Eigentlich sollten wir abtreten

Letzten Dienstag abend stand ich völlig unerwartet einem der Chefredakteure von Neon gegenüber. Mit dem üblichen Taktgefühl hab ich die Gelegenheit gleich genutzt und ihm von einem Stimmungswandel unter meinen Studenten berichtet: „Neon? Super, muss man unbedingt lesen!“ oder „Da möchte ich später arbeiten!“, lauteten noch vor zwei Jahren die Standardreaktionen auf das Münchner Magazin. Und heute? „Langweilig!“ – „Ich hab doch keine Lust, jeden Monat die gleichen Geschichten zu lesen!“

Um einmal Carrie-Bradshaw-mäßig ein paar Fragen in den Raum zu stellen: Brauchen Redakteure eines Jugendmagazins vielleicht ein Verfallsdatum? Oder dürfen sie – wie Neon-Chef Timm Klotzek und einige seiner Kollegen – in Dienst und Ehren ergrauen?

Die Neon-Truppe jedenfalls will nicht so schnell freiwillig abtreten. Sie hat erstmal auch keinen Grund dazu: Trotz der Signale aus meiner kleinen focus group verkauft sich die Zeitschrift momentan so gut wie nie. Außerdem hat man sich noch etwas anderes einfallen lassen: Neon hat gerade ein Recherchestipendium für junge Journalisten ausgeschrieben. Jeweils 10.000 Euro gibt es „für die fünf lohnenswertesten Geschichten“. Grauenhaftes Deutsch, aber eine gute Idee. Ich würde jetzt gerne behaupten, dass mein kleines Gespräch mit dem Chefredakteur dazu den Anstoß gegeben hat. Aber ich weiß zu viel über die Schwerfälligkeit von Entscheidungsprozessen in Großverlagen, um daran zu glauben – zumal wenn so viel Geld im Spiel ist. Schade eigentlich…

5 Kommentare

  1. „Berufsjugendliche“ nannte mein Vater das früher. – Ich habe jahrelang für eine Tageszeitung eine wöchentliche Kolumne geschrieben, die hieß „Junge Szene“. Ich kann mich noch erinnern, wie ich einmal am Computer saß und mir besonders flockige Formulierungen einfallen ließ – und mich irgendwie nicht mehr dazugehörig und ziemlich alt für diesen Job fühlte. Da war, glaube ich, gerade mein erstes Kind auf der Welt. Ich war 26. Und hatte das Gefühl, dass langsam mal die nächste Staffel den Stab übernehmen sollte. Kurze Zeit später gab’s dann einen Relaunch. Da fiel das sowieso weg. Ich habe dann statt dessen im selben Blatt wiederum einige Jahre lang Glossen über Kinder und Familienleben geschrieben – die hatten sogar einige richtige Fans. Aufhören musste ich damit, als meine Kinder lesen konnten und sich das energisch verbeten haben. Es ist vermutlich nur noch eine Frage sehr kurzer Zeit, bis meine Kinder Glossen über das Zusammenleben mit einer leicht angejahrten Bloggerin veröffentlichen werden…

  2. 🙂 Schau mal: Die ersten Skrupel mit 26! Die Nachrichtenredaktion von sohu.com, einem der größten Internetportale Chinas, hat (bei ca 60 Redakteurinnen und Redakteuren) ein Durchschnittsalter von ungefähr 25. Ich bin weiß Gott kein Anhänger irgendeines Jugendkults. Jedes Alter hat seine guten Verwendungen, auch in den Medien. Aber wenn der Journalismus ein Absatzproblem bei jungen Zielgruppen hat, würde ich mir doch mal Gedanken machen, ob es die richtigen Leute sind, die dort zu Wort kommen.

  3. Weiß denn jemand zufällig, wie das Durchschnittsalter bei zoomer.de ist (wenn man Wickert mal rauslässt…) ?

    Die kommen nämlich auch irgendwie nicht bei „uns“ an. Oder zumindest nicht bei meiner „focus group“.

  4. Ich zitier mal aus meinem Eintrag im Studiengangsblog:

      „Die Truppe ist einigermaßen jung – die beiden Chefs Neumann und Syré (beide kommen übrigens von T-Online) behaupten von sich, die einzigen im Team zu sein, deren Alter mit einer “4″ beginnt (noch eindrucksvoller fände ich es, wenn hier eine “3″ stehen würde). Im Eröffnungsvideo ist es dann doch ein Senior mit Promifaktor, der die Leser/Nutzer begrüßt: Tagesthemen-Pensionär Ulrich Wickert.“
    Aber dafür, dass die nicht so richtig ankommen, gibt es vermutlich auch noch andere Gründe.

  5. Ich bin 27 und ich lese die NEON immer noch gern. (-;

    Aber nicht, weil ich diese mit eigener Meinung eingefärbten Geschichten, oder das Schreiben im Internet-Style so toll finde, sondern weil es ein schöner Zeitvertreib ist. Man kann die NEON lesen, ohne sich besonders zu konzentrieren. Man muss die Texte nicht von Anfang bis Ende lesen – ein Teil langt meistens.

    Für mich ist die NEON, was früher das Zappen im Fernsehen war. Das geht heute leider gar nicht mehr, da Fernsehen mittlerweile so unterirdisch schlecht geworden ist, dass ich mich schon „fremdschäme“ bevor ich einschalte…

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