Ein Wissenschaftler seiner selbst

Vor einigen Tagen hat mich die Nachricht erreicht, dass Seth Roberts am 26. April auf einer Wandertour in der Nähe seiner Heimatstadt Berkeley gestorben ist.

Ich habe Seth im Herbst 2008 in Beijing kennengelernt, in einem Café im Universitätsviertel nahe der Qinghua-Universität, das damals noch den schönen Namen ‚Sculpting in Time‘ trug (heute heißt es ‚Bridge‘). Dieses Café ist einer jener für Beijing typischen Plätze, wo man rund um die Uhr abhängen oder arbeiten kann, mit kostenlosem Wifi, Kaffee, Kuchen und amerikanisiertem Italo-Food. Die Mehrzahl der Besucher sind ausländische Studenten, aber auch Chinesen treffen sich dort gerne.

Ich hatte von Seth vorher schon gelesen und auch einige Fotos von ihm gesehen. Er war in der kalifornischen Internet-Szene so etwas wie eine stille Berühmtheit – nicht als digitaler Pionier, obwohl er seit vielen Jahren auch ein Blog führte, sondern als prototypischer Lifehacker. Zu seinen Freunden zählen Leute wie der WIRED-Starautor Gary Wolf oder der Ökonom Tyler Cowen.

Seth hatte, als bereits erfolgreicher empirischer Psychologe und einer der jüngsten Psychologie-Professoren mit Tenure an der Universität Berkeley, irgendwann damit begonnen, sein eigenes Leben zum Gegenstand seiner Forschung zu machen. Er fing an, seinen Körper und seine Seele zu vermessen. Alles, was ihm wichtig schien, Gewicht, Gesundheit, Stimmung. Dann stellte er elaborierte Versuchsreihen auf, erhob statistische Korrelationen, und veränderte sein Leben entsprechend den Ergebnissen. Er war damit ein Vorreiter der später so erfolgreichen Quantified Self-Bewegung.

Manche von Seths Resultaten leuchten unmittelbar ein (er schlief besser, wenn er vorher im Stehen gearbeitet hatte), andere sind ausgesprochen kurios. So fand er heraus, dass er an Tagen, an denen er früh morgens die Gesichter anderer Menschen sah, glücklicher war, als an Tagen, an denen dies nicht der Fall ist. Soweit, so gut. Verrückt war nur, dass es nicht darauf ankam, ob er diese Gesichter leibhaftig vor sich hatte. Er machte es sich fortan zur Gewohnheit, jeden Morgen das Frühstücksfernsehen anzuschalten.

Am bekanntesten wurde Seth durch eine Diät. Diese beruht auf der Annahme, dass es gelingen kann, den sogenannten Set Point des Körpers, an dem sich das Sättigungsgefühl einstellt, zu beeinflussen, wenn man sich zwischen den Mahlzeiten eine gewisse Quantität von Kalorien möglichst ohne Geschmacksreize zuführt. Die Beobachtungen, die zu dieser Annahme geführt haben, sowie die Details des Verfahrens sind zu kompliziert, um sie hier auszuführen. Dennoch wurde das Buch, das er darüber veröffentlichte (The Shangri-La Diet) ein moderater Erfolg, genug, um es ihm zu ermöglichen, sich in Berkeley mit Mitte Fünfzig vorzeitig emeritieren zu lassen.

Was ihn nach China verschlagen hat, ist aus unseren Gesprächen nie wirklich deutlich geworden. Er kam jedenfalls nach Beijing und nahm das Angebot einer Gastprofessur an der renommierten Qinghua-Universität an. Dort hielt er in den folgenden Jahren überwiegend Proseminare zu Empirie und Methoden, die Semesterferien verbrachte er bei Familie und Freunden in den USA.

Wir waren im Café ins Gespräch gekommen, und es hat nicht lange gedauert, bis ich herausgefunden hatte, warum mir das Gesicht des leicht verzausten Exzentrikers an meiner Seite so bekannt vorkam. Wir haben dann öfter miteinander geredet oder sind zusammen essen gegangen. Lange Zeit haben wir nicht über seine Experimente gesprochen, sondern vor allem Erfahrungen über das Hochschulleben ausgetauscht. Seth war ein interessierter, aufmerksamer Zuhörer. Als ich ihm von positiven Erfahrungen mit Studierenden berichtete, bat er mich um einen genauen schriftlichen Bericht, den er sofort in seinem Blog veröffentlichte.

Später habe ich ihn dann gelegentlich nach dem Stand seiner eigenen Forschungen gefragt. Er war überwiegend mit Verfeinerungen an seiner Diät beschäftigt, und ich hatte den Eindruck, dass die enthusiastische Phase erster Entdeckungen vorüber war. Seth wirkte oft ein bisschen traurig und verloren in China, und ich rechnete eigentlich damit, dass er irgendwann ganz in die USA zurückkehren würde.

In den Zeiten, in denen ich nicht in Beijing, sondern in Deutschland war, war er eine unaufdringliche, freundliche Präsenz in der Namensliste meines Instant Messengers. Irgendwann einmal in den frühen Morgenstunden meldete sich jemand unter seiner Identität mit einem dringenden Hilferuf – irgendeine Räuberpistole über einen Überfall auf einer London-Reise, den Verlust von Geld und Papieren. Ich brauchte nur ein paar Minuten, um wach zu werden und die Geschichte als das zu erkennen, was es war: ein typischer Scam mit einer gestohlenen Online-Identität. Aber es war lange genug, um an meiner aufflammenden Sorge zu erkennen, wie sehr mir Seth ans Herz gewachsen war.

Ich werde ihn vermissen.