Einundsechzig

Schinkels Nationaldenkmal, Weinberge am Viktoriapark. Mindestens drei italienische Kneipen mit Wurzeln in der Lotta Continua. Der Friedhof mit Gräbern der Familie Mendelssohn. Eine Rathauskantine im 10. Stock mit Blick übers Viertel. Nach fünf Jahren Leben am Südhang des Kreuzbergs kenne ich einige Landmarken und habe mich mit ein paar Nachbarn angefreundet. Ich habe meine zwei, drei Stammcafés (keine Kneipen!), wiederkehrende Einkaufsroutinen. Erste Lieblingsrestaurants haben geschlossen (Alsancak), neue sind entstanden (Babikyu).

Das Katzbachstadion irgendwann zwischen den Weltkriegen. Links im Hintergrund die Schultheissbrauerei

Generationsmäßig füge ich mich gut ein – ergraute Zausel gibt es hier zuhauf, da kann ich sogar problemlos noch ein bisschen nachaltern. Es nervt mich etwas, dass viele von denen, um es mit einem neuen Buch über die 68er Generation zu sagen, Adorno wahrscheinlich eher mitgesungen haben, wie in der Oper ohne irgendetwas zu verstehen – weder Adorno noch die Welt. Aber es gibt auch ein paar kluge Alte, und es gibt die vielen Jungen, tätowiert oder nicht tätowiert. In der Dudenstraße hat direkt gegenüber dem Tattoo-Studio ein Studio für Tattoo-Entfernung aufgemacht – klar, wo in diesem Wettstreit meine Sympathien liegen. Und im Café Berghütte am Kreuzberg spielt der gutaussehende Besitzer im Sommer beim Aufräumen „Golden Brown“ von den Stranglers in einer mir unbekannten Cover-Version, sein Hund lächelt einen müde an, wenn man sich niederlässt.

In Sachen Urbanität kann Kreuzberg 61, kann überhaupt Berlin nicht mithalten mit Beijing oder Tokyo. Aber es ist ganz nett hier. Und ich habe den Eindruck, ich habe noch viel zu entdecken. Ich muss meinen Widerwillen überwinden gegen diese typischen Berliner Dauerhypes, gegen das eitle Mitte und das Über-Eppendorf Prenzlauer Berg mit ihren Dutzenden von Food- und Designblogs, gegen den Graffiti-Schmuddelkult von Kreuzberg 36 oder Neukölln, gegen die habituelle Wurschtigkeit dieser Stadt, gegen ihre erstaunlich unbeholfenen, zögerlichen Autofahrer. Ich freue mich auf den Frühling, wenn Berlin endlich wieder seinen grünen Schmuck anlegt und ein bisschen von der Anmutung der großen eleganten preussischen Metropole durch den Schutthaufen hindurchscheint, den die Nazis hier hinterlassen haben.