Resiliente Rationalität

Am 12. Juni werde ich im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Science Wednesday“ am Mediencampus Dieburg einen Diskussionsimpuls zu folgendem Thema geben: „Virale Infektionen des Diskursraumes. Wie stärken wir das Immunsystem?“

Über den Erkenntnisbeitrag von Metaphern lässt sich generell streiten, und insbesondere Krankheitsmetaphern sind im politischen Diskurs heikel. Man denke an das breite Repertoire entsprechender Schmähungen aus dem rechtsradikalen Umfeld: „linksgrünversifft“ etc. Will man sich auf so ein diskreditierendes Framing nicht einlassen, sollte man auf sprachliche Bildwelten verzichten, die Gesundheit und Krankheit ins politische Feld projizieren.

Dennoch gibt es gelegentlich auch gute Gründe, von dieser Faustregel abzuweichen. „Language is a virus from outer space“, zitiert Laurie Anderson den US-amerikanischen Schriftsteller William Burroughs. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses künstlerische Statement wirklich verstehe, aber bei den aktuellen Formen von Desinformation, destruktiver Emotionalisierung und Polarisierung bietet sich die Virenmetapher aus verschiedenen Gründen an:

  1. Der Verbreitungsweg ist viral: Bestehende Kommunikationsräume sind gewissermaßen der Wirtsorganismus, dessen normale Basisfunktionen – u.a. der rational geprägte Austausch von Gedanken, Präferenzen und Gefühlen – nach dem gezielten Befall durch Bruchstücke von Desinformation oder destruktiver Emotion dazu zweckentfremdet werden, eben noch mehr dieser Bruchstücke von Desinformation und destruktiver Emotion zu generieren und freizusetzen, die sich dann wiederum inner- und außerhalb des betroffenen Kommunikationsraums weiter ausbreiten.
  2. Wie bei echten Viren handelt es sich bei den Schädlingen nicht um eine Lebensform im eigentlichen Sinne, sie sind isoliert betrachtet nicht lebensfähig: Ein Kommunikationsraum, der nur aus Desinformation und dem kommunikativen Ausdruck destruktiver Emotionalität besteht, ist nicht denkbar. Jede geglückte Kommunikation setzt das Vertrauen in weitgehende Wahrheit der Inhalte, Wahrhaftigkeit der Äußerungen und prinzipielles Wohlwollen der Kommunikationspartner voraus.
  3. Wie im Falle echter viraler Infektion missbraucht der Schädling seinen Wirtsorganismus nicht nur zu seiner weiteren Verbreitung, sondern er schädigt diesen auch, oft nachhaltig. Ab einem gewissen Anteil von Desinformation und destruktiver Emotionalität wird das dem kommunikativen Geschehen zugrundeliegende Vertrauen und damit die Kommunikation selbst praktisch sabotiert.

Dies ist also der Befund, der sich auf verschiedene Formen aktueller digitaler Kommunikation anwenden lässt: Auf die perfiden Formen neuer Propaganda, wie sie zum Beispiel die Russen in den sozialen Netzwerken als gegnerisch empfundener Staaten einsetzen, um Zwietracht zu säen und Verwirrung zu stiften. Aber auch auf weniger kontrollierte Formen von Hate Speech oder Trolling, die sich auch ohne strategische Planung fast ungehemmt verbreitet und festgesetzt haben.

Stellt sich die Frage, ob es in unseren Diskursräumen natürliche Abwehrmechanismen gegen solche destruktiven Prozesse gibt, und wie wir – wieder in der Metapher gesprochen – das Immunsystem des rationalen Diskurses durch Unterstützung solcher Mechanismen oder andere Eingriffe gezielt stärken können.

Ein einfaches, aber auf Dauer und in der Breite nicht praktikables und auch nicht empfehlenswertes Verfahren wäre die Quarantäne. Wenn wir nur noch in sterilen geschlossenen Räumen kommunizieren würden, hätten wir kein Infektionsrisiko. Nur gibt es keine wirklich sterilen Kommunikationsräume: Ein gewisses Maß an Irrtum, Verstellung, unangemessener Emotion gehört zum Diskurs dazu und hat auch seinen evolutionären Wert. Wir sollten einander vertrauen, aber doch nicht zu sehr.

Die Aufgabe besteht also darin, Formen des Widerstands zu finden, die den viralen Befall als Tatsache hinnehmen, aber in der Mechanik seiner schädlichen Auswirkungen hemmen. In ein paar folgenden Beiträgen will ich bis zu meinem Veranstaltungstermin am 12. Juni mehrere Vorschläge prüfen, die primär aus dem Bereich des Journalismus stammen. Sie verlassen allesamt das Reich meiner Virusmetapher, aber lassen sich durchaus in ihrem Lichte reflektieren.

1 Kommentar

  1. English Version (thx to DeepL):

    MIND WORKS/SOCIAL ENGINEERING

    Resilient Rationality

    Published on 21. May 2019 by Lorenz Lorenz-Meyer

    On 12 June I will give a discussion impulse to the following topic in the context of the series of events „Science Wednesday“ at the Mediencampus Dieburg: „Viral infections of the discourse space. How do we strengthen the immune system?

    The contribution of metaphors to knowledge can generally be disputed, and in particular disease metaphors are tricky in political discourse. Think of the broad repertoire of corresponding abuses from the right-wing radical environment: „linksgrünversifft“, etc. If one does not want to get involved in such a discrediting framing, one should do without linguistic imagery that projects health and illness into the political field.

    Nevertheless, there are occasionally good reasons to deviate from this rule of thumb. „Language is a virus from outer space,“ Laurie Anderson quotes the American writer William Burroughs. I’m not sure if I really understand this artistic statement, but with the current forms of disinformation, destructive emotionalization, and polarization, the virus metaphor seems to be suited for various reasons:

    • The way it spreads is viral: existing communication spaces are, so to speak, the host organism, whose normal basic functions – including the rationally shaped exchange of thoughts, preferences and feelings – after the targeted infestation by fragments of disinformation or destructive emotion are alienated for the purpose of generating and releasing even more of these fragments of disinformation and destructive emotion, which in turn spread further inside and outside the affected communication space.

    • As with real viruses, the pests are not a lifeform in the true sense, they are not viable when viewed in isolation: a communication space consisting only of disinformation and the communicative expression of destructive emotionality is unthinkable. Every successful communication presupposes trust in the general truth of the contents, truthfulness of the utterances and the basic goodwill of the communication partners.

    • As in the case of genuine viral infection, the pest not only misuses its host organism for its further spread, but also damages it, often sustainably. From a certain amount of disinformation and destructive emotionality, the trust underlying the communicative events and thus the communication itself is practically sabotaged.

    This is therefore the diagnosis that can be applied to various forms of current digital communication: To the perfidious forms of new propaganda, such as those used by the Russians in social networks of rivalling nations to sow discord and create confusion. But also to less controlled forms of hate speech or trolling, which have spread and settled almost unchecked even without strategic planning.

    The question arises as to whether there are natural defence mechanisms against such destructive processes in our discourse spaces, and how we can – again within our metaphor – strengthen the immune system of rational discourse by supporting such mechanisms or by other interventions.

    A simple, but in the long run and in breadth not practicable and also not recommendable procedure would be the quarantine. If we were to communicate only in sterile closed rooms, we would have no risk of infection. But there are no really sterile communication spaces: a certain amount of error, deceit, inappropriate emotion is part of the discourse and also has its evolutionary value. We should trust each other, but not too much.

    So the task is to find forms of resistance that accept viral infestation as a fact, but inhibit the harmful effects of its mechanics. In a few of the following contributions, I will examine several proposals, primarily from the field of journalism, before the time of my event on June 12. They all leave the realm of my virus metaphor, but can be reflected in their light.

    Translated with http://www.DeepL.com/Translator

Kommentare sind geschlossen.