Der Stand der Dinge (en passant)

Weil ich grad nichts anderes zu posten habe: ein paar Interview-Antworten, die ich Ende März David Röthler für eine Geschichte zum Stand des deutschsprachigen Online-Journalismus gegeben habe. (Röthlers Artikel erscheint demnächst im österreichischen “Journalist”.)

Paid Content?

Ich glaube, das Konzept Paid Content ist noch nicht am Ende. Solange sich allerdings der Werbemarkt im Internet weiter so positiv entwickelt, gibt es im onlinejournalistischen Mainstream wenig Grund, dieses schwierige Projekt voranzutreiben. Wollte man es tun, dann müsste man sich mehr Gedanken über die Entwicklung attraktiver Produkte machen.

Denn letztlich ist Paid Content daran gescheitert, dass man für die falschen Dinge Geld verlangt hat. Für Archivtexte zum Beispiel. Das ist so, als würde ich die Zeitung von heute umsonst verteilen, aber für die von gestern Geld verlangen. Damit erreiche ich zwar vielleicht die drei bis sieben Personen, die etwas sehr Spezielles und Wichtiges verpasst haben. Aber ein tragfähiges Geschäftsmodell lässt sich so natürlich nicht aufstellen. Wer die Nutzer zur Kasse bitten will, muss schon etwas sehr Cooles anzubieten haben.

Nutzergenerierte Inhalte bei Spiegel Online?

Insgesamt ist die Mentalität bei SpOn nicht so community-orientiert, wie ich es mir wünschen würde. Man hat das Interaktionsmodell ’97 (sprich: Webforum) eingefroren und mit dem Betreuer Werner Theurich dauerhaft outgesourct. So müssen sich die Redakteure nicht mit lästigen Leserkommentaren herumschlagen. Das wäre bei SpOns nicht immer ganz seriöser Aufbereitung der Tagesthemen wahrscheinlich oft auch schmerzhaft.

Andererseits finde ich das Projekt einestages ganz vielversprechend, und ich kann mir vorstellen, dass Florian Harms ein wenig frischen Wind in diesen verknöcherten Betrieb bringt.

Citizen Journalism – ein Hype?

Citizen Journalism war in den vergangenen Monaten sicher ein Hype: Von den Nutzern zu erwarten, dass sie die Krise des professionellen Journalismus abfangen, geht ein bisschen zu weit. Der sinnvolle Einsatz von Bürgerjournalisten beschränkt sich doch auf sehr wenige Gebiete. Aber wie bei jedem guten Hype steckt natürlich eine reale Entwicklung dahinter: der Journalismus wird sich darauf einstellen müssen, diskursorientierter zu werden, offener gegenüber seinen Lesern und durchlässiger gegenüber der innovativen Arbeit von Amateuren.

Die spannendste Innovation im deutschsprachigen Online-Journalismus?

Ich beobachte mit Spannung community-orientierte Formate wie bei neon.de und jetzt.de. Eines der interessantesten Projekte ist für mich die ebenfalls community-basierte Schweizer Aggregationsplattform Facts 2.0. Ich freue mich über die Wiedergeburt von “täglich Kress” als “Turi2.0”. Jenseits des deutschsprachigen Raums denke ich zum Beispiel mit Neid und Sehnsucht an das US-amerikanische Politblog “Talking Points Memo”, das anspruchsvollen, oft investigativen politischen Journalismus als kleine Form betreibt.

Die wirtschaftlichen Gewinner und Verlierer bei Online-Medien?

Da ist die Lage weiterhin ziemlich unübersichtlich. Man sieht immer mal wieder, dass einzelne, auch kleinere Projekte erstaunlich profitabel sind. Aus Rafit Alis Weblog paidcontent.org zum Beispiel ist mittlerweile ein lukratives Unternehmen geworden. Wer Geld verdient, tut gut daran, in Qualität zu investieren, denn auf lange Sicht werden die bekannten Marken alleine nicht reichen, um ein interessantes Publikum anzuziehen und zu halten.

In Deutschland setzen die großen Anbieter und viele Werbetreibende erstaunlicher Weise weiterhin auf das alte Rezept Reichweite, als hätten sie immer noch nicht verstanden, dass die wahre Revolution im Internet die Zielgruppengenauigkeit ist. Gewinnen werden auf lange Sicht diejenigen, die sich vom Fetisch Reichweite verabschieden und sich das Prinzip der genauen und qualitativ hochwertigen Zielgruppenansprache zunutze machen.

Herzlichen Dank an David Röthler für das Einverständnis, hier die vollständigen Antworten zu ‘präpublizieren’!

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