Nauheimer Passionsgeschichten Anno 1915

Labyrinth2 Der ungewöhnlichste, abgründigste und beste Roman, den ich in letzter Zeit – einer Empfehlung von Julian Barnes im Guardian folgend – gelesen habe, erlebt in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag: Ford Madox Fords “The Good Soldier”, im Kriegsjahr 1915 zuerst erschienen, ist ein düsteres Kammerspiel, erzählt aus der Sicht eines der Beteiligten – der seine eigene Rolle im Drama allerdings schon im allerersten, berühmten Satz verleugnet: “This is the saddest story I have ever heard”.

John Dowell, wohlhabender Müßiggänger aus den USA, begleitet seine junge Frau auf einem mehrjährigen Kuraufenthalt im Europa der Vorweltkriegsjahre, sie leidet angeblich am Herzen. Dort, genauer gesagt: im hessischen Nauheim, treffen die beiden auf ein britisches Ehepaar, man befreundet sich, das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Wir Leser erleben einen ‘unreliable narrator’, wie ihn die Literatur wahrscheinlich vorher und nachher nicht gesehen hat. John Dowells Bericht ist ein flackernder, manchmal brillanter, oft enervierender Monolog voller emotionaler Aufs und Abs, zeitlicher und perspektivischer Sprünge und Brüche. Sehr früh schon wird klar, dass Dowell einer der Betrogenen in dem grausamen und tödlichen Spiel wechselseitigen Liebesverrats und emotionaler Verstrickungen ist, das er teils atemlos, teils widerstrebend enthüllt. Oder eher konstruiert? Er wird nicht das einzige Opfer bleiben.

Wie ein Betrunkener in einem der Glas- und Spiegellabyrinthe, die es früher auf großen Jahrmärkten gab, muss sich der Leser voran tasten, auf Sicht darf er sich nie verlassen. Viele, viele Fragen bleiben offen, und bald wird klar: die größte, wichtigste ist die nach der Rolle und der emotionalen Beteiligung des Berichterstatters selbst. Seine Erschütterung merkt man ihm an, er spricht auch gelegentlich von Eifersucht – nur nicht, wo sie nahe liegen würde. Überhaupt lässt sein Bericht Gefühle dort am meisten vermissen, wo man sie angesichts der Ereignisse eigentlich erwarten dürfte. Emotionen, wenn es denn welche sind, brechen sich Bahn eher in den Brüchen seiner Geschichte, in ihren abrupten Sprüngen.

Ist John Dowell in der dramatischen Abwärtsspirale, die er schildert, wirklich so passiv und unbeteiligt, wie es aussieht? Oder verleugnet er nur die Empfindungen, die ihn treiben? Ist er vielleicht ein Psychopath ohne echte emotionale Bindung an die Menschen, die ihm de facto am nächsten stehen, auf der Suche nach einem adäquaten emotionalen Gewand? Und wenn schon die Emotionen nicht richtig passen, von denen er berichtet, wie verhält es sich dann mit seiner Darstellung der Ereignisse?

Der Vergleich mit Gillian Flynns erfolgreichem (und gerade von David Fincher verfilmten) Thriller “Gone Girl” liegt nahe: Auch dort wird die Technik des unzuverlässigen Berichterstatters eingesetzt. Doch was bei Flynn ein clever genutztes Stilmittel ist, ist in Fords Roman substantiell. Ich bin sicher: Die absolute Bodenlosigkeit der Erzählung, die existentielle Verwirrung, die den Leser ergreift, wird sich auch bei wiederholter Lektüre nicht aufheben lassen. Und es lohnt sich, dieses Buch mehrfach zu lesen.