A Bumpy Ride

“Salon” wird 10! Clubvolt gratuliert herzlich und erinnert sich voll Wehmut an das zweite online-journalistische Textstückchen, das wir je geschrieben haben, und das uns damals merkwürdiger Weise die Türen zu Spiegel Online endgültig geöffnet hat. Hier exklusiv dokumentiert. “Salon” – der “New Yorker” des World Wide Web

von Lorenz Lorenz-Meyer

Die Korken knallen, der Champagner perlt in den Gläsern, Kollegen gratulieren überschwenglich. Das Web hat neuen kulturellen Glanz bekommen. Seit einigen Wochen läuft der Test, seit Montag der letzten Woche ist es auf Sendung: das neue Online-Ereignis “Salon”, nach eigener Darstellung “eine interaktive Zeitschrift über Bücher, Künste und Ideen”. Das Impressum liest sich wie ein Auszug aus dem “Who is Who” des amerikanischen Kulturjournalismus, das grafische Design, sparsam und elegant, ist preisverdächtig, die Beiträge sind handverlesen. Ein eindrucksvolles Debut.

Anders als bei den verwandten Webpublikationen “Hot Wired” oder “Utne Lens”, die Ableger großer, etablierter Print-Zeitschriften sind, handelt es sich bei “Salon” um ein reines Online-Produkt, um eine Zeitschrift, die nur im Web gelesen werden kann. Dennoch ist der Zugang bis auf weiteres kostenlos. Man hat eine Reihe zahlungskräftiger Sponsoren gefunden: Zwei große Unternehmen aus der Computerbranche und eine nationale Buchhandelskette sorgen dafür, daß das editorische Konzept der Zeitschrift – gute Honorare für hervorragende Inhalte bei freiem Zugang – nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Das funktioniert natürlich nur, weil man sich die teure Herstellung eines Printprodukts ersparen kann. Zunächst ist eine zweiwöchentliche Erscheinungsweise geplant, ab Januar soll der “Salon” wöchentlich erscheinen.

Die erste Ausgabe lockt den Leser unter anderem mit einem Interview mit der Bestsellerautorin Amy Tan, mit einer Kurzgeschichte des schwulen Stadtschreibers von San Francisco Armistead Maupin über seinen Pudel und den Schatten des Todes, mit einem Gespräch mit dem Spionagethriller-Autoren John le Carré über das Leben nach dem Kalten Krieg und den Niedergang des Journalismus, sowie mit einem pikanten Kannibalismus-Report des Globetrotters und Kultjournalisten Douglas Cruickshank. Camille Paglia bekommt wieder einmal Gelegenheit für eine medienwirksame Selbstdarstellung, und auch Internet-Guru Howard Rheingold ist mit von der Partie.

Einer der Höhepunkte der ersten Ausgabe ist die feinsinnige Nabokov-Studie der Romanautorin Mary Gaitskill. Dieser Essay führt auf besonders eindrucksvolle Weise die Möglichkeiten des neuen Mediums vor: Frau Gaitskill erläutert die Subtilitäten der Nabokovschen Prosa, und in behutsam plazierten Hypertext-Links wird der Leser an Textstellen Nabokovs herangeführt, die die Ausführungen der Autorin belegen und illustrieren. Das geschieht kurzweilig und vollkommen unakademisch, und die stilistische Rafinesse des Essays verbindet sich ganz unverkrampft mit der stilistischen Rafinesse seines Gegenstands.

Es wird allerdings nicht jedem Leser gefallen, wenn er am Ende einer tiefgründigen Literaturkritik mit der Aufforderung konfrontiert wird, das besprochene Buch nun online im Versand des Sponsors zu bestellen. Aber das ist wohl der Preis, den man für die kostenlose Zugänglichkeit exzellenter Inhalte zu zahlen hat.

Für den Austausch mit den Lesern plant das “Salon”-Team, sich der besonderen technischen Möglichkeiten des Internets zu bedienen. Es wird moderierte Diskussionsforen zu den verschiedenen Themenbereichen geben. Der gedankliche Austausch der Leser untereinander und mit der Redaktion soll dazu beitragen, aus der Zeitschrift im eigentlichen Sinne einen “Salon” zu machen: ein Forum, in dem nicht nur konsumiert, sondern diskutiert, nachgedacht und Klatsch ausgetauscht wird.

Die hochkarätige Journalisten-Runde in der “Media”-Konferenz der kalifornischen virtuellen Gemeinschaft “The WELL” hat den neuen Stern am amerikanischen Medienhimmel gebührend gefeiert, in stolzer Anwesenheit eines nicht geringen Teils der “Salon”-Redaktion. Eine Frage blieb den Experten von “The WELL” jedoch unbeantwortet: “Wie nimmt man ein so schönes Produkt zum Lesen mit in die Badewanne?”

Erschienen bei Spiegel Online, Anfang Dezember 1995. Genaues Erscheinungsdatum nicht rekonstruierbar

6 Kommentare

  1. Hm, wenn Du schon in der SpOn-Vergangenheit rumkramst, muss ich mich an unsere erste Begegnung erinnern: 1997 beim Burda-Kongress Internet & Politik im Europäischen Patentamt in München. Damals war ich für das andere Nachrichtenmagazin dort und konnte es mir nicht verkneifen, zu den beiden SpOn-Kollegen zu gehen und sie mit Grinsebacken auf ein paar Fehler in ihrem Bericht hinzuweisen. Wie andererseits ein sehr renommierter Kollege mir dort die Hammelbeine langzog, erzähle ich besser nicht. (-;

  2. Schade eigentlich… 🙂

    Ja, der 97er Kongress war so ein ‘defining moment’. Im Umfeld auch die ersten Einsichten in professionelles Content Management: BurdaCom hatte gerade Imperia entwickeln lassen und führte das am Rande des Kongresses vor.

    Und dann die unsäglichen Keynotes von Edmund Stoiber und – fast noch schlimmer – Josef Joffe, damals noch bei der Süddeutschen Zeitung.

    Für mich noch wichtiger war allerdings die Inet ’96 in Montreal.

  3. Na gut, weil ich gerade eigentlich wieder alles andere zu tun habe und dem Eskapismus fröhne, erzähle ich auch diese Episode: Neben Interviews mit Esther Dyson (jessas: Release 1.0!), dem “Internet-Tauss”, Claus Leggewie und Geert Lovink sammelte ich auch längere Statements von Konferenzteilnehmern. Dummerweise versaubeltete ich dabei die Tonbandaufnahme eines relativ bekannten Journalisten (meine zwei linken Hände halt …). Schuldbewußt ging ich noch mal zu ihm hin und schilderte ihm mein Malheur. Er strafte mich nur mit einem bösen Blick. Mist, kein Statement – und als Anfänger blamiert. Ne halbe Stunde später hatte ich das gewünschte Statement von ihm in der Mailbox. Sehr nett, der Mann. (-: – Jetzt muss was gearbeitet werden!

  4. Tja… Ich hatte andere Interviewpartner: Andrew Blau, jung und irrsinnig gescheit, damals für die Benton Foundation unterwegs; Herbert Schiller, älter und auch sehr klug – einer der großen amerikanischen Linken, wenig später verstorben. Und Robert Cailliau, zusammen mit Tim Berners-Lee Erfinder des WWW. Die Interviews waren allesamt Mist, viel zu nerdige Fragen. Rücksicht auf den Publikumsgeschmack hat man mir erst ein Jahr später eingebläut. 🙂

    Nachtrag: Gerade in den Archiven gefunden:Interview mit Andrew Blau Interview mit Herbert Schiller Interview mit Robert Cailliau

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