Lesegewohnheiten

In den letzten Tagen hatte ich begonnen, den ersten Roman von Philip Pullmans Prequel-Serie zur legendären Dark-Materials-Trilogie, zu lesen. Ich hatte La Belle Sauvage als E-Book bei den Berliner Öffentlichen Bücherhallen ausgeliehen, und die Leihzeit ging heute zu Ende, obwohl ich erst bis zur Hälfte des Romans vorgedrungen war. Natürlich gibt es bereits eine Warteschlange, und so muss ich mich jetzt erstmal ein bisschen gedulden, bis ich weiterlesen darf. Pullman schreibt gut, das Buch ist eine typisch immersive Young-Adult-Leseerfahrung, es umgarnt und fängt seine Leser*innen ein, man vergisst beim Lesen die Zeit.

Eric Ravilious: The Vale of the White Horse (1939, Bild: Public Domain)

Bei einem anderen Buch von meinem Lesestapel der Advents- und Weihnachtszeit ist die Lese-Erfahrung eine andere gewesen: The Old Ways von Robert MacFarlane ist ebenfalls hervorragend geschrieben, geradezu hypnotisch. Aber hier gibt es zum zentripetalen, hineinziehenden Sog des Textes eine gegenläufige, zentrifugale Kraft. Ich habe das Buch auf dem Kindle Paperwhite gelesen, aber immer ein zweites Gadget zur Hand gehabt, idealerweise das iPad, mindestens aber das Smartphone. Diese dienten mir dazu, den vielen Spuren weiter zu folgen, denen der Text selbst nachgeht, die aber auch aus ihm und über ihn hinausweisen.

Der Broomway im britischen Wattenmeer nördlich der Themsemündung ist einer der gefährlichsten Wanderwege Großbritanniens (Foto: Helen Miller / Wikimedia Commons)

MacFarlane schreibt über Wege, darüber, was das Wandern, das Begehen oder Befahren von Wegen mit Menschen macht, über die Berührungsflächen von Naturerfahrung, Leben und Kunst. Und es sind natürlich zunächst die Landschaften, die einen neugierig machen, viele davon entlegen, wie die Inselgruppe der Äußeren Hebriden oder ein Teil des Himalaya-Gebirges in der chinesischen Provinz Sichuan. So ist meine erste Anlaufstelle für gewöhnlich Google Maps gewesen, wo ich mit Karten- und Satellitenansichten in die besuchten Gegenden eingetaucht bin und nach Möglichkeit von den hinzugeschalteten Fotos Gebrauch gemacht habe.

Auf der entlegenen Felseninsel Sula Sgeir im Nordatlantik werden einmal im Jahr von örtlichen Fischern die jungen Basstölpel (Gugas) gejagt, die auf den Äußeren Hebriden als Delikatesse gelten (Foto: CC / Robert MacFarlane)

Aber für MacFarlane ist die Naturerfahrung immer auch verbunden mit menschlichen Begegnungen – sei es mit aktuellen Begleitern, sei es mit literarischen oder anderweitig künstlerischen Vorgängern. Die meisten von denen haben ihre eigenen Spuren im Internet hinterlassen. Und so habe ich mich beim Lesen seines Buches ständig verlaufen und verloren, bin hängen geblieben zum Beispiel bei den folgenden Persönlichkeiten:

  • Ian Stephen – Segler, Dichter, Geschichtenerzähler, bildender Künstler und experimenteller Heimatkundler von der Insel Lewis
  • Steve Dilworth – Landschaftskünstler und Bildhauer ebendort, der in seinen Werken Dinge versteckt
  • Nan Shepherd – 1981 verstorbene schottische Dichterin und Bergsteigerin, die die Cairngorm Mountains zum Schauplatz ihrer mystischen Naturerfahrung gemacht hat
  • Eric Ravilious – im 2. Weltkrieg gefallener britischer Maler und Illustrator, berühmt für seine Aquarelle, vor allem von den South Downs und anderen englischen Landschaften
  • Edward Thomas – einflussreicher walisischer Schriftsteller und Dichter, der erst kurz vor seinem Tod während der Schlacht von Arras im 1. Weltkrieg begonnen hatte, Gedichte zu schreiben

Dieses explorative Lesen erzeugt bei mir einen suggestiven Flow, der mich beglückt und an meine frühen intellektuellen Entdeckungsreisen in den späteren Schul- und frühen Universitätsjahren erinnert.

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