim Support des Londoner Providers ergab, dass man auf neue Server umgezogen sei, und dabei habe man halt einige anachronistische Infrastrukturen aufgegeben. Rekonstruktion? Das solle ich gerne versuchen, aber es könne „ziemlich schwierig“ werden…

Was soll ich mich streiten. Es gab irgendwo ein altes Backup. Ich habe also erstmal ein gebrauchtes Chromebook herangeschafft, und dann habe ich gestern abend mit Crouton darauf Linux installiert (Linux auf dem Chromebook, das ist auch Rock’n’Roll). Dort musste dann erstmal neben dem mitgelieferten Python eine alte Python-Version aufgespielt werden, sowie die Kompressionsbibliothek zlib. Anschließend konnte ich mir ein (ebenfalls altes, aber mit dem Backup kompatibles) Zope kompilieren.

Nach ein bisschen Gerangel mit den Unix-Rechten, dann der Durchbruch: cd /opt/Zope2.11/bin, sudo ./zopectl fg . Import dellagli.de.zexp . Et voilà:

Mit dem hilfreichen Firefox-Addon Scrapbook habe ich eine statische Kopie der Seiten gezogen. Die war zwar ohne die letzten Updates und andere Bells and Whistles (Lyriklesungen in Audio, ein Kalender, der jeden Tag ein anderes Kurzgedicht präsentiert, eine funktionerende Suche etc.) – aber immerhin…!

Nachdem ich die Seiten dann gestern Nacht gegen 3 Uhr morgens auf irgendeinem Groschen-Webspace wieder ins Netz gestellt hatte, meldet sich heute nachmittag der Support des Londoner Providers, ein freundlicher Typ namens Mohammad. Ob ich denn immer noch an einer Rekonstruktion des alten Zope-Angebots interessiert sei? Er könne sich jetzt mal dran setzen, den Schaden zu beheben. Zehn Minuten später, die zweite Mail: Alles würde wieder laufen.

So bin ich jetzt im Besitz eines neuen Drittcomputers, eines zwei Jahre alten Acer-Chromebooks. Das ist klasse. Startet in 10 Sekunden, hat einen Touchscreen, läuft auf Batterie fast zehn Stunden, und nebenbei kann ich mit zwei Handgriffen auf Linux umschalten und digitale Archäologie betreiben oder programmieren lernen, oder sowas. Basteleien, Jungszeug halt.

PS: Musikalisches Begleitprogramm war diesmal nicht Radio FIP, sondern das ebenfalls ziemlich coole Radyo Babylon aus Istanbul. Free Deniz Yücel!

Random Books

In der Bibliothek gemeinfreier Bücher, die ich auf meinem Smartphone gespeichert habe, befinden sich zurzeit gut 600 sorgfältig ausgewählte Werke. Von Zeit zu Zeit scanne ich liebevoll die Titelgalerie, seufze einmal tief und träume von Lebensumständen, in denen es möglich wäre, all diese wunderbaren Bücher zu lesen. 

Gestern nun habe ich beschlossen, nicht länger zu warten. Die Software, die ich verwende, MoonReader+, hat eine Funktion, die einem ein zufällig ausgewähltes Buch zur Lektüre vorschlägt. Dieser Funktion werde ich mich in den nächsten Wochen und Monaten anvertrauen. 

Das erste Los fiel auf Friedrich Glausers zweiten Wachtmeister-Stauder-Roman “Matto regiert“. Keine schlechte Wahl.

Handschellen für die ARD?

(Foto: Public Domain)
(Foto: Public Domain)

Wenn es um ihre digitale Zukunft geht, sind die öffentlich-rechtlichen Medien – zumindest auf Leitungsebene – von einer erstaunlichen Verzagtheit. Ihre Visions- und Mutlosigkeit grenzt zuweilen an Masochismus. Wie heute bekannt wurde, verhandeln gerade einzelne ARD-Intendanten mit dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) unter Vorsitz von Springer-Chef Matthias Döpfner über eine Art freiwilliger Selbstbeschränkung der öffentlich-rechtlichen Auftritte in Internet. Oder, wie es Daniel Bouhs, der Verfasser der entsprechenden Meldung bei ZAPP, treffend beschrieben hat: Sie könnten sich „schon bald selbst Handschellen anlegen, um den Verlagen im Netz weniger in die Quere zu kommen.“

Hintergrund dieser überflüssigen Betriebsamkeit ist natürlich das leidige Urteil zur Tagesschau-App, das den Verleger-Lobbyisten ein Einfallstor in die Vorzimmer der Intendanten verschafft hat. Doch wie schlechte Schachspieler geraten die ARD-Hierarchen wegen eines geringfügigen taktischen Positionsnachteils in Panik und übersehen ihre weit überlegene strategische Position. Rekapitulieren wir kurz:

  • Der verfassungsrechtlich garantierte Grundversorgungsauftrag verlangt von den Öffentlich-Rechtlichen, ein umfassendes Angebot an Information, Bildung und Unterhaltung bereitzustellen – unabhängig von den Leistungen und der Leistungsfähigkeit privater Medienanbieter. Gerade weil private Medien krisenanfällig sind, gibt es die verfassungsrechtliche Garantie eines öffentlich-rechtlichen Mediensystems. Darauf hat bereits vor mehreren Jahren Stefan Niggemeier sehr überzeugend aufmerksam gemacht.
  • Die vom Verfassungsgericht in Urteilen von 1987 und 1991 postulierte und auch im Rundfunkstaatsvertrag verankerte „Bestands- und Entwicklungsgarantie“ sichert den öffentlich-rechtlichen Medien nicht nur eine hinreichende Finanzierung, sondern auch die Freiheit, ihrem Grundversorgungsauftrag gegebenenfalls auch mittels neuer Dienste und Verbreitungswege nachzukommen. Sich dabei auf die rein audiovisuellen Formate des klassischen Rundfunks zu beschränken, ist angesichts der essentiell multimodalen Welt zeitgemäßer digitaler Medien absoluter Blödsinn.

Soweit die rechtlichen Rahmenbedingungen, angesichts derer ein isoliertes Gerichtsurteil zu einer einzelnen App – das noch nicht einmal durch alle Instanzen hindurch verhandelt worden ist – keinen Grund zur Verzweiflung darstellen sollte.

Noch wichtiger jedoch sind meines Erachtens die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, die eine viel offensivere öffentlich-rechtliche Strategie geradezu erzwingen:

  • Wir befinden uns nicht nur in einer Medienkrise, sondern in einer Krise der Demokratie und der offenen Gesellschaft. Eine auseinanderklaffende Arm-Reich-Schere, regionale Ungleichgewichte, zunehmende Zukunftsängste und ein immer militanterer Rechtspopulismus gefährden den Zusammenhalt der demokratischen Öffentlichkeit. Ohne freie, allgemein zugängliche Qualitätsmedien steht das Überleben unserer Demokratie in Frage.
  • Gleichzeitig wird – vor allem durch die voranschreitende Diffusion des Werbemarkts – der privatwirtschaftlich organisierte Qualitätsjournalismus zunehmend zum teuren Luxusprodukt. Bereits jetzt sind Abonnements von Qualitätszeitungen für die meisten Privathaushalte kaum erschwinglich. Mittelfristig werden – wie man es im angelsächsischen Bereich bereits sieht – auch die Online-Angebote höherwertiger kommerzieller Anbieter hinter Paywalls verschwinden.
  • Damit wird es immer schwieriger, eine breite Versorgung mit glaubhafter und verlässlicher Information aufrechtzuerhalten. Interessengesteuerter Kommunikation und politisch motivierter Fehlinformation und Propaganda werden so Tür und Tor geöffnet.

Angesichts dieser Entwicklungen und der Tatsache, dass gerade junge Zielgruppen nur noch über zeitgemäße digitale Medienkanäle erreicht werden können, ist es nicht nur sinnvoll, sondern zwingend notwendig, die öffentlich-rechtlichen Medien massiv und mit aller zur Verfügung stehenden Kreativität zu einem zentralen Player auf den digitalen und mobilen Plattformen weiterzuentwickeln. Ihnen obliegt in der gegenwärtigen Situation eine große gesellschaftliche Verantwortung, der sie sich nicht entziehen dürfen.

Wir müssen alle zur Verfügung stehenden gesellschaftlichen Ressourcen (unabhängige Medien wie carta, öffentliche Bühnen wie die re:publica, Expertennetzwerke, Politik) nutzen, um eine ebenso kritische wie konstruktive Diskussion über die Weiterentwicklung der öffentlich-rechtlichen Medien zu führen. Themen wie eine Ausweitung der journalistischen Programmanteile, Ausbau der Medienbildung, Modernisierung der Angebote und eine sinnvolle Förderstruktur in einer dezentralen digitalen Medienwelt etc. stehen auf der Agenda. Dabei dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass die kommerziellen Anbieter mit ihren Medienseiten in diesen Fragen nicht unabhängig, sondern interessierte Konfliktparteien sind. Das macht eine öffentliche Diskussion schwieriger, aber es sollte sie nicht unmöglich machen.

Man darf Herrn Döpfner und seinen Kollegen keine böse Absicht unterstellen: Sie treten für das ein, was sie für ihre wirtschaftlichen Interessen halten, hier wie anderswo (Stichwort: Leistungsschutzrechte). Aber genauso ist es unser Recht, darauf hinzuweisen, dass ihr Handeln im Resultat demokratiefeindlich ist und einer offenen Gesellschaft schadet. Und unterm Strich profitieren auch kommerzielle Medienanbieter von einem auf breiter Basis wohlinformierten Publikum – das erweitert ihren Markt.

Quote of the Week

Masha Gessen, again:

It is time to raise the stakes from fact to truth. With a president who lies in order to demonstrate power, fact-checking is indeed useless if it’s the entire story. The media have to find a way to tell the bigger story — the story about the lies rather than the story of the lies; and the story about power that the lies obscure.
Masha Gessen: The Putin Paradigm (New York Review of Books Daily, Dec 13, 2016)

Dan Gillmor über die Rolle der Journalisten

Die kleine Wiederbelebung meines Blogs in diesen Tagen bestand und besteht überwiegend aus Hinweisen auf Texte anderer. Sorry dafür.

Mich beschäftigt im Moment, wie viele andere auch, die Frage, wie man als Journalist und als Staatsbürger auf die aktuellen Herausforderungen reagiert. Ein paar Punkte habe ich in den letzten Jahren bereits selbst zu entwickeln versucht: die essentielle Bedeutung der öffentlich-rechtlichen Medien für den Journalismus, wenn die kommerziellen journalistischen Medien schwach und damit korrumpierbar werden; das Anrecht und die Pflicht des Journalismus, Partei für wesentliche Werte einer offenen Gesellschaft zu ergreifen, solange die Unabhängigkeit des Urteils gewährleistet bleibt; die Notwendigkeit, große, relevante Themen strategisch zu entwickeln.

Aber in solchen turbulenten Momenten reichen die eigenen Gedanken nicht aus. Sie reichen natürlich nie aus, doch jetzt noch viel weniger. Da wird man dann primär wieder zum aufmerksamen Leser.

Mein heutiger Verweis geht auf einen Vortrag, den der kalifornische Journalist Dan Gillmor wenige Tage nach der US-Wahl in Barcelona gehalten hat. Spürbar unter dem Schock des Wahlergebnisses, bekräftigt Gillmor darin nachdrücklich fast alle meine Überlegungen von der re:publica 2014 zum Thema Journalismus und Aktivismus. Und er weist den Journalisten eine weitere, pädagogische Rolle zu: „Journalists should be the leading teachers of media literacy.“

[W]e need to be spreading the concept of media literacy to everyone who will listen. This is, above all, about developing skills for critical thinking – being skeptical, using judgment, asking questions, ranging widely for information; and more. People need a refuge from the misinformation, and context to understand what is really going on.

Deep Stories?

el-pueblo-unido

Letzten Donnerstag haben wir im Kolloquium unseres Masterstudiengangs die Frage diskutiert, ob von Seiten der deutschen Medien im Umgang mit Erdogan und der AKP mehr Zurückhaltung angebracht sei. Eine Kollegin brachte Psychologie ins Spiel: Sei nicht manches Macho-Gebaren, das uns dort begegnet, auch angstgetrieben? Täten wir nicht besser daran, den psychosozialen Grundlagen dieser Bewegungen ein wenig empathischer zu begegnen und sie verstehen zu lernen? Aber nein, da gebe es keinen Grund zur Einfühlung, entgegnete ein Student: In der Türkei würden Bürger- und Menschenrechte mit den Füßen getreten, das müsse man auch klar beim Namen nennen, wenn man sich nicht zum Komplizen machen wolle.

Journalismus-Guru Jeff Jarvis argumentiert dafür, mehr Einfühlung zu zeigen und auch gegnerischen Communities mit einem verstehenden Journalismus entgegen zu kommen. Sein Plädoyer für einen „Empathetic journalism for the right“ fasst er am Ende wie folgt zusammen:

Where to we (SIC!) start? Not with story ideas and pitches, not by assigning a reporter to a new beat, not by allocating space in a paper to more stories — all the things we used to do. I would start by sending a team made up of the smartest and most open-minded people from editorial, technology-design-data, and business (because this needs to be sustainable) to spend time with the community they will serve. I’d give them strict instructions: Listen. Observe. Don’t talk. Don’t test your ideas. Don’t interview them to get quotes. Just watch and listen. Learn about their problems and goals. Find out how they try to accomplish those goals now and what frustrates them. Ask what they believe they need to know. Listen for where they’re confused, wrong, worried, and curious. Empathize. Don’t come back until you can give me insights about their lives and needs. Bring me evidence of what you find out. Then build a new journalism around them.

If we can do this — better informing and building trust even with Trump’s community — we can do the same for any community.

Aber nicht alle sind von der Wirksamkeit einer empathischen Strategie überzeugt – zumindest wenn sie darauf abzielt, der Gegenseite zuzuhören um sie dann besser überzeugen oder für die eigene Sache gewinnen zu können. Die klügste Kritik, die ich gelesen habe, und das beste Argument für die Position unseres Studenten, stammt von einem Leser des New York Magazine mit dem Handle nybearfan und bezieht sich auf einen Artikel mit dem Titel „Language Matters If You Are Trying To Persuade A Trump Voter“ über die Arbeit der Soziologin Arlie Hochschild, die sich unter Einsatz ethnographischer Methoden mit der US-amerikanischen Rechten beschäftigt. Weiterlesen →

Die Institutionalisierung gegenseitigen Respekts

Um der grassierenden antidemokratischen Verstimmung zu begegnen, benötigen wir wieder Parteien, die ihr politisches Geschäft in der Dynamik von Position und Konflikt verstehen, statt darin, sich gemeinsam in einer postdemokratisch-diffusen ‚Mitte‘ um Posten zu drängeln.

Wir brauchen also gerechtigkeitsgläubige Sozialdemokraten[^1] und wertkonservative Christdemokraten, wir brauchen unternehmerfreundliche Freidemokraten, Grüne mit ihrem Bauchladen aus Umwelt- und Inklusionsanliegen, und wenn es denn sein muss auch klassenkämpferische Kommunisten und antieuropäische Deutschnationale. Sie alle müssen sich auf ihre eigentlichen Zielgruppen und Alleinstellungsmerkmale besinnen und wieder zu streiten anfangen. Und wenn ein paar neue Parteien hinzukommen – von mir aus.

Aber was wir vor allem und noch viel dringender brauchen, ist ein verstärktes republikanisches Grundverständnis unseres Gemeinwesens, das allen diesen politischen Parteien und ihren notwendigen Konflikten als elementarer Wertekonsens zugrunde liegen muss. Das Wort „republikanisch“ meine ich hier natürlich nicht im Sinne der US-Partei, die gerade endgültig zur Plattform für Schlechtmenschen verkommt, und schon gar nicht im Sinne der rechten deutschen Splitterpartei (erinnert sich noch jemand an Herrn Schönhuber?).

Gemeint ist vielmehr ein bis in römische Zeiten zurückweisendes Verständnis des Staates als res publica – das heißt: als ein Ort der respektvollen Aushandlung gemeinsamer Anliegen unter freien Menschen. Dieses republikanische Grundverständnis ist in den letzten Jahrhunderten ein bisschen in Vergessenheit geraten, wird aber seit einigen Jahren von einer Reihe von politischen Philosophen (z.B. Philip Pettit), Philosophiehistorikern (z.B. Quentin Skinner) und Staatstheoretikern wiederbelebt und gegen das vorherrschende (wirtschafts-)liberale Staatverständnis in Stellung gebracht. Es liegt auch Ulrike Guérots großartiger Vision einer Europäischen Republik zugrunde.

Eine Republik im klassischen Sinne ist ein Rechtsrahmen, der die Grundidee eines gemeinwohlorientierten gemeinsamen Handelns freier Menschen sichert. Der zugrunde liegende Freiheitsbegriff ist stärker als der des Liberalismus. Er schließt nicht nur illegitimen Zwang (interference/coercion) aus, sondern setzt auch voraus, dass die Bürger vor illegitimer Vorherrschaft (domination) geschützt werden. Solche illegitime Vorherrschaft kann nicht nur durch politische Willkürsysteme, sondern auch auf Grund von Armut und prekären Arbeitsverhältnissen ausgeübt werden.

Insofern unterscheidet sich der republikanische Gedanke vom liberalen Staatsverständnis, das Freiheit im wesentlichen als ungehinderte Handlungsfreiheit wirtschaftlicher Akteure versteht und dem Staat dabei nur eine minimale Kontroll- und Schutzaufgabe zuweist. Der klassische Republikanismus hingegen sieht Geld, Eigentum und ein freies Wirtschaftssystem nicht als naturgegeben und per se schützenswert an, sondern als soziale Konstrukte, die immer wieder an den Zielvorstellungen der Bürgerfreiheit und des Gemeinwohls zu messen sind.

Die Rückeroberung der Wirtschaft durch die Politik ist somit ein zentrales Anliegen republikanischen Handelns. Unter dem Titel Democratic Wealth. Building a Citizens Economy erschien im Frühjahr 2014 ein Reader, der Beiträge zu diesem Thema zusammenträgt.

Zur philosophiegeschichtlichen Genealogie des Republikanismus kann man sich einen der phantastischen Vorträge von Quentin Skinner auf Youtube anschauen (für West Wing-Fans: Sir John Marbury in seinen ernsthafteren Momenten), für die philosophische Grundlegung empfiehlt sich zum Beispiel Philip Pettits Buch Gerechte Freiheit. Und eine der spannendsten Anwendungen ist in meinen Augen Ulrike Guérots Projekt einer europäischen Republik.

[^1]: Dass die Sozialdemokraten eine besondere Verantwortung für die gegenwärtige Misere tragen, darüber sind sich Persönlichkeiten wie Wolfgang Münchau und Jürgen Habermas einig.

Be Outraged.

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ – Kaum zu glauben, dass diese bittere Warnung aus dem Arturo Ui von Bertolt Brecht, die uns in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch sehr nahe war, nicht in Ehren über die Generationen und Jahre verblassen durfte, sondern jetzt, Jahrzehnte nach dem historischen Zusammenbruch der großen faschistischen Systeme, von neuem drohend aufscheint.

Gut drei Wochen ist es her, dass wir in den Alptraum einer bevorstehenden Trump-Präsidentschaft in den USA hinein aufgewacht sind. Natürlich gab es die Warnzeichen schon länger, mit Putin, mit dem Front National, mit Orban und Kaczynski, Pegida und der AfD, mit UKIP und dem Brexit. Aber erst seit dem 9. November 2016 gibt es wirklich keine Ausflüchte mehr, und wer jetzt nicht Farbe für Demokratie und eine offene Gesellschaft bekennt, macht den ersten Schritt zur Kollaboration.

Die beste Reaktion auf den Wahlsieg von Trump, die ich bisher gelesen habe, erschien bereits am nächsten Tag in der täglichen Sektion des New York Review of Books. Sie stammt aus der Feder von Masha Gessen, einer russischen Journalistin und Aktivistin im US-amerikanischen Exil: Autocracy. Rules for Survival. Der Text ist von einer unbeirrbaren Klarheit und Entschlossenheit, frei von Redundanz oder Selbstmitleid.

Gessen selbst hat eine lange Geschichte des Widerstands gegen autokratische Herrschaft – in ihrem Fall vor allem gegen Vladimir Putin, bis hin zu persönlichen Begegnungen mit dem ‚grauen Kardinal‘ im Kreml. Sie weiß, wovon sie redet. Wir sollten ihre Regeln zum Umgang mit dem angehenden Autokraten Trump ernst nehmen.

Jetzt hat sich in einem ähnlichen Sinn eine weitere Stimme zu Wort gemeldet, die es verdient, ernst genommen zu werden. Timothy Snyder, Historiker an der Yale-Universität und Autor einiger lesenswerter düsterer Bücher über Europa unter Stalin und Hitler, ist ebenfalls der Meinung, dass wir mit ganzem Einsatz um den Fortbestand von Demokratie und offener Gesellschaft werden kämpfen müssen. Wie Gessen formuliert auch Snyder seine Lehren aus der Geschichte als eine Liste von Ratschlägen.

Guter Rat ist natürlich wertvoll, in so einer Situation, in der man sich am liebsten mit ein paar Romanen oder TV-Serien für ein paar Jahre unter der Bettdecke verkriechen möchte. Kluge Verhaltensregeln öffnen den Blick nach vorne und erleichtern den Weg aus der Schockstarre.

Wem die Erste Hilfe von Gessen und Snyder nicht ausreicht, der kann einen Altmeister des zivilen Widerstands konsultieren: Gene Sharp und seine Albert Einstein Institution geben seit vielen Jahren Leitfäden zum gewaltfreien Widerstand gegen Diktaturen heraus. Die Behauptung, dass Sharp eine wesentliche Inspirationsquelle für die erste Phase des Arabischen Frühlings gewesen sei, wurde von arabischen Aktivisten deutlich zurückgewiesen. Angesichts der Entwicklung, die die Rebellionen in Ägypten, Libyen und Syrien genommen haben, wird Sharp darüber vielleicht ganz froh sein.