Im Januar 2002

Eigentlich hätte ich mir dieses Fundstück bis zum 10-jährigen Jubiläum aufheben sollen, aber dafür bin ich zu ungeduldig. Besonders schön finde ich den Beitrag zu einer – schon damals so wahrgenommen – endlosen Diskussion:

Archivierter Beitrag: Weblogs und Journalismus

Lorenz LorenzMeyer am 13. 01. 02, 10:58 AM CET

Die Weblog-Szene diskutiert über das Verhältnis zum Journalismus. Birgit Kellner fragt entnervt: „Kann man sich vielleicht darauf verständigen, dass Vergleiche zwischen Weblogs und Journalismus genauso sinnvoll oder sinnlos sind wie Vergleiche zwischen Fernsehen und Lesen, Telefonieren und E-Mailen, Sprechen und Schreiben, Gehen und Fahren?“ – Naja, nicht ganz… So richtig vergleichbar sind die beiden Tätigkeiten wirklich nicht. Aber zu Birgit Kellners Relata würde mir eine Menge Sinnvolles einfallen.

Die Tätigkeiten der Webloggerin und des Journalisten verhalten sich zueinander eher wie der Begriff des Rollerfahrens zum Begriff des Einkaufens: Der erste Begriff ist die zweckneutrale Beschreibung, in diesem Fall einer Fortbewegungsart, während der zweite eine Beschreibung ist, die einen Vorgang von ihrem Zweck her auffasst. Auch dieser Vorgang setzt im Normalfall eine Form der Fortbewegung voraus, aber der Begriff lässt offen, welche man wählt.

Wir können durchaus sinnvoll fragen, ob der Roller ein geeignetes Fortbewegungsmittel auch für Einkäufe ist. Und genau so können wir darüber diskutieren, ob Weblogs ein geeignetes Vehikel für journalistische Inhalte sein können. Ich persönlich wüsste keinen guten Grund, warum dies nicht der Fall sein sollte.

Natürlich sind nicht alle Weblogger Journalisten, und der Begriff des Journalismus wird sich – bei aller Dehnbarkeit, die ihm eigen ist – auch in absehbarer Zeit nicht so weit aufweichen, dass er alle ins Netz gestellten Tagebücher und Surfnotizen mit abdeckt. Aber wenn man sich anschaut, was zum Beispiel in den USA Journalisten wie Andrew Sullivan, Virginia Postrel oder J. D. Lasica mit ihren Logs machen – warum sollte das nicht zumindest Bestandteil ihrer journalistischen Arbeit sein? Sullivan, Postrel und Co. haben sogar ganz nebenbei mit ihren tipping points ein neues ‚Geschäftsmodell‘ für den Online-Journalismus ausprobiert – Inhalt gegen Spenden.

Die wahre Bedeutung der Weblog-Szene für den Journalismus ist jedoch eher eine indirekte. Nach den überblähten Vorstellungen und Hoffnungen, die die meisten Verlage während des dotcom-Booms gehegt haben, und mit denen viele in den letzten Monaten ihre Projekte an die Wand gefahren haben, illustrieren die Weblogs ein paar essentielle Punkte:

  1. Online-Publishing kann auch ohne großen technischen und organisatorischen Aufwand betrieben werden.
  2. Das Internet benötigt und entwickelt seine eigenen Formate.
  3. Der rote Faden einer subjektiven Chronologie hilft, die Überfülle im Web vorhandener Inhalte verdaubar zu machen.
  4. Geschwindigkeit und Direktheit sind Erfolgskriterien für das Publizieren im Netz.

Die wichtigste Lehre aus den Weblogs aber ist: Die Qualität der Inhalte hängt von der Qualität ihrer Autoren ab. Nur in Freiheit, mit Intelligenz und Liebe kommen spannende Dinge zustande. Da nützen keine noch so hippen Marketing-Konzepte.

Hey, ich habe damals Weblogs als „Logs“ abgekürzt…!!