’cause the city’s dyin’ / And they don’t know why

Mein Sozialleben leidet. Schuld daran ist wieder eine TV-Serie. Nach den vielen, vielen Abenden, die ich mit dem Team von Jed Bartlet verbracht habe, heißen meinen Begleiter jetzt schon seit Wochen Bubbs, McNulty, Kima Gregg oder Avon Barksdale. Das Portrait, das Ex-Polizeireporter David Simons und Ex-Cop Ed Burns in der HBO-Serie „The Wire“ von der US-amerikanischen Küstenstadt Baltimore zeichnen, ist gnadenlos, spannend, zugleich düster und humorvoll, voller Menschlichkeit. Wer die Stadt vornehmlich aus den Romanen von Anne Tyler kennt, wird sie hier allerdings kaum wiedererkennen.

Gerade habe ich ein lesenswertes Interview gefunden, das der britische Erfolgsautor Nick Hornby im letzten August mit David Simon geführt hat.

David Simon erklärt darin, dass die Serie sich vom, wie er es nennt, „Shakespearean model“ einer Darstellung des modernen Menschen löst, der in einem kathartischen Moment die Institutionen, die Mächte des Schicksals überwindet. Das Modell von The Wire sei archaischer, fatalistischer:

The Wire is a Greek tragedy in which the postmodern institutions are the Olympian forces. It’s the police department, or the drug economy, or the political structures, or the school administration, or the macroeconomic forces that are throwing the lightning bolts and hitting people in the ass for no decent reason.

In diesem Sinn war es zugleich die Absicht der Autoren, mit der Serie ein umfassendes Panorama US-amerikanischer Stadtkultur zu präsentieren,

„a show that would, with each season, slice off another piece of the American city, so that by the end of the run, a simulated Baltimore would stand in for urban America, and the fundamental problems of urbanity would be fully addressed.“

Um den manchmal wirklich unglaublichen Effekt unmittelbarer Nähe zu erreichen, verfolgte das Team, zu dem neben Simon und Burns noch eine Reihe weiterer erstklassiger Autoren gehören, eine einfache Maxime: „Fuck the average reader!“ Das heißt, jedes Milieu musste in der Sprache, im Verhalten, in den Lebensbedingungen so dargestellt werden, dass auch Insider sich adäquat beschrieben fühlten. Simon:

[I]n terms of dialogue, vernacular, description, tone—I want a homicide detective, or a drug slinger, or a longshoreman, or a politician anywhere in America to sit up and say, Whoa, that’s how my day is.

Der ‚average reader‘ bleibt dabei letztlich nicht auf der Strecke:

[I]f you write something that is so credible that the insider will stay with you, then the outsider will follow as well.

Der Realismus der Serie produziert teilweise lustige Effekte. Es gibt Berichte, dass Gangs in anderen Städten Tricks der Wire-Drogenbanden übernommen haben. Die Angst vor einem Portrait der Tageszeitung „Baltimore Sun“, das im Mittelpunkt der fünften Staffel steht, war so groß, dass ein Freund des Chefredakteurs schon im Vorfeld der Ausstrahlung einen länglichen Artikel im renommierten US-Monatsmagazin „Atlantic Monthly“ veröffentlichte, in dem er sich bemüht, den zu erwartenden Gemeinheiten des Wire-Autorenteams den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Irgendwann wird „The Wire“ auch ins deutsche Fernsehen kommen, fürchte ich. Dann werden deutsche Synchronsprecher mit der Serie das gemacht haben, was Hartmut Mehdorn mit dem Berliner Hauptbahnhof veranstaltet hat. Nein, besser nicht warten. Jetzt bestellen, im englischen Original anschauen, mit Untertiteln zur Sicherheit.

(Die Überschrift dieses Postings ist ein Vers aus Randy Newmans Song „Baltimore“.)