A wie Auftrag

Der sogenannte Funktionsauftrag, den die Juristen den Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland zuweisen, ist ein ziemlich hölzernes theoretisches Konstrukt, das sich aber intuitiv immer wieder an einem Trio von Funktionen orientiert, das bereits BBC-Gründer Sir John Reith seiner Anstalt in den Anfangsjahren als Mission Statement mit auf den Weg gegeben hat: Information, Bildung und Unterhaltung. Als Philosoph weiß ich: Es ist nie verkehrt, seine Überlegungen auf solche starken, definierenden Intuitionen zu stützen. Sie sind meist stärker als Definitionen oder Paragraphen.

Angesichts des Medienwandels stellt sich bei unserem Trio (Information, Bildung, Unterhaltung) aber nicht nur die Frage nach seiner zeitgemäßen Ausgestaltung, sondern darüber hinaus auch die Frage, ob die Beschränkung auf diese drei Begriffe der aktuellen Situation wirklich gerecht wird.

Ich plädiere dafür, mit einer (zunächst) um zwei Punkte erweiterten Liste zu arbeiten. Die zwei neuen Punkte – Orientierung und Ermächtigung – ließen sich mit etwas Mühe vielleicht auch unter die vorhandenen drei subsumieren, aber ich denke, zur besseren Profilierung macht es Sinn, sie gesondert zu behandeln. Hier also die erweiterte Liste mit ein paar Überlegungen zur Interpretation der einzelnen Punkte.

1. Information – Aktuelle Nachrichten sind gewissermaßen die Basis der Grundversorgung. Abgesehen davon gibt es aber auch ein verstärktes Bedürfnis nach vertiefter (investigativer) Berichterstattung, (multipolarer) Analyse, (historischer und systematischer) Einordnung, dem die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland (mit ehrenwerter Ausnahme des Deutschlandfunks) nicht mehr annähernd gerecht werden.

Aber es geht nicht nur um einzelne Sendeplätze. Der klassische Journalismus in Print und Rundfunk hängt immer noch an teilweise veralteten, zeitlich und thematisch isolierten Formaten (Ausgaben, Sendungen,…). Das macht es weiterhin schwierig, die Berichterstattung durchgängig in einen kohärenten Zusammenhang zu stellen und es den Nutzern zu ermöglichen, beispielsweise die Vorgeschichte eines Ereignisses bei Bedarf aus Archivbeständen zu rekonstruieren. Hier kommen die Möglichkeiten der neuen Medien zupass und erlauben im Sinne des von Jeff Jarvis geprägten Begriffs eines Prozessjournalismus eine neue, themenorientierte Form des Journalismus und der aktuellen Information. Nur wenn die Medien sich dieser Herausforderung stellen, wird es gelingen, eine informationelle Grundversorgung zu gewährleisten, die zu einem mündigen, staatsbürgerlichen Verhalten befähigt.

Eine der essentiellen Voraussetzungen dafür ist die systematische Erschließung und fortlaufende Pflege der Archive, die somit ihren rein ‚historischen‘ Charakter verlieren und zum Bestandteil des aktuellen Angebots werden. Eine weitere, eher technische Voraussetzung ist die semantische Anreicherung von aktueller Produktion ebenso wie des Bestandes. Dies wiederum setzt beträchtliche strategische Investitionen voraus.

2. Orientierung – Schon die eben skizzierte Kontextualisierung aktueller Information weist in die Richtung einer neuen Aufgabe für die Public Service Media: In Zeiten jenseits überschaubarer linearer Rundfunkprogrammierung, in denen die Nutzer einer immer breiteren Flut gleichzeitig zur Verfügung stehender Informationen ausgesetzt sind, gibt es einen immensen Bedarf an Orientierung. Die Bandbreite reicht von einfachen Suchfunktionalitäten bis hin zu Empfehlungssystemen und personalisierten Filtern.

Dies ist ein genuiner Aufgabenbereich für Public Service Media, der nicht gewinnorientierten kommerziellen Anbietern überlassen werden darf, die sich ihre funktional intransparenten Dienste mit der systematischen Ausbeutung von Nutzerinformationen bezahlen lassen. Insofern ist die Einrichtung einer öffentlich-rechtlichen Suchmaschine, wie sie unter anderem von dem Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, Hans Hege, gefordert worden ist, ein sinnvoller erster Schritt. Ebenso bedarf es der Förderung von und Investition in offene, der Allgemeinheit nützliche semantische Standards, sowie die öffentliche Diskussion von Qualitäts- und Relevanzkriterien und deren Anwendung in breit aufgestellten, individuell anpassbaren Kurationsdiensten.

3. Bildung – Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten interpretieren ihren Bildungsauftrag zunehmend als Verpflichtung, historisches Kulturgut (klassische Musik, Theater, Tanz,…) in entsprechenden Spartenkanälen (3Sat, arte, Radiokulturprogramme…) einer kleinen Nutzerschaft vorzuhalten. Allein der bayerische Rundfunk bietet mit dem mittlerweile national zugänglichen Bildungskanal 1 alpha ein Echo des einstmals weitaus prominenteren Schulfunks oder Schulfernsehens. Der anscheinend zugrundeliegende Bildungsbegriff, der Aspekte der Ausbildung weitgehend ausklammert, und sich nicht einmal traut, übertragene Kulturveranstaltungen mit entsprechenden Erklärformaten sinnvoll zu ergänzen, ist ehrenwert, hat aber wenig mit der Lebenswelt von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu tun. Statt also im Kampf um ein junges Publikum die ‚Jugend’ mit immer neuen Dudel- und Unterhaltungsangeboten vollzudröhnen, sollte man dieser Zielgruppe lieber praktische Hilfestellung bei Schule, Ausbildung oder Studium anbieten. Das Stichwort hier heißt ‚Open Educational Resources‘ und reicht von kurrikularen Begleitangeboten für Schule und Berufsausbildung bis hin zu zentralen Plattformen für offene universitäre Lehrveranstaltungen.

4. Ermächtigung – Nutzer sind nicht mehr die passiven Konsumenten aus vergangenen Medienepochen. Schon in den elementaren Rezeptionsgewohnheiten zeigt sich ein komplett anderes, neues Verhalten: Inhalte werden zunehmend nicht mehr an den traditionellen Schnittstellen (Zeitung, Nachrichtensendung, Abendprogramm) abgeholt, sondern werden über soziale Netzwerke verteilt, kommentiert und von einer nicht geringen Minderheit auch aktiv weitergedreht. Professionelle Medienmacher müssen sich in diesem gerade entstehenden neuen Ökosystem der Information neu positionieren. Sie werden zunehmend zu Mediatoren in einem dezentralen Mediennetzwerk und tragen hier als Profis eine große, weitgehend neue Verantwortung.

Nicht nur die Diskussionen um die oft fragwürdige Qualität der Nutzerkommentare in Onlinemedien (bis hin zur Forderung nach psychotherapeutischer Unterstützung der Moderatoren) machen deutlich, dass hier ein gewaltiger medienpädagogischer Bedarf besteht. Es geht um mehr als ein paar wohlfeile Einführungen in den Gebrauch von sozialen Medien. Es geht um die Einübung in eine komplett neue Form medialer Öffentlichkeit, in der den Individuen und ihren jeweiligen Teilöffentlichkeiten eine immer wichtigere Rolle zukommt. Auch hier geht es um Individuen nicht nur als Konsumenten, sondern als Bürger eines demokratischen Gemeinwesens, und die Aufgabe liegt somit genuin im Verantwortungsbereich der Public Service Media.

5. Unterhaltung – Dies ist das umstrittenste Feld im traditionellen öffentlich-rechtlichen Portfolio. Warum sollten gebührenfinanzierte Angebote etwas liefern, das im kommerziellen Bereich gut und vielleicht sogar besser funktioniert? Die Apologeten der Public Service Media verfolgen hier im Allgemeinen zwei Strategien. Entweder sie beharren stur auf dem angestammten Recht auf eine Rundumversorgung, das sich aus den Anfangszeiten des Rundfunks herleitet, und argumentieren höchstens mit der Notwendigkeit, Nutzer aus den populären Sendeplätzen ihrer Unterhaltungsformate in die anspruchsvolleren Programmanteile hinüberzulocken. Oder sie verweisen auf die besonderen Qualitätsansprüche öffentlich-rechtlicher Unterhaltungsangebote, mit zweifelhaftem Wahrheitsgehalt.

Es gilt also, einen neuen, spezifischeren Zugang zur Unterhaltungsproblematik zu finden, der den Public Service-Aspekt klarer profiliert und somit auch die teilweise berechtigte Kritik der privaten Anbieter stärker zu beantworten. Ein Akzent könnte hierbei auf Vielfalts-, und insbesondere auf Nachwuchsförderung gelegt werden. Zahlreiche Castingshows zeigen ebenso wie die extrem skalierbaren Bühnen der Youtube-Stars, dass Wettbewerb und potentieller Ruhm ein gewaltiges Motivationspotential bei Beteiligten und Zuschauern darstellen. Statt starrer, repetitiver Showformate sollten die Öffentlich-Rechtlichen hier weit mehr Mut zur Offenheit, zum Wandel und zur Nische zeigen. Und wenn einzelne erfolgreiche Akteure dann zu private Anbietern wechseln, so ist das keine Schande, sondern ein Beitrag zur Entwicklung eines gesunden, auch kommerziell erfolgreichen Mediensektors.