Pleiten, Pech und Pannen

Das eigentliche Museum eines Online-Lebens ist sowieso eher das Mail-Archiv. Wenn dort Lücken klaffen, schmerzt das. Ich habe zum Beispiel die gesamte dienstliche Korrespondenz meiner 1 1/2 Jahre bei der ZEIT verloren, nach einem der kuriosesten und peinlichsten technischen Malheurs, die mir je passiert sind.

Ich weiß gar nicht mehr genau, was damals eigentlich die Absicht bei meiner Aktion war. Vermutlich wollte ich mir bei der Räumung meines Schreibtischs alle Dienstmails noch schnell an meinen privaten Mail-Account umleiten (was für eine Schnapsidee!). Doch statt dessen hat das Mailprogramm alle Mails, die ich während dieser vielen Monate verschickt hatte, ein zweites Mal an ihre Adressaten verschickt.

Gnadenlos und unaufhaltsam entfaltete sich vor meinen Augen das Drama, quälende Minuten lang. Vielleicht hätte ich einfach den Stecker ziehen können. Aber nein, ich starrte wie gebannt auf den Bildschirm, während alles noch einmal passierte: der komplette Relaunch von zeit.de, mit allen Mails an Verlag, Designer, Technik; die vielen Diskussionen um meinen Intimfeind zu jener Zeit, den damaligen Geschäftsführer der Zeit Online GmbH; schließlich zum krönenden Abschluss die rührselige Rundmail, mit der ich mich nach meiner Kündigung von allen Mitarbeitern der ZEIT verabschiedet hatte.

Mit hochrotem Kopf saß ich vor meinem Computer, wünschte mich irgendwo nach Patagonien – und versäumte darüber den alles entscheidenden Handgriff: das tatsächliche Backup meiner Mails und Dateien, bevor das Dienst-Notebook von der EDV-Abteilung plattgemacht wurde.

Hmmm. Das erinnert mich jetzt an eine ähnliche Katastrophe, die sich ein paar Monate zuvor ereignet hatte, und die ich hier noch einmal dokumentieren möchte, ehe sie endgültig im digitalen Nirvana verloren geht. Es folgt ein Posting aus dem Club Volt Forum vom 9. Februar 2000, für Uneingeweihte ein bisschen schwer verständlich. Aber das ist wahrscheinlich auch gut so:

Abenteuer im SPIEGEL Forum

„Jetzt erzähle ich euch die ganze Geschichte, mit einer lustigen aktuellen Wendung. Wen sie nicht interessiert, der muss ein paar Zeilen lang weghören.

Als ich im letzten Jahr beim SPIEGEL einmal Urlaub machen wollte, haben wir nach einer Vertretung als Sysop beim SPIEGEL Forum gesucht. Da gab es diesen Stammgast aus Bad Oldesloe. Der nannte sich ursprünglich einmal „Metabaron“, denn er ist Diplom-Kommunikationswirt, und als solcher versteht man sich auf Metakommunikation. Als ich ihn kennenlernte, versuchte er mit einem Volkshochschulkurs von Internet-Neulingen unser SPIEGEL-Forum als Ort für soziale Experimente zu erproben. „Schauen Sie“, schrieb er mir sinngemäß, „da sind so viele Leute in Ihrem Forum, die gar nicht richtig miteinander kommunizieren. Wir haben uns gedacht, wenn wir uns ein bißchen witzig maskieren und den Laden mal so richtig aufmischen, dann merken sie vielleicht, wie wichtig es ist, miteinander ein richtiges Gespräch zu führen.“ Auweia. Ich habe ihm geantwortet, das sei ja eine sehr schöne und kreative Idee, aber Arschlöcher, die unser Forum so richtig aufmischen, gäbe es eigentlich schon genug. Er solle lieber von Anfang an die Fraktion unterstützen, die richtige Gespräche führt. Das hat er dann auch eingesehen, aber sein Faible für Metakommunikation und soziale Experimente hat er behalten, auch als die anderen Teilnehmer seines Internetkurses sich längst abgemeldet hatten und er, nur noch unter dem Namen „Meta“, einer der aktivsten, anstrengendsten und witzigsten Teilnehmer geworden war.

Meta suchte einen Job. Er hatte mich schon gefragt, ob wir nicht irgend etwas für ihn in der SPIEGEL EDV zu tun hätten. Hatten wir natürlich nicht. Aber jetzt brauchte ich eine Urlaubsvertretung. Also habe ich den SpOn-Chefs vorgeschlagen, es mit Meta zu versuchen. Da sich außer mir sowieso keiner mit dem Forum auskannte, haben sie zugestimmt, und der Baron wurde Sysop auf Zeit. Nun war er im Forum allgemein als ein ziemlicher Spaßvogel bekannt und hatte einen Ruf zu verlieren. Also legte er sich als Sysop ein Pseudonym zu, ein ziemlich seriöses: „Herbert Wolf“ übernahm den Laden und erwies sich als eine ausgesprochen pedantische Bürokratennatur. Ich habe das nur in meinen ersten Urlaubstagen mitbekommen, als Herbert Wolf seinen Job unter anderem damit begann, erstmal eine Diskussion einzurichten, in der die Leute schreiben sollten, was ihnen an meinem Sysop-Stil nicht gefalle und was man verbessern solle. Ist allerdings nicht viel dabei herausgekommen…

Auch abgesehen von seiner Zeit als Sysop war Meta unter den vielleicht dreissig, vierzig wirklich Aktiven im Forum einer der Fürsten, zusammen und im Gegenspiel mit Alexander V., einem Misanthropen von hoher Selbstschätzung, dem Meta sich anfangs in einer höchst ambivalenten Beziehung zur Seite stellte. Ich habe mich ein paar Mal mit ihm darüber gestritten: Meiner Meinung nach sonnte er sich als ‚good guy‘ im Windschatten des hochaggressiven, superarroganten V., der bis heute das gesamte Forum terrorisiert, aber wie alle großen Rüpel natürlich eine (zu nicht geringen Teilen weiblich besetzte) Gefolgschaft hat. Meta war sehr gekränkt ob dieser Interpretation. Seiner Meinung nach ließ er sich nur auf V. ein, um diesen behutsam zu zivilisieren. Wie dem auch sei, nicht selten gingen die beiden gemeinsam auf Beutezug und ich musste oft genug hinter ihnen aufräumen, wenn sich irgendwelche vorlauten Neulinge bei mir über die rüde Aufnahme beschwerten, die ihnen im Forum bereitet worden war. (Manchen davon, das muss man der Fairness halber sagen, war es aber auch ganz recht geschehen.)

Irgendwann einmal habe ich Meta beraten, wie man kostengünstig selbst ein Forum für den privaten Gebrauch einrichten kann. Das war in der Zeit, in der „Clubvolt“ entstand, und wenige Tage später hatte auch er einen eigenen Onlinetreffpunkt, den er „Sphex“ nannte, und in dem sich nun schnell die ganze SpOn-Stammbesetzung traf, um über Science- Fiction, Schach – oder eben das SpOn-Forum zu reden. Hier wurden unter anderem gemeinsame Aktionen gegen die immer wieder bei SpOn ‚marodierenden‘ Neonazis beschlossen und koordiniert. Schon aus diesem Grund entstanden irgendwann vor der Außenwelt verschlossene Bereiche. In jüngster Zeit gibt es drei Reviere auf Sphex: Einen offenen Bereich, in dem jeder schreiben und lesen darf, und zwei geschlossene Bereiche: die „Dark Zone“ für den registrierten Gast und die noch elitärere „Bright Zone“, in der sich nur ‚Lords‘, das sind Forums-Sysops, tummeln. Der Kreis der Erwählten schwankt, ich selbst bin mal drinnen, mal draußen gewesen (letzteres, als ich Meta zu viel Verbrüderung mit V. vorgeworfen hatte). Auch V. hat seine Chance bekommen, durfte auf Sphex sogar selbst einmal ein Forum betreuen. Er fiel dann aber aus dem Stand der Gnade und ist jetzt meines Wissens nicht einmal mehr Mitglied der „Dark Zone“.

Ach, und dann gab und gibt es noch die sogenannten „Lord-Azubis“. Das sind Nachwuchskräfte, die das Geschäft der Forumsmoderation noch nicht beherrschen, aber erlernen wollen oder sollen – sei es, weil sie dem Vorbild von SpOn oder Sphex folgen und ihr eigenes Forum eröffnen wollen, sei es, weil sie zum Beispiel in der ZEIT-Debatte den Moderatorenjob für bestimmte Bereiche übernommen haben. Dieser Lehrlinge hat sich Meta auf Sphex, und, wie wir sehen werden, auch auf SpOn immer rührend angenommen.

Naja. Und dann kam meine Kündigung. Und die Nachfolgefrage. Da habe ich Meta vorgeschlagen, sich zu bewerben. Für die Moderation des „Treffpunkts“, des offenen Forumsbereichs, in dem die Teilnehmer selbst regieren. Auf Honorarbasis. In der Redaktion interessierte sich auch weiterhin niemand für das Forum. Und Meta hatte das Herz am rechten Fleck und liebte den Laden. Und er war ja nun mittlerweile selbst ein erfahrener Sysop. Natürlich bekam er den Job. Diesmal verzichtete er auf ein Pseudonym und beschränkte sich darauf, eine zusätzliche Benutzerkennung „Meta+“ einzurichten, unter der er seine Moderatorpflichten wahrnahm.

Auf einer ganz anderen Ebene, nämlich der technisch- administrativen, wurde unsere Freundin Barbara meine Nachfolgerin. Und so begann die größte Krise in der Geschichte des SPIEGEL-Forums, die heute nacht ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Denn eines der Probleme, die Meta und Barbara von mir geerbt hatten, bestand darin, dass das Forum über die Jahre einfach zu groß geworden war. Gerade im Treffpunkt-Archiv hatten sich hunderte von Diskussionen angehäuft. Viele davon Schätze, aber die meisten, nun ja, eher nicht so bemerkenswert. Und da die Forumssoftware in der von uns lizenzierten Version nur eine beschränkte Datenbankgröße zulässt, wurde es Zeit für eine kleine Aufräumaktion. Also setzte ich mich an einem meiner letzten Arbeitstage hin und löschte all diese vielen Archivdiskussionen – nicht ohne sie allerdings zuvor in spezielle Exportdateien auszulagern für eine etwaige spätere Verwendung.

Diese Löschaktion, so gut sie gemeint war, ging schief. Aus irgendeinem mysteriösen Grund verlor ausgerechnet Alexander V. in ihr seine Identität: V.s sämtliche Beiträge, alt oder neu, erschienen auf einmal ohne Namen und Namensunterzeile. Das wäre noch nicht so schlimm gewesen, man hätte es dem alten Quälgeist ja sogar irgendwie gegönnt. Aber das Problem war, dass jedesmal, wenn jemand nach V. Texten suchte, die Forumssoftware abstürzte. Nach mehrtägigem hektischem Hin und Her mussten wir die Aktion abbrechen und ein elf Tage altes Backup einspielen. Die Geschichte ist als „Elftageskrise“ in die Forumsannalen eingegangen und ich wurde zum „Lord Datenverlust“ gekürt.

Es war nach meinem Weggang – Meta hatte inzwischen die Moderation des Treffpunkts übernommen und schlug sich bereits mit den üblichen Diskussionen („Wer darf wann wen oder was löschen?“) herum – als Barbara meine altes Löschvorhaben wieder aufnahm und es von neuem versuchte. Wieder ging es schief. Diesmal verlor ein anderer Stammgast, namens Hans Günter, seine Identität. Aber eine inzwischen neu eingespielte Softwareversion sorgte zumindest dafür, dass das Programm bei Suchanfragen nicht mehr abstürzte.

Doch das eigentliche Problem bei der Löschung bestand nicht in der Technik, sondern in der Reaktion der Teilnehmer. Die waren nämlich zu Recht gekränkt. In vielen der archivierten Texte steckte echtes Herzblut. Lange Tage und Nächte intensiver Diskussionen waren da hineingeflossen, harte Kämpfe um die richtige Formulierung, das beste Argument.

Man lässt sich als Außenstehender leicht davon irritieren und beeinflussen, wieviel Mist in einem solchen Archiv steht. Das ist es, was dem oberflächlichen Betrachter zunächst entgegenspringt. Doch da gibt es auch die anderen Bereiche, hunderte von Seiten konzentriertester Prosa. Manchmal befand sich das Forum über mehrere Tage, ja Wochen in einem kollektiven Hochzustand. Dann befruchteten sich die Besten mit ihren Beiträgen und die Störenfriede kamen kaum zu Wort. All das war nun verloren. Die Teilnehmer hatte einen eigenen Thread eröffnet, um sich per Link auf die Highlights der Forumsgeschichte aufmerksam zu machen. Viele dieser Links zeigten jetzt ins Leere.

Und derjenige, der den Zorn zunächst abbekam, war – Meta. Der hatte sich zwar etwas vage mit Barbara über die Löschaktion verständigt, aber wohl ebensowenig wie ich ursprünglich die Konsequenzen überblickt. Und nun war es passiert und er konnte nichts dafür tun, es rückgängig zu machen. Irgendwann schrieb er mir, ich möge mich doch bitte noch einmal im Treffpunkt blicken lassen und ein gutes Wort für ihn einlegen. Denn ich sei zwar der „Lord Datenverlust der elf Tage“, er, Meta, müsse sich wohl „Lord größter Datenverlust aller Zeiten“ nennen lassen.

Also meldete ich mich zu Wort und versuchte etwas hilflos, die Gemeinde zu beruhigen: Alles ginge doch einmal zu Ende, und man müsse eben manchmal Abschied nehmen und überhaupt würde man damit doch Platz für neue Gedanken schaffen. So’n Gesülze halt. Gleichzeitig klopfte ich vorsichtig bei Barbara an, ob sich die Löschung nicht zumindest teilweise revidieren lasse. Doch da biss ich bei ihr auf Granit. Und an diesem Punkt machte Barbara den Fehler, mich wirklich zu erzürnen. Das sei doch einfach ein Riesenkindergarten, war ihre erklärte Meinung. Die hätten es nicht anders verdient.

Wer nicht hören will, muss fühlen. An einem der nächsten Tage habe ich wiederum im SpOn-Forum das Wort ergriffen. Auf das allgemeine Gejammer dort habe ich geantwortet, dass die Teilnehmer, wenn sie ihr Archiv wiederhaben wollten, halt selbst die Initiative ergreifen müssten. Eine kleine freundliche Mailkampagne an die Leserbriefadresse von SPIEGEL ONLINE, zum besseren Effekt mit cc: an die Redaktionsleitung, sollte ihren Zweck erfüllen. Nicht unbedingt ein loyaler Schachzug des Freundes und Ex-Kollegen, wie ich zugeben muss.

Die Mailkampagne fand statt, aber ich hatte die übliche Trägheit und mangelnde Sensibilität der SpOn-Redaktion nicht in mein Kalkül einbezogen. Barbara bekam ein wenig Druck, aber geändert oder gar zurückgenommen wurde nichts. Auch nicht, als Meta und ich anboten, die Rekonstruktion des Forumsarchivs nach Feierabend selbst zu übernehmen.

Meta war unterdessen mit seinen sozialen Experimenten fortgefahren. Er hatte Alexander V. ein verstecktes Forum in einem kaum frequentiertem Testbereich von SpOn einrichten lassen und seinem alten Gegenspieler dort Moderatorenrechte eingeräumt. In diesem „Keller des Grauens“ konnte sich V. nun ungehemmt vor einem handverlesenen Kreis seiner größten Fans produzieren – ein Umstand, der dem übrigen Forum durchaus zugute kam, denn dort zeigte sich V. jetzt ein wenig jovialer und gemildert. Direkt nebenan hatte Meta eine Außenstelle seines Sphex-Forums eingerichtet – auch dieser (wenig benutzte) Bereich war nach außen nicht sichtbar.

Sein größtes Experiment bestand jedoch darin, einer besonders vorlauten Dame aus dem Treffpunkt, die vor allem die Fragen der Moderationstechniken mit großem theoretischen Eifer behandelt hatte, einfach praktisch die Möglichkeit einzuräumen, selbst einmal nach belieben zu maßregeln und zu löschen. Ein Privileg, von dem Frau S. gerne und ausgiebig Gebrauch machte. Als die Reaktion der anderen Forumsteilnehmer dann wie erwartet darin bestand, lauthals nach einem Ende des Versuchs zu rufen, und somit der erwünschte Lernerfolg dokumentiert war, entzog Meta Frau S. die Moderatorenrechte wieder.

Aber irgendwie war ihm das alles ein bisschen zu viel geworden, und so entschloss er sich dann, den Gang zum SPIEGEL anzutreten und zu kündigen. Unter Vermeidung eines weiteren Kontakts mit Barbara, mit der er keine so recht gemeinsame Sprache hatte finden können, ging er direkt zu Uli Booms und verabschiedete sich. Am Abend brachte er den Vorgang bei seinen Freunden auf Sphex zu Protokoll, legte sich ins Bett – und erlitt einen Kreislaufkollaps. (Drei Tage später war er wieder auf den Beinen.)

Derweil ging auf SpOn die Krise weiter. Um in das nun moderatorenfreie Forum ein wenig Struktur hineinzubekommen, kündigte die Redaktion an, man wolle für die völlig überflüssigen „Kuschelforen“ künftig einen Chat einrichten. Außerdem plane man aus Platzgründen, alle Diskussionen zu archivieren und später zu löschen, die länger als einen Monat keinen Beitrag erhalten hätten. Obwohl solche Archivierungsmaßnahmen auch bei Meta und mir zur Routine gehörten, brachte diese Ankündigung die Stammkunden des Forums derart in Rage, dass sie unter lautem Protest das Forum verließen und unter Leitung Alexander V.s in meinem neuen Wirkungsbereich, bei der ZEIT-Debatte, ein „Flüchtlingscamp“ aufschlugen. Von dort aus organisierten sie eine beachtliche PR-Kampagne, die sie in die Webforen von FOCUS, Welt und verschiedenen anderen Anbietern trieb. Ihre beste Idee bestand darin, alle prominenten Gratulanten anzuschreiben, die uns im letzten Jahr öffentlich zum fünfjährigen Jubiläum von SPIEGEL ONLINE gratuliert hatten. So etwas verfehlt natürlich nicht seine Wirkung.

Und dann kommt der gestrige Abend. Meta, der sich nach seiner Kündigung aus der jüngsten Eskalation komplett herausgehalten hatte (abgesehen von ein paar schadenfrohen Bemerkungen darüber, dass ich nun Alexander V. wieder an der Backe hatte), spielt mit seinen Lord-Azubis. Einer, der relativ neu dabei ist, übt in der Sphex-Enklave auf Spon. Er richtet ein paar neue Diskussionen und Verzeichnisse ein. Löscht eines davon wieder. Darauf meldet sich die Software mit der Meldung: „Verzeichnis gelöscht. Wenn Sie wollen, können Sie es aus der Datei ‚deleted‘ rekonstruieren.“ Also klickt unser Lord-Azubi auf „Importieren“ und gibt als Dateiname ‚deleted‘ an. Tadaa! Auf einmal befinden sich ganze 645 Diskussionen in seinem Testverzeichnis. Das gesamte gelöschte Archiv des SPIEGEL ONLINE Forums. Ist ja der helle Wahnsinn! Doch was macht man jetzt um Himmels Willen damit? Die Antwort wird ihm abgenommen: Die Forumssoftware ist von dem neuen Datenvolumen schlicht überfordert und gibt ihren Geist auf. Noch einmal berappelt sie sich kurz, dann verröchelt sie endgültig.

Und nun kommt auf Sphex, wo man die Sache zuerst irritiert, dann amüsiert verfolgt hatte, echte Panik auf. Um Gottes Willen, was haben wir da jetzt angestellt! Das sieht ja ganz so aus, als hätten wir versucht, uns das Archiv zurückzuhacken! Und die ganzen geheimen Foren, was für ein Missbrauch der mittlerweile abgegebenen Moderatorenprivilegien! Was machen wir nur? Wieder löschen geht nicht, denn wenn die Forumssoftware nicht läuft, kommt man nicht an die Daten. Also verharrt man in banger Erwartung, rechnet jeden Moment mit einem hochnotpeinlichen Anruf vom SPIEGEL. Doch der bleibt aus, bei SpOn haben alle bereits Feierabend gemacht. Bis sich dann endlich telefonisch der Ex-Sysop meldet und einen Vorschlag zur Klärung unterbreitet. (Ich hatte mittlerweile in der ZEIT-Debatte von der ungewöhnlich langen Auszeit des SpOn-Forums erfahren und über Sphex rekonstruiert, was geschehen war.)

Und so kam es, dass ich dann am späten Abend mit einer wutschnaubenden Barbara im Taxi zum SPIEGEL fahren musste, um das SpOn-Archiv ein zweites,nein, eigentlich ein drittes Mal zu löschen. Und mich im Anschluss in einem kleinen nächtlichen Goodbye-Hack noch ein letztes Mal als Sysop ins Forum einwählte, um auch den unsäglichen Alexander-V.-Keller zu beseitigen, den Barbara in seiner ganzen Hässlichkeit der Allgemeinheit zugänglich gemacht hatte. Fragt sich, wer diesmal seine Identität verloren hat.“

(Beitrag aus dem Club Volt Forum vom 9. Februar 2000)

5 Kommentare

  1. Suuuuper genial. Dagegen verblasst ja jede Hackerstory aus einem Sci-Fi-Roman g.

    Doch die Sache mit den Mails bei ZEIT online war wirklich unschlagbar rutl (rollig under the table laughing). Sowas wäre doch heute alles gar nicht mehr möglich, oder? Ist doch alles schon viel zu „ergründet“ und etabliert.

  2. Pingback: themaastrix
  3. Das wirklich Verblüffende ist, mit ein paar Jahren Abstand, die Erfahrung, dass man sich wegen so einem banalen Quatsch überhaupt so viel Mühe gegeben hat. (Was habe ich nicht mitunter stundenlange FormulierungsArbeit in Beiträge gesteckt, die, kaum publiziert, schon verpufften und im allgemeinen Rauschen einfach weggespült wurden — aber je nun, wir leben, um zu lernen).

    Der Unfug war einem wirklich mal so wichtig, dass man am späten Abend … im Taxi zum SPIEGEL fahren musste. Eigentlich unglaublich.

    Hoffen wir, dass wir dermaleinst nicht als digiale Bouvard & Pécauchets enden, die sich das Nichts ihres armseligen Oline-Lebens mit Geschichten über Dinge zusammenlügen, die es nie wert waren, sich zu ereignen.

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