Kein Fenster

Die Shanghaier Anwältin Li Tiantian gehört zu den Opfern der letzten großen Verhaftungswelle in China. Seit etwa einer Woche ist sie wieder auf freiem Fuß. Zunächst veröffentlichte sie in ihrem (inzwischen gesperrten) Blog nur einen sehr verschlüsselten Bericht über ihre dreimonatige Haft, doch seit dem 27. Mai erzählt Li auf Twitter detailliert über ihre Erfahrungen. Ein paar Auszüge:

Sogar mein Freund hat nicht wissen wollen, mit wem ich Sex gehabt hatte. Der Polizei lag das mehr am Herzen. Sie hatte die Männer identifiziert und wollte Details zu Protokoll nehmen: Wer hatte für das Hotel bezahlt? Wer hatte den Sex angeregt? Wie oft war es passiert? Wer hatte wen verführt? Ich sollte alles berichten, je detaillierter, desto besser. (Tweet)

Da sie wirklich die Details meiner Bettgeschichten wissen wollten und ich mich an diese nicht mehr genau erinnerte, machte ich ihnen folgendes Angebot: Wenn ihr es wirklich wissen wollt, ladet doch die Männer ein, dann kann ich es euch noch einmal vorführen. Aber sie sagten, das wäre bestimmt nicht so gut wie in Pornofilmen, das erlauben wir nicht. (Tweet)

Glücklicherweise habe ich vor den Polizisten keine Tränen vergossen. Ich habe nicht die Selbstkontrolle verloren. Als ich sagte, wenn ihr mir nicht erlaubt, einen Anwalt hinzuzuziehen, werde ich keine Namen nennen und kein Protokoll unterschreiben, fragte mich ein Polizist, ob ich Schläge wolle. Er stand auf und kam auf mich zu um mich zu schlagen. Ich sagte, ich werde in dein Ohr oder deinen Hals beißen! Er zog mich an den Haaren und drohte, mich mit einer Schachtel zu schlagen. (Tweet)

[…] Ich sagte schnell: Du wirst mich wirklich schlagen, ich hab’s begriffen, ich habe Angst. Ich werde kooperativ sein und nichts mehr fordern. Du bist so männlich, ich mach mir gleich in die Hose. Ich brauchte wirklich dringend ein Klo. […] (Tweet)

Ich musste innerlich viel Kraft aufbringen, um nicht den Verstand zu verlieren. Sieben oder acht mal wäre ich fast durchgedreht. Kein Fenster verfügbar? Ich dachte an alle, die verhungert oder während der Kulturrevolution gestorben sind. Was zählte da mein Problem? So beruhigte ich mich und blieb bei Verstand. […] (Tweet)

Die Polizei wollte dass ich aufschreibe, wen ich über das Internet kenne. Es waren insgesamt ungefähr 30 Namen, inklusive derer, die ich aus Beihai erinnerte. Wie wir uns kennengelernt hatten, wie wir miteinander kommuniziert hatten. Was sie auch fragten, ich schrieb es detailliert auf. Sie zeigten sich zufrieden. Insbesondere interessierte sie mein Umgang mit Ai Weiwei, Liu Xiaoyuan und Tian Biao. Auch das habe ich aufgeschrieben, alles was ich wusste. (Tweet)

(Quelle: Chinesisches Original und englische Übersetzung bei globalvoicesonline.org)