Fakten vs. Meinungen

Für die weiteren Überlegungen möchte ich zunächst versuchen, eine größere Unklarheit zu beseitigen, die viele Menschen verwirrt. Es geht um den Unterschied zwischen faktenbasiertem und meinungsbasiertem Journalismus. Ich glaube, wir haben es hier nicht mit nur einem Unterschied zu tun, sondern mit zwei Unterschieden. Das liegt, wie ich zeigen werde, an einer subtilen Zweideutigkeit des Begriffes “Meinung”. Beide Lesarten dieses Begriffs und die darauf basierenden Unterscheidungen sind darüber hinaus für unsere weiteren Überlegungen außerordentlich wichtig.

Beginnen wir mit ein bisschen Lehrbuchwissen: Im Journalismus unterscheiden wir zwischen informierenden Darstellungsformen, wie der Nachricht, und meinungsäußernden Darstellungsformen, wie dem Kommentar.

Das ist schon auf den ersten Blick etwas irreführend, denn natürlich informiert uns auch die Lektüre eines Kommentars, nämlich über die Meinung der Kommentator*in. Gemeint ist also eher, dass es in der Nachricht um Fakten in der Welt, unabhängig von der Psyche von Journalist*innen geht, während der Kommentar uns darüber Auskunft geben soll, zu welcher Meinung oder Überzeugung die Kommentator*in nach Abwägung aller bekannten Argumente gekommen ist.

Wenn wir noch etwas genauer hinsehen, werden wir jedoch feststellen, dass auch diese Darstellung die Sache nicht wirklich trift, dass noch etwas anderes hier eine Rolle spielt. Denn die Kommentator*in wird in ihrem Kommentar – sagen wir zum Rücktritt Theresa Mays – nicht kundtun wollen, dass sie nach langer und reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gelangt ist, dass Theresa May wirklich zurückgetreten ist. Das ist eher eine Situation, in der sich Nachrichtenredakteure zum Beispiel in unübersichtlichen Nachrichtenlagen wiederfinden, wenn sie für eine Nachricht erst eine einzige, und möglicherweise nicht 100%ig verlässliche Quelle haben, und dann nach und nach weitere Bestätigungen eintrudeln. Erst dann, so gebietet es die Sorgfaltspflicht, sollte die Meldung an die Öffentlichkeit gebracht werden.

Nein, die Meinung, die im Kommentar zu Theresa Mays Rücktritt zum Ausdruck gebracht wird, wird eher zum Inhalt haben, wie die Kommentator*in diesen Rücktritt findet: ob es eine gute oder eine schlechte, eine rechtzeitige oder überfällige Aktion war. Mit anderen Worten, es handelt sich um eine Meinung wertenden Inhalts, nicht darüber wie die Welt faktisch ist, sondern darüber wie sie sein sollte:

  • Wenn Theresa May zum richtigen Zeitpunkt getan hat, was sie hätte tun sollen, dann war es eine gute Entscheidung.
  • Wenn Sie hingegen den Zeitpunkt verpasst oder etwas getan hat, was sie nicht hätte tun sollen, dann war es eine schlechte Entscheidung.

In verschiedenen philosophischen Disziplinen wird die Unterscheidung zwischen deskriptiven und normativen Überzeugungsinhalten oder Aussagen getroffen. Diese können wir uns hier zu eigen machen und sagen: Bei den informierenden (faktenbasierten) Darstellungsformen geht es eher um deskriptive Inhalte, in denen beschrieben wird, was sich auf der Welt de facto zugetragen hat. In den meinungsäußernden (meinungsbasierten) Darstellungformaten geht es eher um normative Inhalte, also darum, wie nach Meinung der Verfasser ein Geschehen bewertet werden sollte.

Bevor wir mit der zweiten Lesart der Unterscheidung von fakten- vs. meinungsbasiertem Journalismus weitermachen, sollte ich noch erwähnen, dass die Geltung von deskriptiven Aussagen oder Meinungsinhalten etwas Objektives ist: Sie sind entweder wahr oder falsch, und welches davon, darüber entscheidet eindeutig die Beschaffenheit der Welt, nicht das Denken und Urteilen der Journalist*in über die Welt. “Da gibt es keine zwei Meinungen”, wie die Alltagsphilosophie weiß. Wenn ich mich über den Fahrplan täusche, verpasse ich den Zug. So einfach ist das.

Wertende Aussagen hingegen haben immer wieder den Ruch der Subjektivität, und die Ethiker und Moralphilosophen tun sich schwer damit, die allgemeine Verbindlichkeit von Regeln (Normen im eigentlichen Sinn) nachzuweisen, die dem subjektiv als “gut” Empfundenen (unseren persönlichen Wünschen) objektiv nachvollziehbare Grenzen setzen.

Kommen wir – wie versprochen – zur zweiten Lesart unserer Unterscheidung. Dazu sollten wir zunächst einen Ausflug in die Philosophiegeschichte unternehmen. In seinem Dialog Theaitetos lässt Platon die Gesprächspartner den Begriff des Wissens diskutieren. Die Definition, der sich die Diskussion dabei am Ende annähert, steht im Kern so immer noch in den Lehrbüchern: Wissen ist wahre, gerechtfertigte Meinung. Dahinter verbergen sich drei Bedingungen, die jede für sich notwendig, und zusammen genommen hinreichend für Wissen sind, in der folgenden Form:

X weiß dass p genau dann, wenn

  1. X glaubt dass p (Meinung)
  2. X ist in ihrem/seinem Glauben, dass p, mit guten Gründen gerechtfertigt (Rechtfertigung)
  3. es ist tatsächlich wahr, dass p

Betrachten wir eine Journalistin Nora (sie ist unsere Person ‚X‘), die gerade auf ihrer Nachrichtenwebsite gemeldet hat, dass Theresa May zurückgetreten ist (der Rücktritt ist unser ‚dass p‘). Nora sollte dies natürlich nur tun, wenn sie weiß, dass Theresa May zurückgetreten ist.

Dass sie dies wirklich weiß, wiederum, würden wir von ihr nicht behaupten, (1) wenn sie gar nicht erst glauben würde, dass der Rücktritt tatsächlich stattgefunden hat. Nora kann nichts wissen, das sie leugnen würde oder zu dem sie keine Meinung hat. Das leuchtet unmittelbar ein, oder?

Aber wir würden ihr auch dann kein Wissen über Theresa Mays Rücktritt zuschreiben, (2) wenn sie für ihre Meinung keine guten Gründe angeben könnte. Wenn sie etwa sagen würde: “Hab ich irgendwo gehört” oder: “Mein Bauch sagt mir, dass es heute so weit ist”, dann würden wir vielleicht erwidern: “Glück gehabt!” oder: „Gut geraten!“, aber wir würden nicht sagen: „Nora weiß, dass Theresa May zurückgetreten ist.“

Und schließlich, und das ist ebenso wichtig wie trivial, würden wir Noras Wissen um Theresa Mays Rücktritt bestreiten, (3) wenn der Rücktritt von Theresa May gar nicht stattgefunden hätte. Sie kann noch so intensiv glauben, dass es passiert ist, kann noch so solide Gründe für ihre Meinung anführen („Es wurde von BBC und drei internationalen Nachrichtenagenturen gemeldet“, „Ich habe gerade Jeremy Corbyn im Fernsehen gesehen, wie er den Rücktritt begrüßt“, etc.), wenn Theresa May nicht zurückgetreten ist, kann Nora auch nicht wissen, dass dies passiert ist.

Hier haben wir nun die Grundlagen für meine zweite Lesart der Unterscheidung von faktenbasiertem vs. meinungsbasiertem Journalismus. Faktenbasiert, so lese ich diesen Begriff hier, ist ein Journalismus erst, wenn er nicht auf bloßen Meinungen (Bauchgefühl, irgendwo gehört,…) basiert. Und das ist nur dann der Fall, wenn erstens das wirklich der Fall ist, was er beschreibt (Wahrheit) und zweitens die Journalisten in ihrer Recherche genug gute Gründe angehäuft haben, die sie darin stützen, dass sie mit Ihrer Darstellung des Geschehens an die Öffentlichkeit gehen (Rechtfertigung). Erst durch diese Evidenz wird gewährleistet, dass es wirklich die Fakten sind, über die berichtet wird, die gewährleisten, dass über sie berichtet wird, und nicht irgendein Bauchgefühl oder ungeprüftes Hörensagen.   

Fassen wir zusammen:

Wenn wir von einem meinungsbasierten Journalismus sprechen, können wir damit zweierlei meinen:

(M1) einen Journalismus, der ein Weltgeschehen bewertet

(M2) einen Journalismus, der sich auf bloßes Meinen stützt, das nicht die Bedingungen des Wissens erfüllt

Wenn wir hingegen von einem faktenbasierten Journalismus sprechen, können wir ebenfalls zweierlei meinen:

(F1) einen Journalismus, der rein deskriptiv ist und sich einer Wertung enthält

(F2) einen Journalismus, der – wie es in anderem Zusammenhang genannt wird – evidenzbasiert ist, also mittels sorgfältiger Recherche für eine Rechtfertigung seiner Aussagen Sorge trägt

Kommen wir abschließend zu einer (vorläufigen) Bewertung dieser vier Varianten. Es ist zunächst klar, dass an (F1) wenig auszusetzen ist: Das nüchterne, wertungsfreie Beschreiben der Welt gehört eindeutig zu den journalistischen Kernaufgaben. (M2) hingegen, darüber können wir uns auch schnell verständigen, ist schlechter Journalismus. Ebenso sicher können wir sein, dass (F2) einen wünschenswerten, guten Journalismus beschreibt. (M2) und (F2) sind also selbst normative Begriffe.

Interessant und schwieriger einzuordnen ist (M1): Darf Journalismus werten? Es scheint Konsens zu sein, dass dies im wohlumrissenen Rahmen der Meinungsseiten in Ordnung und sogar wünschenswert ist. Gleichzeitig soll aber der Ruch einer ‘bloß subjektiven’ Wertung gemäß den nur persönlichen Neigungen der Kommentator*innen vermieden werden. Was es damit auf sich hat, und wie das zu leisten ist, damit werde ich mich in einem der folgenden Beiträge auseinandersetzen, wenn es um die Bedeutung von Argumenten im Journalismus gehen wird.

2 Kommentare

  1. English Version (thx to DeepL):

    MIND WORKS

    Facts versus Beliefs

    Published on 24. May 2019 by Lorenz Lorenz-Meyer

    For the further course of my argument, I would first like to try to eliminate an ambiguity that confuses many people. It is about the difference between fact-based and opinion/belief-based journalism. I think we are not dealing with just one difference here, but with two differences. This, as I will show, is due to a subtle ambiguity in the term „belief“. (Translator’s note: The word „Meinung“ in German carries the meaning of both „belief“ and „opinion“, so some of the following considerations might sound a bit confusing or tedious to the english reader. But that does not strongly affect the main argument.) Furthermore, both readings of this term and the distinctions based on them are extremely important for our further reflection.

    Let’s start with a little textbook knowledge: In journalism, we distinguish between informative forms of journalism, such as news, and opinion-expressing forms of journalism, such as op-ed pieces.

    At first glance this is somewhat misleading, because of course reading a commentary also informs us, namely about the opinion of the commentatorin. What is meant is rather that the news item is about facts in the world, independent of the psyche of journalists, while the op-ed is intended to give us information about the opinion or conviction the commentator*in has come to after weighing all known arguments.

    If we take a closer look, however, we will find that this presentation does not really do the job, that something else plays a role here. Because the commentator in her op-ed – let’s say on Theresa May’s resignation – will not want to announce that after long and careful consideration she has come to the conclusion that Theresa May really has resigned. This is rather a situation in which news editors find themselves in confusing news situations, for example, when they have only one, and possibly not 100% reliable source for a news item, and then gradually further confirmations arrive. Only then, as the duty of care requires, should the report be made public.

    No, the opinion expressed in the commentary on Theresa May’s resignation is more likely to be how the commentator finds this resignation: whether it was a good or a bad, timely or overdue action. In other words, it’s an opinion evaluating the content, not about how the world factually is, but about how it should be:

    • If Theresa May did what she should have done at the right time, then it was a good decision.
    • If she missed the time or did something she shouldn’t have done, it was a bad decision.

    In various philosophical disciplines, a distinction is made between descriptive and normative beliefs or statements. We can appropriate this distinction here and say: The informative (fact-based) forms of journalism are more about descriptive contents, in which it is described what has de facto happened in the world. In the opinion expressing (belief-based) presentation formats it is more about normative contents, how in the opinion of the authors an event should be evaluated.

    Before we continue with the second reading of the distinction between fact-based and belief-based journalism, I should mention that the validity of descriptive statements or belief contents is something objective: they are either true or false, and which of them, clearly determined by the nature of the world, does not depend on the journalist’s thinking and judgement of the world. „There are no two opinions,“ as everyday philosophy knows. If I’m wrong about the timetable, I miss the train. It’s that simple.

    On the other hand, evaluative statements always have the smell of subjectivity, and ethicists and moral philosophers find it difficult to prove the general binding nature of rules (norms in the proper sense) that set objectively comprehensible limits to what is subjectively perceived as „good“ (our personal desires).

    Let us come – as promised – to the second reading of our distinction. To this end, we should first take a trip into the history of philosophy. In his dialogue Theaitetos Plato lets the interlocutors discuss the concept of knowledge. The definition, to which the discussion approaches at the end is in its essence still to be found in the textbooks: Knowledge is true, justified belief. Behind this there are three conditions, each of which is necessary for itself, and together sufficient for knowledge, in the following form: Translated with http://www.DeepL.com/Translator

    X knows that p if and only if

    1. X believes that p (belief)
    2. X is justified in his/her belief that p, with good reasons (justification)
    3. it is actually true that p (truth)

    Let’s look at a journalist Nora (she is our person ‚X‘) who has just reported on her news website that Theresa May has resigned (the resignation is our ‚that p‘). Nora of course should only do this if she knows that Theresa May has resigned.

    That she really knows this, again, we wouldn’t say of her (1) if she didn’t even believe that the resignation actually took place. Nora can’t know anything that she would deny or that she has no opinion about. That makes sense immediately, doesn’t it?

    But we wouldn’t ascribe knowledge of Theresa May’s resignation to her even then, (2) if she couldn’t give any good reasons for her opinion. If she would say, for example, „I heard it somewhere“ or „My gut tells me it’s time today“, then maybe we would say: „Lucky!“ or „Well guessed!“, but we wouldn’t say: „Nora knows that Theresa May has resigned.“

    And finally, and this is as important as it is trivial, we would deny Nora’s knowledge of Theresa May’s resignation, (3) if Theresa May’s resignation had not taken place at all. She can believe as intensely that it happened as possible, she can give the most solid reasons for her opinion („It was reported by the BBC and three international news agencies“, „I just saw Jeremy Corbyn on TV greeting the resignation“, etc.), if Theresa May didn’t resign, Nora can’t know it happened.

    Here we have the basics for my second reading of the distinction between fact-based vs. belief-based journalism. Fact-based, I read this term here, is a form of journalism only if it is not based on mere beliefs (gut feeling, heard somewhere,…). And this is only the case if, firstly, what it describes (truth) is really the case and, secondly, the journalists have accumulated enough good reasons in their research to support them by going public with their account of what is happening (justification). Only this evidence ensures that it is really the facts that are reported that ensure that they are reported, and not some gut feeling or untested hearsay.

    Let’s summarize:

    When we speak of belief-based journalism, we can mean two things:

    (M1) a journalism that evaluates world events (Translator’s note: in english we’d call it ‚opinion-based‘)

    (M2) a journalism based on mere belief, which does not satisfy the conditions of knowledge

    When we speak of fact-based journalism, on the other hand, we can also mean two things:

    (F1) a journalism that is purely descriptive and abstains from a evaluation

    (F2) a journalism, which – as it is called in other contexts – is evidence-based, i.e. which ensures the justification of its statements through careful research

    Let us conclude with a (preliminary) evaluation of these four variants. First of all, it is clear that there is little to criticize about (F1): The sober, value-free description of the world is clearly one of the journalistic core tasks. (M2), on the other hand, is bad journalism. We can also be sure that (F2) describes desirable, good journalism. (M2) and (F2) are themselves normative terms.

    Interesting and more difficult to classify is (M1): Is journalism allowed to evaluate and judge? There seems to be a consensus that this is okay and even desirable within the well-defined framework of the opinion pages. At the same time, however, the smell of a ‚merely subjective‘ evaluation according to the personal inclinations of the commentators should be avoided. What this is all about, and how to put it into practice, is what I will deal with in one of the following articles when it comes to the significance of arguments in journalism.

    Translated with http://www.DeepL.com/Translator

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