Ganz weit unten

Ein starker Begriff, der uns fast abhanden gekommen ist, verdient reaktiviert zu werden: die “Niedertracht”. Für die, denen das zu sehr tümelt, gibt es auch zwei lateinische Fremdwörter, die um die Übersetzung rivalisieren: “Infamie” und “Perfidie”. Beide treffen jedoch den schönen naheliegenden Wortsinn des deutschen Begriffs nicht genau: Wer niederträchtig ist, trachtet nach dem Niederen, dem Schlechten, dem Bösen. Er oder sie kennt die Richtung des moralischen Kompass und entscheidet sich bewusst dagegen.

Ich muss zugeben, dass dies erst eine spätere Lesart des Wortes ist. Ursprünglich bedeutete „Niedertracht“ wohl einmal so etwas wie Bescheidenheit: sich niedrig tragen. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts bekam das Wort seine heutige Bedeutung einer niedrigen moralischen Gesinnung. Doch zurück zu den lateinischen Synonymen: „Infamie“ beschrieb im alten Rom einen Zustand gesellschaftlicher Ächtung, also eine schlechte Reputation, während „Perfidie“ die besondere Missetat des Verrats an einer bestehenden Vertrauensbeziehung bezeichnet – sicher auch eine Form der Niedertracht, aber ebenso sicher nicht die einzige.

Angesichts der kleinen und großen Gräuel und Missetaten, mit denen uns die Zeitgeschichte konfrontiert, sollten wir unser moralisches Begriffsinventar wieder schärfen, und beispielsweise unterscheiden zwischen dem im Resultat Üblen, das Menschen aus einer genuinen Verwirrung ihres Wertesystems tun, in der Meinung, sich an einem höheren Gut zu orientieren, und dem genuin Bösen, das die Orientierung am erkannten Guten bewusst leugnet.

Das ist nicht immer einfach, oft maskiert sich das Böse als wertegesteuert. Wenn zum Beispiel junge Männer (selten Frauen) sich heilige Texte zurecht deuten, um unter ihrem Schutz ihrer Mordlust nachgehen, vergewaltigen und plündern zu können, dann wird das bessere ethische Argument dort wenig Wirksamkeit zeigen. Die Verstellung ist hier ein Kennzeichen der Niedertracht, sie zeigt sich in der Unerreichbarkeit für Gespräch und Argument.

Religionen eignen sich besonders gut für diese Art von Missbrauch, denn sie dekorieren den Niederträchtigen mit göttlicher Vollmacht. Aber es müssen nicht Religionen sein. Auch säkulare Weltanschauungen können mit gleicher Toxizität in Anspruch genommen werden. Das gilt zum Beispiel für den Egoismus-Kult der russisch-amerikanischen ‘Philosophin’ Ayn Rand, der für die grassierende US-amerikanische Variante der Niedertracht mit Ausprägungen von sozialer Kälte nach innen bis hin zu Folter und Drohnenmord nach außen das ideale Tarngewand bereitstellt.

Bei Sebastian Haffner habe ich einmal die Vermutung gelesen, die Nazis hätten den mörderischen Antisemitismus als eine Art Nagelprobe der Schlechtigkeit eingesetzt: Nur wer bereit war, auch das letzte bisschen moralischer Orientierung preiszugeben, erwarb sich das Recht, dem inneren Kreis des Schurkenclubs anzugehören, der sich anschickte, sich die Welt Untertan zu machen.

2 Kommentare

  1. Den willentlich und wissentlich niederträchtig handelnden Menschen gibt es nur äußerst selten. Ich würde ein solches Wesen als krank (z.B. soziopathisch) betrachten.

    Bezeichnet der Begriff „Menschlichkeit“ nicht, dass Menschsein etwas mit sozialer Gesinnung und in Folge dessen auch mit einer Bindung an Normen und Werte zu tun hat?

    Man kann mich naiv nennen, doch ich stelle mir die Frage: „Wie sehr kann/muss ein menschlicher Geist verblendet sein, dass er zu (solchen) Gewalttaten und deren moralischer Rechtfertigung fähig ist?“

    Alles andere wäre unmenschlich.

  2. Niedertracht, so wie ich es verstehe, ist immer willentlich und wissentlich. Aber ich gebe dir recht, Menschen, zu deren Wesen die Niedertracht gehört, sind Gott sei Dank eher selten. Eher schon kommt es auch bei uns ganz normal um’s Gute ringenden Personen gelegentlich zu moralischen Aussetzern. Beängstigend allerdings finde ich historische Phasen, in denen die Niedertracht salonfähig und endemisch zu werden scheint – sei es, indem sich die Niederträchtigen organisieren und systematisch gesellschaftliche Schaltstellen besetzen, sei es durch soziale Dynamiken, die mühsam erkämpfte zivilisatorische Errungenschaften hinwegfegen.

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