Brussels Sprouts

Foto: ThorPorre / Wikimedia Commons
Foto: ThorPorre / Wikimedia Commons

Zu den Kuriositäten, die mir meine Timelines jeden Tag zuspielen, gehört heute die Studie eines Brüsseler ‚Think Tanks‘ namens ECIPE (European Center for International Political Economy) mit dem Titel „Manufacturing Discontent“, in der die deutschen Gegenöffentlichkeiten zum sogenannten ‚Freihandelsabkommen‘ TTIP untersucht werden. Das Abstract des Textes beginnt mit den folgenden bemerkenswerten Worten:

In 2013, a small group of German green and leftwing activists, professional campaign NGOs and well-established protectionist organisations set up deceptive communication campaigns against TTIP, the Transatlantic Trade and Investment Partnership between the European Union and the United States. Germany’s anti-TTIP NGOs explicitly aimed to take German-centred protests to other European countries. Their reasoning is contradictory and logically inconsistent. Their messages are targeted to serve common sense protectionist demands of generally ill-informed citizens and politicians. Thereby, anti-TTIP communication is based on metaphoric messages and far-fetched myths to effectively evoke citizens’ emotions.

Belege für diese doch recht herzhaft auch inhaltlich wertenden Behauptungen finden sich in den insgesamt 147 Seiten der Studie eher nicht. Dafür aber eine sehr detaillierte Analyse von mehreren Hundert Anti-TTIP-Veranstaltungen, aufgeschlüsselt nach Orten, Organisationen, wichtigsten Rednern, zentralen Thesen etc.

Wenn man von der ideologischen Tonlage des Abstracts absieht, die wahrscheinlich niemandem dient und keinen überzeugt, gibt einem die Studie einen interessanten Einblick in selten gesehene Aspekte einer geradezu militärischen Kampagnenplanung der PR-Strategen und Lobbyisten, inklusive Feindaufklärung und kriegerischer Zielbestimmung.

Lob des Mutes

In der Veranstaltung „Journalismus als Beruf“ laden wir Alumni und andere Praktiker ein, den Erstsemestern in unserem Studiengang Onlinejournalismus einen Eindruck ihrer jeweiligen Arbeitswelten zu geben. Heute hat uns Caro Lobig einen sehr klugen und erfahrungssatten Vortrag gehalten. Nach ihrem Bachelorabschluss vor drei Jahren hat Caro mit einer spektakulären Undercover-Recherche bei Zalando in Erfurt ihre Karriere als TV-Reporterin begonnen. (Der Prozess des Unternehmens gegen RTL dauert immer noch an.) Seither arbeitet sie für das Team Wallraff und verschiedene andere Formate, zunächst fest angestellt bei RTL, mittlerweile mit einer eigenen Produktionsfirma.

Caro Lobig in Dieburg (Foto:privat)
Caro Lobig in Dieburg (Foto:privat)

In Caro Lobigs Vortrag ging es um zunächst um zwei Themen: Erstens um den Vorwurf der Naivität, dem sie sich immer wieder dann ausgesetzt sah, wenn sie die scheinbar unmöglichen Ziele verfolgte: überhaupt erst einmal Journalistin zu werden; dann auch noch investigativ arbeiten, mit Undercover-Methoden soziale Missstände aufdecken zu wollen. Und zweitens um die Rolle von Vorbildern und Mentoren, wie zum Beispiel Günter Wallraff, der sich als erstaunlich zugänglich erwies, als die junge Kollegin auf ihn zukam und ihn um Rat und Unterstützung bat.

Naiv und jung, das kann man laut Caro Lobig auch positiv wenden, denn beides kann heißen, mutig neue und frische Herangehensweisen zu erproben. Solange man von guten Themen und einer klaren Zielvorstellung geleitet wird, muss man sich den Weg nicht von eigenen Ängsten oder den üblichen journalistischen Bestandswahrern und Bedenkenträgern verstellen lassen. Man lernt sein Handwerk, von Thema und Mitteilungswunsch getrieben. Und dabei helfen einem dann manche alten Häsinnen und Hasen gerne, wenn man nur unbefangen auf sie zugeht.

Günter Wallraff übrigens, die graue Eminenz im Hintergrund nicht nur von Caro Lobigs spannendem Vortrag, hat ebenfalls früh angefangen. Im Alter von 21 Jahren stellte er sich 1963 für seine legendären Industriereportagen zum ersten Mal undercover ans Fließband – mehr als fünzig Jahre vor Caro Lobigs Zalando-Abenteuer. Es tut gut zu wissen, dass diese Tradition am Leben bleibt.

Bewegung

Paul Mason schreibt heute auf Medium:

Corbyn was only ever a placeholder around which Labour’s membership could create a new kind of politics: a more networked, more activist, and much more radical form of social democracy than has existed within Labour since the 1930s. A form of leftism rooted in the very communities where Labour is battling right wing populism, through community activism and grass roots engagement.

[…]

Corbyn’s victory in 2015, Brexit in 2016 and the near victory of the Scottish yes campaign in 2014 all held out the possibility of a effortless exit from a dying and unpopular neo-liberal structure.

A kind of “free revolution”, handed to you by a hapless elite, where all you had to do was tick a box.

But revolutions are never effortless. The revolution that’s put Podemos on 20% in Spain, and Syriza into power in Greece, involved masses of people on the streets, resisting the elite’s attacks, and creating a new kind of power in communities and on the streets and in universities and schools.

Das gilt natürlich nicht nur für Großbritanniens Labour Party, sondern auch für uns übrige Europäer. Wenn wir einen grundlegenden Wandel der politischen Kultur wollen, ein Ende nicht nur der postdemokratischen, neoliberalen Verstrickung von wirtschaftlicher Macht und Politik, sondern auch der rechtspopulistischen Resonanzräume, dann geht das nur mit Organisation und Planung, mit viel mühsamer Kleinarbeit und der Entschlossenheit, dem demokratischen Gemeinwesen wieder mehr Legitimation und Macht zu verschaffen. Das demokratische Gemeinwesen – das ist niemand anders als wir selbst.

A wie Archive

Wann immer über das Potenzial des öffentlich-rechtlichen Mediensystems im Internetzeitalter diskutiert wird, kommen auch die ungeheuren Schätze zur Sprache, die in den elektronischen Archiven der Anstalten lagern, und die man nunmehr der Allgemeinheit zugänglich machen sollte.

Die Intuition ist klar: Das hat der Gebührenzahler finanziert, das sollte ihm auch zur Verfügung stehen. Und mit dem Internet und anderen digitalen Übertragungswegen wird auch das Argument der begrenzten linearen Sendeplätze hinfällig: Wer etwas Altes sehen möchte, muss heute nicht mehr auf Wiederholungen warten. Weiterlesen →

A wie Aufsichtsgremien

Die öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland sind eine komplexe Angelegenheit. Das gilt auch für ihre Rechenschaftspflicht und Steuerung. Öffentlich und doch staatsfern sollen sie sein. Das magische Wort heißt hier „Binnenpluralität“: Vielfalt (fast) ohne Wettbewerb. Und gewährleisten sollen dies regelmäßig tagende Aufsichtsräte (ARD-Rundfunkräte, ZDF-Fernsehrat, DLF-Hörfunkrat): Gremien, die aus einer breiten Auswahl relevanter gesellschaftlicher Gruppen besetzt werden.Weiterlesen →

B wie BBC Charter Review

Die BBC kämpft mal wieder um ihr Überleben. Das Spektakel, in dem hauptsächlich wirtschaftliberale Akteure mit ihren politischen Freunden (vor allem bei den Tories) versuchen, die wohl erfolgreichste Marke Großbritanniens vor allem durch massive finanzielle Einschnitte zu schwächen, ist der besonderen Verfasstheit des britischen Rundfunksystems geschuldet: Alle 10 Jahre steht die Royal Charter, die die BBC gesetzlich legitimiert und über ihre finanzielle Ausstattung entscheidet, erneut zur Diskussion. Das ist Segen und Fluch zugleich: Zum einen sorgt es dafür, dass sich – anders als in Deutschland – bei der BBC nie diese selbstgefällige Saturiertheit verfassungsmäßig garantierter Institutionen einstellt. Zum anderen unterliegt damit die BBC immer wieder dem auch politisch motivierten Zugriff externer Akteure, ohne viel mehr dagegen mobilisieren zu können als die Sympathie ihres Publikums. Weiterlesen →