Resultate I: Europäische Narrative

Ich sitze im ICE auf dem Weg nach Wien, wo ich morgen an der Defensio von Julian Ausserhofers Dissertation zum Datenjournalismus teilnehmen werde. Am Freitag geht es dann weiter nach Köln zur Preisverleihung der Grimme Online Awards. Das Semester ist praktisch zu Ende. Nächste Woche gibt es am Mediencampus Dieburg zwar noch die übliche Präsentation der Semesterpräsentationen, aber daran bin ich diesmal nicht aktiv beteiligt, und die Lehre ist abgeschlossen. Zeit zurückzuschauen.

Diesmal habe ich sehr viel Zeit und Energie in die Fortentwicklung bestehender und die Konzeption neuer Lehrveranstaltungen gesteckt. Im Studiengang Onlinejournalismus gab es eine neue Wahlpflichtveranstaltung mit dem Titel Europäische Narrative zu Ulrike Guérots leidenschaftlichem Plädoyer Warum Europa eine Republik werden muss.

Das Seminar war teilweise als Lektürekurs angelegt, aber wir sind vielen Seitenlinien des Themas gefolgt, haben uns zum Beispiel auch mit Pulse of Europe und mit Yannis Varoufakis‘ DiEM25 beschäftigt. Dabei kam uns entgegen, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in den letzten Monaten das Thema Europa verstärkt bedient haben.

Eine Folge des neuen arte-Reportageformats re: zu Pulse of Europe hat uns eher nicht so überzeugt. Wirklich herausragend waren hingegen die große Dokumentation Kampf um Europa (full version, YouTube), die die Geschichte der Europäischen Union von den Nachkriegsjahren bis zum Brexit nacherzählt, atemlos, spannend und faktenreich, sowie Annalisa Piras‘ formal freierer Dokumentarfilm EU: Kurz vor dem Crash? The European Disaster Movie (Trailer, YouTube), in dessen Rahmenhandlung ein Scheitern der EU als distopische Vision skizziert wird. Kate Tempest liefert mit Europe is lost dazu einen möglichen Soundtrack.

Die Griechenland-Dokumentation von Arpad Bondy und Harald Schumann Macht ohne Kontrolle – Die Troika (Trailer, YouTube) setzt das Krisen-Narrativ fort und stellt noch einmal Yannis Varoufakis als interessanten und ideenreichen europäischen Akteur vor. Dann ging es um die Wiedergeburt der Nationalismen, vor allem in Osteuropa, und um die unheiligen Allianzen zwischen Putins Russland und den Rechten in Europa. Auch hierzu konnten die Studierenden Dokumentationen aus den öffentlich-rechtlichen Programmen anschauen: Putins völkische Fans. Europas Rechte auf Kreml-Kurs (full version, YouTube) und Europas rechte Hetzer (full version, YouTube), zum Teil wirklich gruseliges Material. Von Jan-Werner Müller haben wir gelernt, dass Populismus eigentlich das Gegenteil von Pluralismus ist.

Um nicht dem Defätismus zu verfallen, haben wir nach Reformvorschlägen noch diesseits der großen Republik-Vision von Ulrike Guérots gesucht. Beim Weißbuch der Europäischen Kommission sind wir nicht fündig geworden, eher schon bei Thomas Piketty, der unter anderem neben dem Europäischen Parlament eine mit Parlamentariern aus den nationalen Parlamenten besetzte Europäische Kammer fordert, die den Regierungsclub des Europäischen Rats ablösen soll. Interessant auch, aber teilweise viel technischer, die Vorschläge eines European New Deal von Varoufakis und DiEM25, wo zum Beispiel eine europaweite digitale Zahlungsplattform vorgeschlagen wird, um den europäischen Bürgern einen Geschäftverkehr und finanzielle Transaktion unabhängig von den Banken zu ermöglichen.

Zurück zu Ulrike Guérots Idee einer Europäischen Republik. Was heißt hier eigentlich Republik? Wir haben gemeinsam zurückgeschaut auf den antiken Begriff der Res Publica und haben kurz seine Renaissance bei modernen Philosophiehistorikern wie Quentin Skinner und politischen Philosophen wie Philip Pettit Revue passieren lassen.

Dann haben wir Guérots Idee unter die Lupe genommen, die Europäische Republik auf ein Netzwerk kleiner, traditioneller europäischer Regionen zu stützen, und haben uns dabei auf zwei Gewährsleute gestützt. Einen pensionierten Förster aus dem Schwarzwald, der uns zuruft: „Heimat ist Region!“, und damit Robert Menasses programmatische Rede vorm Europäischen Parlament vorwegnimmt, und den österreichischen Philosophen Leopold Kohr, Vater des Slogans „Small is beautiful!“, der einen meiner persönlichen politischen Lieblingsgedanken ausgeführt hat – dass es eine Idealgröße für politische Einheiten gibt, die bei rund um 10 Millionen Bürgern liegt.

Neben den Regionen sollen die Metropolen in der Europäischen Republik eine herausragende Rolle spielen. Die Rebel Cities, denen ja auch in den USA im Kampf gegen das Trump-Regime eine besondere Aufgabe zukommt. Wie es der Zufall wollte, fand zur Zeit des Seminars unter dem Titel Fearless Cities ein großes Festival der rebellischen Metropolen in Barcelona statt, wo mit Barcelona en comú die Rebellen gerade die Macht übernommen hatten.

Hier hätten wir gerne noch weiter machen können, und beispielsweise mit unserem Tour Guide Ulrike Guérot die Frage nach einem Europa alternativer Wirtschaftsformen stellen können,oder die Frage nach Weiblichkeit und Jugend des europäischen Projekts, aber die Zeit lief uns davon, und so haben wir uns zum Abschluss lieber unserer (angehenden) Profession zugewandt und versucht, uns einem zeitgemäßen Europäischen Journalismus anzunähern, auf fünf Ebenen:

  1. Themen: Worüber sollte ein zeitgemäßer Europajournalismus berichten, über welche Europa-Themen, welche europäischen Themen?
  2. Perspektiven: Welche Stimmen und Sichten sollten zu Wort kommen, und wie kann man eine Erweiterung der Perspektiven erreichen?
  3. Redaktionen: Was für konkrete Maßnahmen können einzelne Redaktionen ergreifen, um zu einem europäischeren Journalismus beizusteuern?
  4. Ausbildung: Was können wir Ausbilder tun, um besser auf einen solchen Journalismus vorzubereiten?
  5. Haltung: Darf ein zeitgemäßer Europajournalismus Haltung zeigen? Und welche Ziele und Werte sollte er vertreten?

Diese Fragen versuchen die Studierenden gerade in einem kleinen Abschlussprojekt zu beantworten. Ich verstehe sie jedoch als ‚work in progress‘, wie das europäische Projekt selbst.