Anschaulichkeit, Storys, Relotius

  »Nun aber haben Guido, Özlem und ich Deinen Text gelesen und sind uns einig, dass Dir damit ein ganz starkes Stück gelungen ist. Du hast einen wesentlichen Teil der amerikanischen Gesellschaft unters Mikroskop gelegt und mit leisen Tönen einen Text geschrieben, der einem endlich klarmacht, was da los ist.«

Matthias Geyer an Claas Relotius über dessen Reportage „In einer kleinen Stadt“

Gekonntes Storytelling ist ein mächtiges Instrument. Zu Recht werden kognitionswissenschaftliche Erkenntnisse herangezogen, um die Macht der Anschaulichkeit für unser Weltverständnis zu belegen. Anhand von Storys lernen wir wie Kinder, und das heißt: schnell und nachhaltig. 

Gleichzeitig ist es jedoch genau diese Stärke des Storytelling, die auch seinen größten und gefährlichsten Nachteil markiert. Nicht umsonst haben wir uns einzel- und stammesgeschichtlich mühsam aus der Kindheit ins Erwachsenenalter hervorgearbeitet. Denn das Lernen am anschaulichen Beispiel kann das eigenständige Erfassen komplexerer und abstrakterer Zusammenhänge leider nicht ersetzen. Und mit Storys können wir ebenso leicht manipulieren wie aufklären.

Meine Kollegin Silke Heimes hat in einem Forschungsprojekt die Baumuster erfolgreicher Erzählstrategien untersucht, und sie hat sich dazu sowohl fiktionale Kurzgeschichten als auch journalistische Reportagen angeschaut. Einer ihrer Befunde: die Erfolgskriterien für eine ‚gut geschriebene‘ Story sind in beiden Fällen dieselben. 

Für die journalistische Reportage erwarten wir jedoch, dass sie – im Gegensatz zur fiktionalen Kurzgeschichte – wahr ist. Hier, an der Spannung zwischen Wahrheitsanspruch und schriftstellerischen Erfolgskriterien, setzen die Fälschungsskandale der letzten Zeit an: Janet Cooke (1981), Michael Born (1996), Stephen Glass (1998), Tom Kummer (2000), Jayson Blair (2003), und jetzt Claas Relotius (2018) – die Reihe derer ist lang, die im Journalismus den Wahrheitsmaßstab für eine ‚gute‘ Geschichte geopfert haben. 

Doch das Problem mit dem journalistischen Storytelling liegt nicht nur in den Erfolgskriterien Aufbau, Personal, Dramaturgie, und der Versuchung um ihretwillen zu schummeln. Es liegt auch darin, dass journalistische ebenso wie fiktionale Storys eine wesentliche Bedeutungsebene haben, die über die strikten Wahrheitsbedingungen der in ihnen aufgestellten Tatsachenbehauptungen hinausgeht. Schauen wir uns dafür ein einfaches Schaubild an: 

Die Story beschreibt einen tatsächlichen oder erfundenen Weltausschnitt. Ob tatsächlich oder erfunden, darin unterscheiden sich Journalismus und Fiktion. Beide jedoch beanspruchen im Normalfall, dass dieser beschriebene Weltausschnitt in irgendeiner Weise beispielhaft für ein größeres Ganzes steht. Genau diese Beziehung ist es, die gemäß dem oben angeführten Zitat von Matthias Geyer die Leitung des SPIEGEL-Gesellschaftsressorts an Claas Relotius‘ Reportage „In einer kleinen Stadt“ bewundert hat: Er habe „einen wesentlichen Teil der amerikanischen Gesellschaft unters Mikroskop gelegt“ und damit „endlich klar[ge]macht, was da [in der amerikanischen Gesellschaft] los ist“. So, über die Bedeutungsebene der Exemplifikation, erzählen uns die meisten Reportagen etwas über die Welt, und genau so verhält es sich auch bei Kurzgeschichten. 

Die Gefahr liegt nun in der Tatsache, dass man mit einer Story über diese Exemplifikationsbeziehung nahezu jede These über eine Gesellschaft, über ein größeres Ganzes untermauern kann. Denn es wird sich immer ein passender Weltausschnitt finden, den man als beispielhaft ausgeben kann. Hat man diesen identifiziert, dann ist es nur noch eine Frage der handwerklichen Durchführung, wie glaubhaft das Ganze wirkt.

Insofern ist das zentrale Problem nicht unbedingt, ob die Reportagen von Relotius und Konsorten buchstäblich wahr oder erfunden sind. Es besteht eher darin, dass bislang kein journalistisches Fact Checking der Welt diese Exemplifikationsbeziehung überprüft und nachschaut, ob es sich denn in dem implizit angepeilten größeren Ganzen tatsächlich überwiegend so verhält, wie in der Story. Ob zum Beispiel die USA wirklich so sind, wie es von der erfundenen oder wirklichen Kleinstadt Fergus Falls berichtet wird.

Vor diesem Hintergrund bekommt der Relotius-Skandal noch eine weitere Dimension, die über die kriminellen Fabrikationen seines Protagonisten hinausgeht. Ohne den Skandal und die dadurch erzwungene gründliche Aufklärung durch die Kommission wäre es vermutlich kaum jemandem aufgefallen, dass viele SPIEGEL-Reportagen sozusagen deduktiv angelegt waren. Das heißt: Statt aus dem konkreten Einzelfall Erkenntnisse zu gewinnen, waren sie im Hinblick auf ein vorgegebenes Argumentationsziel konzipiert und gecastet. Das Potential für eine Irreführung des Publikums ist groß, und die Gefahr bislang weitgehend unreflektiert.

Nun will ich natürlich nicht für eine Abschaffung der Reportage als journalistischer Form plädieren. Im Gegenteil, ich denke, wir können und sollten uns den Verführungswert der Anschaulichkeit durchaus zunutze machen. Aber wir müssen als Journalisten lernen, davon einen bewussteren und redlicheren Umgang zu machen. Dort, wo wir eine Geschichte mit dem Anspruch auf Beispielhaftigkeit erzählen, müssen wir diesen Anspruch, möglichst im selben Stück, belegen, müssen die implizite Exemplifikationsthese mit Zahlen und harten Fakten untermauern. Story, Daten und Analysen sind keine zu trennenden Welten, sie gehören direkt zusammen. 

Und natürlich wird es weiterhin auch Geschichten über den Ausnahmefall, das Besondere und Untypische geben. Aber auch das sollte genau in diesem Sinne transparent gemacht werden: So wie in dieser Geschichte geht es sonst nirgends zu.

2 Kommentare

  1. English version (thx to DeepL):

    MIND WORKS/ONLINE PUBLISHING

    Vividness, Stories, Relotius

    Published on 13 June 2019 by Lorenz Lorenz-Meyer

    „But now Guido, Özlem and I have read your article and agree that you have done a very good job. You’ve put an essential part of American society under the microscope and written a text with quiet tones that finally makes it clear what’s going on there.“

    Matthias Geyer to Claas Relotius about his reportage „In einer kleinen Stadt“ (In a small town)

    Skilful storytelling is a powerful instrument. Cognitive science findings are rightly used to prove the power of vividness for our understanding of the world. Stories help us learn like children, and that means: quickly and sustainably.

    At the same time, however, it is precisely this strength of storytelling that marks its greatest and most dangerous disadvantage. There is a reason that we have laboriously worked our way up from childhood to adulthood, both in terms of individual and tribal history. Learning from a vivid example unfortunately can’t replace the independent grasping of more complex and abstract contexts. And with stories we can as easily manipulate as we can enlighten.

    In a research project, my colleague Silke Heimes examined the models of successful narrative strategies, and she looked at both fictional short stories and journalistic reports. One of her findings: the success criteria for a ‚well written‘ story are the same in both cases.

    For journalistic reportage, we expect it to be true – in contrast to fictional short stories. It is here, in the tension between the claim to truth and the literary criteria for success, that the forgery scandals of recent times begin: Janet Cooke (1981), Michael Born (1996), Stephen Glass (1998), Tom Kummer (2000), Jayson Blair (2003), and now Claas Relotius (2018) – the list of those who have sacrificed the standard of truth for a ‚good‘ story in journalism is long.

    But the problem with journalistic storytelling lies not only in the success criteria of structure, personnel, dramaturgy, and the temptation to cheat for their sake. It also lies in the fact that both journalistic and fictional stories have an essential level of meaning that goes beyond the strict truth conditions of the factual assertions made in them. Let us look at a simple diagram for this:

    The story describes an factual or invented part of the world. Whether it’s factual or invented, that’s where journalism and fiction differ. Both, however, normally claim that the described fragment of the world is in some way exemplary for a larger whole. It is precisely this relationship that, according to the above quote by Matthias Geyer, was admired by the heads of the SPIEGEL Society department in Claas Relotius‘ report „In einer kleinen Stadt“: He had „put a substantial part of American society under the microscope“ and thus „finally made clear what is going on [in American society]“. Thus, through the symbolic level of exemplification, most reports tell us something about the world and the same applies to short stories.

    The danger now lies in the fact that one can underpin with a story almost any thesis about a society, or any larger whole, through this relationship of exemplification. Because there will always be a suiting fragment of the world that you can display as a typical example. Once this has been identified, it is only a question of the craftsmanship involved how credible the whole thing is.

    In this respect, the central problem is not necessarily whether the reports by Relotius and his associates are literally true or invented. It’s rather that so far no journalistic fact checking of the world examines this relationship of exemplification and looks up whether the implicitly targeted larger whole actually behaves predominantly as told in the story. Whether, for example, the US really are as it is reported from the invented or real small town of Fergus Falls.

    Against this background, the Relotius scandal takes on another dimension that goes beyond the criminal fabrications of its protagonist. Without the scandal and the thorough clarification by the Commission that it brought about, hardly anyone would have noticed that many SPIEGEL reports were, so to speak, deductive. In other words, instead of gaining insights from the concrete individual case, they were conceived and cast with a view to a given goal of argumentation. The potential for misleading the audience is great, and the danger has so far been largely unreflected.

    Now, of course, I don’t want to plead for the abolition of reportage as a journalistic form. On the contrary, I think we can and should take advantage of the seductive value of vividness. But as journalists we must learn to be more aware and honest in our use of it. Where we tell a story with a claim to exemplariness, we must prove this claim, if possible in the same piece, and support the implicit exemplification thesis with numbers and hard facts. Story, data and analyses are not worlds to be separated, they belong directly together.

    And of course there will continue to be stories about the exceptional, the special and the untypical. But this should also be made transparent in this sense: There is not anything like in this story anywhere else.

    Translated with the help of http://www.DeepL.com/Translator

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