Be Outraged.

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ – Kaum zu glauben, dass diese bittere Warnung aus dem Arturo Ui von Bertolt Brecht, die uns in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch sehr nahe war, nicht in Ehren über die Generationen und Jahre verblassen durfte, sondern jetzt, Jahrzehnte nach dem historischen Zusammenbruch der großen faschistischen Systeme, von neuem drohend aufscheint.

Gut drei Wochen ist es her, dass wir in den Alptraum einer bevorstehenden Trump-Präsidentschaft in den USA hinein aufgewacht sind. Natürlich gab es die Warnzeichen schon länger, mit Putin, mit dem Front National, mit Orban und Kaczynski, Pegida und der AfD, mit UKIP und dem Brexit. Aber erst seit dem 9. November 2016 gibt es wirklich keine Ausflüchte mehr, und wer jetzt nicht Farbe für Demokratie und eine offene Gesellschaft bekennt, macht den ersten Schritt zur Kollaboration.

Die beste Reaktion auf den Wahlsieg von Trump, die ich bisher gelesen habe, erschien bereits am nächsten Tag in der täglichen Sektion des New York Review of Books. Sie stammt aus der Feder von Masha Gessen, einer russischen Journalistin und Aktivistin im US-amerikanischen Exil: Autocracy. Rules for Survival. Der Text ist von einer unbeirrbaren Klarheit und Entschlossenheit, frei von Redundanz oder Selbstmitleid.

Gessen selbst hat eine lange Geschichte des Widerstands gegen autokratische Herrschaft – in ihrem Fall vor allem gegen Vladimir Putin, bis hin zu persönlichen Begegnungen mit dem ‚grauen Kardinal‘ im Kreml. Sie weiß, wovon sie redet. Wir sollten ihre Regeln zum Umgang mit dem angehenden Autokraten Trump ernst nehmen.

Jetzt hat sich in einem ähnlichen Sinn eine weitere Stimme zu Wort gemeldet, die es verdient, ernst genommen zu werden. Timothy Snyder, Historiker an der Yale-Universität und Autor einiger lesenswerter düsterer Bücher über Europa unter Stalin und Hitler, ist ebenfalls der Meinung, dass wir mit ganzem Einsatz um den Fortbestand von Demokratie und offener Gesellschaft werden kämpfen müssen. Wie Gessen formuliert auch Snyder seine Lehren aus der Geschichte als eine Liste von Ratschlägen.

Guter Rat ist natürlich wertvoll, in so einer Situation, in der man sich am liebsten mit ein paar Romanen oder TV-Serien für ein paar Jahre unter der Bettdecke verkriechen möchte. Kluge Verhaltensregeln öffnen den Blick nach vorne und erleichtern den Weg aus der Schockstarre.

Wem die Erste Hilfe von Gessen und Snyder nicht ausreicht, der kann einen Altmeister des zivilen Widerstands konsultieren: Gene Sharp und seine Albert Einstein Institution geben seit vielen Jahren Leitfäden zum gewaltfreien Widerstand gegen Diktaturen heraus. Die Behauptung, dass Sharp eine wesentliche Inspirationsquelle für die erste Phase des Arabischen Frühlings gewesen sei, wurde von arabischen Aktivisten deutlich zurückgewiesen. Angesichts der Entwicklung, die die Rebellionen in Ägypten, Libyen und Syrien genommen haben, wird Sharp darüber vielleicht ganz froh sein.