Der wichtigste Mentor

Willy Stöwer: Der Untergang der Titanic (coloriert) (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Und dann ist da noch ein Buch, das mich gerade begleitet: Der Untergang der Titanic von Hans Magnus Enzensberger. Man kann sich kaum ein passenderes Werk für unsere Zeiten eines fortschreitenden Gletscherabbruchs vorstellen. Enzensbergers apokalyptische ‚Komödie‘ ist in meinen Augen ein wirklich großes und zugleich erstaunlich zugängliches Werk der deutschen Nachkriegsliteratur, seine Dimensionen, Verweis- und Bedeutungsebenen sind so vielfältig wie seine Tonlagen und Stimmungen. Enzensberger nimmt uns mit nach Kuba, wo er noch in den 60er Jahren die erste Version fertiggestellt hatte, die dann auf dem Seeweg nach Paris verscholl. Er lädt uns ein ins Berlin der 70er Jahre mit seinen politischen Verwerfungen und Desillusionierungen, und natürlich verbringt er uns in den nächtlichen Nordatlantik im April 1912, wo wir sein literarisches Ich am Ende treibend zwischen den Koffern der Opfer zurücklassen werden. Dazwischen gibt es kurze Exkurse in eine teils fiktive Kunstgeschichte. Alles das bezeugt heute eine geradezu prophetische Qualität.

Hans Magnus Enzensberger im Jahr 2013
(Foto: Felix König / Wikimedia Commons)

Enzensberger, der im November 90 Jahre alt geworden ist, ist für mich und meine Generation wahrscheinlich der wichtigste intellektuelle Mentor der vergangenen Jahrzehnte gewesen, herausragend selbst gegenüber Altersgenossen wie Alexander Kluge oder Jürgen Habermas. Es ist kaum zu ermessen, was alles Enzensberger zu unserer intellektuellen Biographie beigetragen hat: Als wir anfingen, selbständig zu lesen, waren seine Gedichte bereits da, zeigten Haltung, Skepsis und Humor ohne den etwas ranzigen pädagogischen Habitus eines Bertolt Brecht. Außerdem hatte Enzensberger bereits 1957 mit seiner Kritik an der Sprache des SPIEGEL gewissermaßen die Blaupause für jede intelligente Medienkritik geliefert und uns mit der Nase auf die ‚Maschen‘ des Medienbetriebs gestoßen. Es folgte die Gründung des Kursbuchs als Prototyp einer Publikation, die mit einer Mischung aus Literatur, Politik und Feuilleton auf höchstem Niveau einen ganz wesentlichen Beitrag zum Verständnis aktueller Entwicklungen lieferte.

Auschwitz, Beckett, Sartre – so ging es los mit dem Kursbuch

Das Kursbuch verweist bereits auf eine Rolle Enzensbergers, in der er vielleicht am meisten glänzte: Als genialer Kurator – nicht nur deutscher, nicht nur europäischer, sondern weltweiter sozialer und geistiger Prozesse. Das Museum der modernen Poesie, das er 1960 herausgab, ist nicht nur eine der interessantesten Sammlungen moderner Dichtung, es setzte auch damit Maßstäbe, dass es fremdsprachige Lyrik konsequent auch in der Originalsprache bereitstellt, und damit dazu einlädt, den miefigen Provinzialismus des deutschen Kulturbetriebs zu überwinden. Mit der Anderen Bibliothek widersetzte sich Enzensberger hartnäckig den Mechanismen des konventionellen, bestsellerorientierten Buchmarktes und öffnete unseren Blick für teils vergessene oder marginalisierte literarische Qualität, als früher Vorreiter der heute immer wieder propagierten ‚Slow Media‘.

Enzensbergers typische Mischung aus unstillbarer Neugier, analytischem Scharfsinn und künstlerischer Fertigkeit hat mich über die Jahre immer und immer wieder bereichert. Ich erinnere mich, als ich 1986 Jahre zum erstenmal in Lissabon war, erschien just zu diesem Moment in der ZEIT Enzensberger großartiger Reiseessay über Portugal, und ich konnte ihn in einem Café am Rossio-Platz lesen. Schlagartig gewann alles um mich herum an Kontur, an historischer und kultureller Bedeutung. Im Gedächtnis geblieben sind mir zum Beispiel Enzensbergers Reflexionen über die kuriose Neigung der Portugiesen zum Paranormalen, zur Spökenkiekerei, die ich gleich anhand unzähliger einschlägiger Zeitschriftentitel an den Lissaboner Kiosken bestätigte.

Platz der Spione: Der Rossio in Lissabon (Foto: Ceinturion / Wikimedia Commons)

Nun ist er also alt geworden, der Meister. Eigentlich unvorstellbar. Kürzlich hörte ich ihn auf einer Autofahrt in einem Radiogespräch, ohne zu wissen, wer dort befragt wurde. Auch das war eine Lektion für mich, eine Gelegenheit, über die besondere Perspektive des hohen Alters nachzudenken, in der viele Dinge aus der Blütezeit des Erwachsenenlebens an Bedeutung verlieren, in den großen Schatten treten, der bald alles einnehmen wird. Scheinbar einfache Dinge, Beobachtungen oder unmittelbare Zusammenhänge werden wichtiger, größer. Gleichzeitig zeigt sich eine charakteristische, beinahe kindliche Einfalt. Als im Abspann klar wurde, wessen brüchige, aber weiterhin kluge, sympathische Stimme ich dort gehört hatte, sagte ich mir: So ist er denn schließlich auch dort angekommen. Danke für alles!

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