Russische Pipeline

Beruhigend und adventlich fühlt es sich an, im ICE zu sitzen, vor mich hin zu dämmern, während zwei Sitzreihen weiter vorn ein Russe im aufgeräumten Bariton über die Welt räsonniert. Jemand, der in der DDR aufgewachsen ist, mag anderes empfinden. Für mich ist der Klang dieser wunderbaren Sprache mit einer winterlichen Kindheitserinnerung verbunden: Anfang der 60er Jahre pflegte mein Bruder Ulrich den russischen Chor, in dem er während seiner Studienzeit in Freiburg sang, zu einem Adventsbesuch nach Hause mitzubringen. Die kamen dann in einem großen Bus nach Norddeutschland – schon das eine Sensation für den kleinen Bruder, besonders, wenn der Fahrer ihn zu einer kleinen Spritztour im leeren Bus einlud und ihm das gewaltige Fahrzeug erklärte. Das hatte dann unmittelbare Auswirkungen auf den gerade aktuellen Berufswunsch.

Dann das Konzert des Chores in der festlich beleuchteten Wohltorfer Kirche, die imposanten geistlichen Gesänge, der anschließende Umtrunk aller Sängerinnen und Sänger in unserem Haus. Der würdevolle Chorleiter Alexander Kresling entlohnte meine Familie für ihre Gastfreundschaft mit allerlei Anekdoten aus dem vorrevolutionären Russland seiner Kindheit. Auch bei dieser Gelegenheit wurde nochmal gesungen, Weltliches jetzt, wenn ich mich recht erinnere.

Der große Bruder lernte dann ein paar Jahre später seine künftige Frau in Irland kennen, in den grünen Wicklow Mountains südlich von Dublin. Wieder war das ‘alte’ Russland im Spiel, denn beide verbrachten ihre Ferien beim Count Kutusov-Tolstoi, einem Nachfahren jenes berühmten Generals, der Napoleon das Leben schwer machte, verwandt auch mit dem großen Romancier Leo Tolstoi.

Kutusov-Tolstoi betrieb dort im Exil ein Gästehaus, eine Art Sprachschule für europäische Jugendliche. Während der Mahlzeiten konnten sich die Besucher für einen französischen, einen englischen, einen russischen oder einen deutschen Tisch entscheiden. Der Count und seine Frau sprachen all diese Sprachen fließend. Sie sorgten für gepflegte Konversation und stifteten Ehen, während die irische Haushälterin – die einzige, die dem Vernehmen nach noch heute dort lebt – für das leibliche Wohl der Schar sorgte.

Count Kutusov-Tolstoi erlebte ich sehr viel später noch einmal persönlich, nach dem Abitur, im ersten Jahr meines Führerscheins, als ich zum letzten Mal mit meinen Eltern eine Reise unternahm – ein Abschiedstour, die uns nach Südengland, Wales und Irland führte, und die für mich in vieler Hinsicht die melancholische Stimmung von Sebalds ost-englischem Reisebericht “Die Ringe des Saturn” vorwegnahm.

Wir machten Halt beim Count, der nach dem Tod seiner Frau endgültig dem Alkohol verfallen zu sein schien, aber mit einer Würde, wie sie wohl nur Russen hinbekommen. Mit seinen über 80 Jahren glich er einem imposanten Walroß, mit Schnauzbart und pechschwarz gefärbtem Haar. Er empfing uns in jovialer Stimmung und unterhielt uns mit unglaublichen Geschichten aus der europäischen Vergangenheit – bis uns die Haushälterin signalisierte, dass die Audienz nun vorbei sei und wir dem alten Recken seine verdiente Ruhe gönnen sollten.