Theorieferne

Es war mal cool, eine Theorie zu haben. Wissenschaftler – und wer wollte das nicht sein – hatten eine Theorie zu haben, oder doch zumindest eine Methode.

Kürzlich ließ ein uns bekannter chinesischer Medienwissenschaftler anfragen, welcher Methode sein deutscher Kollege denn folgen würde. Als die Frage an mich weitergetragen wurde, habe ich erstmal mit Befremden reagiert. Methode bei was? Beim Meditieren oder Joggen? Im Unterricht? Oder meinte er tatsächlich bei der Forschung? An Fachhochschulen wird nicht geforscht. Und wenn doch, so gibt es natürlich keine Antwort auf die Frage nach der EINEN Methode. Je nach Fragestellung wird man unterschiedlich vorgehen, mal qualitativ, mal quantitativ, mal empirisch, mal begriffsanalytisch.

Methoden sind Werkzeuge, und das gleiche gilt in gewisser Weise auch für Theorien, die Modelle, die unser Handeln lenken. Ein guter Handwerker kennt seine Werkzeuge – und ihre Grenzen. Die Wirklichkeit ist zu kompliziert für Theorien. Es liegt nahe zu folgern, dass die Anwendung von Theorien der Wirklichkeit immer Gewalt antut. Wissenschaftliche und philosophische Schulen stehen der Erkenntnis nur im Wege. Der deutsche Philosoph Odo Marquard hat mal geschrieben: „Die Geschichtsphilosophen haben die Welt nur verschieden verändert. Es kommt darauf an, sie zu verschonen.“

Und dennoch ist Theorieferne auch schädlich. Heute hat sich einer meiner Kollegen über den Mangel an genuin theoretischen Diskussionen in seiner Standesvereinigung beklagt. Ich glaube, er meinte: Denkfaulheit. Odo Marquard ist Ironiker. Ironie und Zynismus sind immer gute Tarnungen für Denkfaulheit. Wir kommen ja gar nicht umhin, Theorien anzuwenden. Wir können die Welt nicht verschonen. Aber wir haben die Verantwortung, unsere Werkzeuge immer weiter zu schärfen. Das heißt, wir müssen theoretische Diskussionen führen, Diskussionen über und immer wieder gegen Theorien.

In diesem Sinne schließe ich mit einer kleinen Anekdote, die ich gestern auf Twitter gelesen habe: