Publikumsverachtung

Als am 19. Juni 2015 der Rundfunkrat des WDR tagte und unter anderem über die geplante Programmreform des Senders diskutierte, gab es Unruhe im Publikum. Ein handgemaltes Plakat wurde hochgehalten, auf dem freie Mitarbeiter des offensichtlich bedrohten Reportageformats “hier+heute” den Erhalt der Sendung forderten.

Man kann ihnen nur “Viel Glück!” wünschen. Bislang sind solche öffentlichen Initiativen, egal ob von Mitarbeitern oder aus dem Publikum, bei den Intendanzen und Kontrollgremien meist auf taube Ohren gestoßen.

Ein kleiner exemplarischer Rückblick, natürlich ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit:

  1. Vor ziemlich genau 11 Jahren, im Juni 2004, startete in Hamburg die Initiative “Das ganze Werk”, die sich zum Ziel gesetzt hatte, angesichts der zunehmenden Verdudelung speziell der öffentlich-rechtlichen Kultursender NDR Kultur und rbb Kulturradio, der Zerstückelung klassischer Werke entgegenzutreten. Nach fast sechs Jahren, zum Jahresbeginn 2010, hat die Initiative ihr endgültiges Scheitern eingeräumt. Die Homepage, so kann man dort lesen, bleibe unter anderem “als Mahnmahl für die Unwilligkeit des NDR zum konstruktiven Dialog” erhalten.
  2. Im Jahr 2012 formierten sich die “Radioretter”, deren Ziel es war, Qualität bei der anstehenden Programmreform des Kulturradios WDR3 zu bewahren und sich der Quotenfixierung der Programmmacher zu widersetzen. Trotz zahlreicher prominenter Unterstützer und beträchtlichen Medienechos blieb die Initiative erfolglos.
  3. Ungefähr zeitgleich setzte sich eine weitere Initiative für den Erhalt der beiden Rundfunkorchester des SWR ein, die fusioniert werden sollten. Auch bei den “Orchesterrettern” gab es prominente Unterstützer, unter anderem setzte sich der FDP-Politiker und ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum für sie ein. Aber auch hier blieb die Initiative ohne Erfolg.
  4. Das jüngste Beispiel sind die fruchtlosen Bemühungen von treuen Hörern und Mitarbeitern des Deutschlandradios Berlin, das nächtliche Talkformat “2254” vor der Einstellung zu bewahren. Websites, eine Petition, wiederum erhebliches Presseecho, alles half nicht, den Intendanten Willi Steul und seinen Programmdirektor Andreas Weber zum Einlenken zu bewegen.
Die Integrität klassischer Musikpräsentation, Qualität versus Quote, der Erhalt von Orchestern, die Beteiligung der Hörer am nächtlichen Wortprogramm – es sind keine abwegigen oder verstaubten Ziele, für die sich Hörer hier in großer Zahl engagiert haben. Diese Ziele lassen sich vielmehr problemlos mit dem Funktionsauftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zur Deckung bringen.

Außerdem beweisen die Aktionen ein hohes Maß an Identifikation engagierter Hörer mit den Sendern und hätten somit das Potential geboten, weithin sichtbar Zeichen zu setzen für die Legitimation eines Rundfunks, der letztlich Eigentum seiner Hörer ist. Dennoch hat sich der Apparat kein Stück bewegt, geschweige denn eingelenkt. Bemerkenswert auch, dass nicht nur die Intendanzen, sondern auch die Rundfunkräte – auf dem Papier die Repräsentanten der Öffentlichkeit – den Initiativen der Hörer so wenig Respekt entgegen brachten.

PS: Der Fairness halber sei hier auch ein Gegenbeispiel erwähnt: Als im Winter 2012/2013 die nicht nur in Raver-Kreisen kultige Space Night des Bayerischen Rundfunks eingestellt werden sollte, weil aufgrund einer GEMA-Reform die Begleitmusik zu teuer geworden wäre, regte eine Hörerinitiative an, das Format mit Creative Commons-lizenzierter Musik fortzusetzen. Nach anfänglichem Zögern lenkte der Sender ein und setzte das Format fort, zunächst mit Wiederholungen alter Sendungen und ab November 2013 mit neuem Material. Es geht also auch anders.